Erste Sequenz: Heute

Wenngleich Schalke aus politischen Gründen anderer Meinung ist, hat sein verlorener Sohn durchaus einen Sinn für Humor und Ästhetik, wie es Manuel Neuer noch kürzlich bewies: Denn am vorvergangenen Spieltag schenkte der Torhüter Herrn Schweinsteiger ein verschmitztes Lächeln, nachdem dieser in der 82. Minute eine brenzlige Situation vor dem eigenen Kasten auf dieselbe Art und Weise entschärfte, wie Schweinsteiger gegenüberliegend 30 Minuten zuvor den entscheidenden Treffer in der Frankfurter Arena erzielt – und somit auch den Gewinn der Meisterschaft besiegelt hatte: mit einem Hackentrick.

Ein Klick auf das Bild führt zur Quelle des Screenshots (SkySportHD-Kanal bei YouTube).

Die Zeiten der Bayern, in denen eine Achse begabter Einzelkünstler umringt von Kaderfüllsel durch die Bundesliga marschierte, sind vorüber:
Der sukzessive Gebrauch des Festgeldkontos repräsentiert die Einsicht im Münchener Management, dass mit Mogelpackungen und Kompromisslösungen wie Lell, 
Pranjić, Ottl, Rensing oder Braafheid künftig noch manch nationaler Titel zu gewinnen wäre, aber niemals internationales Glanz und Gloria.
Deshalb ist Heynckes heuer Herbergsvater eines Kaders von nie dagewesener Qualität, mit Guardiola wird über Jahre nur noch besser werden, was sich zur Stunde vor Superlativen kaum noch retten kann. Die Bayern sind so stark, dass selbst einem Franck Ribéry zwar höchstpersönliche Sprechchöre von den Tribünen zuteil werden, der Franzose aber dennoch Arbeitskraft einer flachen Hierarchie, Spieler einer Mannschaft, ein Rädchen im Getriebe ist.
Und obwohl der Medienzirkus für gewöhnlich nach Helden und Protagonisten schmachtet, gebühren gar laut Presse 
die meisten der bis dato 37 Saisonsiege dem bajuwarischen Arrangement, trotz all der instinktiven Einzelaktionen, Doppelpacks und Geniestreiche, also den Asphaltschichten der Erfolgsspur.
Doch die Berichte aus Frankfurt wussten ausnahmsweise einen der vielen Giganten hervorzuheben. Während die Schlagzeilen den Meistertitel des FCB verkündeten, zeigten die ringsum dekorierenden Bilder vorzugsweise ihn: Herrn Schweinsteiger.

Zweite Sequenz: Gestern

Genau wie die Aufnahmen von Schweinsteigers lässigem Jubelmarsch nach seinem Frankfurter Sahnestück die definitive Meisterschaft symbolisierte, versinnbildlichte Schweinsteiger knapp 11 Monate zuvor die größte Tragödie der Vereinsgeschichte, also eine noch tragischere Tragödie als jene von 1999, die 13 Jahre als nicht steigerungsfähig galt. Doch anders als in Barcelona war das Drehbuch für jenen frühsommerlichen Spätabend im Herzen des Maien 2012 im Voraus geschrieben worden, die dramaturgische Inszenierung war nicht bis ins Detail geplant, denn künstlerische Freiheiten sind ein hohes Gut. Der Schlussakt jedoch, er war geschrieben, der Wanderpokal dito graviert.
Weil nämlich das prollige Chelsea das feudale Barcelona aus dem Wettbewerb geantifußballt hatte und ohne ein gesperrtes Stammspieler-Quartett um Kapitän Terry zum Auswärtsspiel alias »Finale dahoam« nach München reiste, schien den Bayern Europas Krone bereits auf dem Silbertablett serviert.
Tatsächlich entwickelte sich ein Endspiel, das der FCB im Verlauf gar dreimal gewann, je vermeintlich: Zunächst nach dem 1:0 durch Müller, dann nach dem Elfmeterpfiff in der Verlängerung und final nach dem Patzer von Mata im Entscheidungsschießen. Dieses dreimal gewonnen geglaubte Spiel ging am Ende verloren. Chelsea schrieb eine Parodie auf das Drehbuch der Münchener, eine Parodie, die ungeachtet ihrer Irrationalitäten in die Faktensammlung der Fußballgeschichte eingegangen ist. Die Zukunft des FC Bayern kann noch so erfolgsverwöhnt sein. Uli Hoeneß wird diesen Moment als den schwärzesten seines sportlichen Lebens mit ins Grab nehmen, und Schweinsteiger wird in einem fort derjenige sein, der es am Ende vergeigte.
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Dritte Sequenz: Vorgestern

Schweini gibt es längst nicht mehr. Also Schweini, dieses einstige Postermotiv und Sommermärchen-Teenie-Idol eines neuen Fußballdeutschlands, das dem ribbeck’schen Schatten endgültig entfliehen und der internationalen Elite wieder zugehörig sein wollte. Dieses neue Fußballdeutschland, das überdies bestrebte, sich zu Hause bis in die generationen- und schichtübergreifende Massenkompatibilität zu inszenieren, ganz fashionable, um im Sommer 2006 also nach außen hin unweigerlich einen auf schön Wetter machen zu können:
»Die Welt, aller Geschichtsschreibung zum Trotze, zu Gast bei Freunden«.
Von dieser monumentalen Rolle, für die sich der damalige Flügelspieler nie beworben hatte, konnte Schweinsteiger sich emanzipieren, indem er weiter Fußball spielte, irgendwann und seither auch im Zentrum, sich aber, allen fußballerischen Nuancierungen übergeordnet, nicht beirren ließ – als Mensch.

Sebastian Deisler, der möglicherweise noch heute Stammspieler der Nationalmannschaft wäre, wenn wir ihn damals in Ruhe gelassen hätten, war diese Energieleistung seinerzeit nicht vergönnt. »Deislerin« hieß er intern, »Basti-Fantasti« extern. Um Sebastian Deisler sein zu dürfen, sah er sich 2007 nach einer jahrelangen Leidenszeit, in der er schon lange nicht mehr sein Potenzial hatte ausschöpfen können, dazu gezwungen, seine Karriere zu beenden, sich zurückzuziehen und Fußballdeutschland brachte sich damit selbst um den begabtesten Spielmacher seiner Moderne, entdeckte erst Jahre später in Mesut Özil einen ebenbürtigen. – Bei dieser Erwähnung geht es ausschließlich um die strukturellen Ähnlichkeiten der Karrieren von »Schweini & Basti-Fantasti«, aber mitnichten um einen Vergleich zweier Menschen. Das wäre an den Haaren herbeigezogen. Schon gar nicht im Sinne von Gewinner und Verlierer, robust und zart. Das wäre pietätlos. Diese Zeilen sind keine Halunken! Diese Zeilen aber, sie möchten an dieser Stelle erinnern:
Erinnern an Sebastian Deisler, 
und jene Bürde, die seit der Jahrtausendwende nicht wenige Spieler zu tragen haben, nämlich unsere Bedürfnisse befriedigen zu müssen, weil nicht bloß die 90 Minuten (das ist der Verrat am Fußball), sondern auch der Alltag jenseits der Spielflächen (das ist der Verrat am Menschen) ein ergötzendes Spektakel sein soll.
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Vierte Sequenz: Zeitlos

Weil Schweinsteiger sich der auferzwungenen Let-Me-Entertain-You-Rolle also hat entledigen können, hinterlässt der fehlende Spitzname seither eine Lücke. Erwachsen ist der nimmermüde Eifer, diesen Schweini, der keiner mehr war, aufs Neue zu kategorisieren, das Schweini-Vakuum mit Etiketten zu füllen. Kein Spieler wird und wurde hierzulande jemals so kritisch betrachtet, so umfangreich analysiert und so häufig porträtiert wie Schweinsteiger:
Die Gazetten, die Fachmagazine, die Kolumnisten, die Fans sind verzweifelt auf der Suche nach einer Schublade für Schweinsteiger: Als Defensiv-Ass, Denker und Lenker, Taktgeber, Kreativspieler, Kampfschwein, Laufwunder, Anführer, Regisseur und noch mehr wurde Schweinsteiger in den vergangenen Jahren bezeichnet. Die Debatte, ob Schweinsteiger das Attribut »Weltklasse« zusteht, ist auch außerhalb von München zu einem philosophischen Disput, einem zähen Ringen um die Deutungshoheit über Schweinsteigers Leistungen und Charakter geworden. Und weil heutzutage die Positionsspielchen im Fußball wie Atomphysik betrachtet werden, wird es noch verworrener. Die Fachleute streiten sich ferner, ob Schweinsteiger nun ein 10er, 6er oder 8er ist, ob er im ZM, DM oder ZOM zu Hause ist. Da geht es um weit mehr, als bloß taktisches Interesse. Denn all jenen sachlichen Gedankengängen übergeordnet ist es eine weitere Etappe auf der zeitlosen Suche nach einer Gestalt für den verlorenen Sohn alias Schweini. Und bei der Reflexion der Dynamik dieses jahrein, jahraus verlaufenden Etikettierungsprozesses könnte man beinahe vermuten, dass Schweinsteiger an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet.
Oder aber, dass Schweinsteiger der Einzige ist, der einen klaren Kopf behält. 

Die zeitlose Suche nach einer Form setzt sich aus diversen Intervallen zusammen, die jeweils den thematischen Rahmen vorgeben, innerhalb dessen Schweinsteiger einen neuen Namen bekommen soll. Weil sich momentan sowohl der FC Bayern als auch die Nationalmannschaft in einer narzisstischen Verfolgungsjagd auf den FC Barcelona beziehungsweise La Furia Roja wähnen, ist das spanische Mittelfeld im gegenwärtigen Intervall der Resonanzkörper, in den aufmerksam gehorcht wird, um das passende Alter Ego für Schweinsteiger zu finden, – anstatt Schweinsteiger einfach mal Schweinsteiger sein zu lassen.
Xavi, Iniesta und Busquets sind das Mittelfeld-Grundgerüst dieser beiden Mannschaften. Ihre Aufgaben unterscheiden sich erheblich, aber jeder der Drei hat seine Funktion perfektioniert. In den vergangenen fünf Jahren wurde das Triumvirat zweimal Europa- sowie einmal Weltmeister, zweimal Pokalsieger sowie viermal Meister in Spanien, zweimal Sieger der Königsklasse und noch mehr so Klimbim. Doch glaubt man den hiesigen Autoritäten, gilt für Schweinsteiger offenbar, dass er dieses Triumvirat in Personalunion ist:obstkorb

Diese Zitate von Fachleuten können lediglich andeuten, wie exzessiv die Suche nach Metaphern und Spiegelbildern für Schweinsteiger unter Fußballfans und im Boulevard betrieben wird. Und zweifelsohne werden bei der gegenwärtig so angesagten Gegenüberstellung mit dem spanischen Ensemble einmal mehr nicht bloß Äpfel mit Birnen verglichen. Sondern vielmehr Schweinsteiger mit einem Obstkorb. Doch warum eigentlich? – Nun, weil Fußballdeutschland sagt, dass Schweinsteiger nicht Schweinsteiger sein darf.
Und diese Zitate sind nicht etwa der exemplarische Ausschnitt eines Systems. Wer sich nämlich auf die Suche nach ähnlichen Vergleichen begibt, der wird kaum einen finden. Niemand faselt herum, dass Özil sich nicht hinter Mata oder Cazorla verstecken braucht, Hummels in einer Liga mit Piqué und Vidić spielt, es zwischen Lahm und Jordi Alba keine großen Unterschiede gibt oder etwa, dass Gauck und die Queen die besten Staatsoberhäupter der Welt sind.
Aber zeitlos, weil existenziell ist sie, die rastlose Fahndung nach einer Gestalt für Fußballdeutschlands verlorenen Sohn alias Schweini.

(…) 

Die Sequenzen fünf »Morgen« und sechs »Übermorgen«
folgen ebenso im Verlaufe der Woche wie auch die Schlusssequenz »Schweinsteiger Sein. Wie man bleibt, was man war.«

Am 1. September 2012 war die Saison noch blutjung: Der zweite Spieltag stand da auf dem Programm, die TSG Hoffenheim empfing Frankfurt, Endstand 0:4.

Doch im Spätsommer hatte man noch keinen blassen Dunst, dass die folgende, groteske Szene symptomatisch für den Saisonverlauf im Kraichgau sein würde. Denn sieben Monate später hat mit Markus Gisdol der vierte Trainer in dieser Spielzeit sein Amt angetreten. »Das« mit Namensvetter Babbel, der mit 1899 in die Saison gestartet war, ist gefühlt schon fünf Jahre her – so viele sind auf allen Ebenen gekommen, gegangen, wurden eingewechselt, rausgeschmissen, befördert, verpflichtet, verbannt, verkauft, vergessen.

Am zweiten April wurde der Neue offiziell vorgestellt, nicht jedoch am ersten. Im Kraichgau wollte man wohl vermeiden, dass Fußballdeutschland einen Aprilscherz vermutet, wenn Geschäftsführer Briel auf der Pressekonferenz verlautbart, dass es mit Gisdol »zurück zu den Wurzeln gehen« soll.

Am Freitagabend wird Gisdol im Heimspiel gegen die Düsseldorfer Fortuna zum ersten Mal an der Seitenlinie stehen. Gleichzeitig bietet sich seinem Verein zum letzten Mal die Chance, sich im Abstiegskampf aufzubäumen.
Die Leistung der TSG Hoffenheim wird über das weitere Schicksal der folgenden Szene entscheiden – aber zuvorderst über ihr eigenes: Fatum oder Fortuna.

16:53 Uhr, 66. Spielminute:

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16:56 Uhr, 69. Spielminute:

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16:57 Uhr, 70. Spielminute:

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(Die Screenshots stammen aus den Spielereignissen von kicker online.)

Sowohl in Turin als auch in München schien man die Auslosung des Viertelfinales der Königsklasse wie einen Kompromiss zu begreifen:
Es hätte zwar besser kommen können, aber doch auch viel schlimmer.

Die Offiziellen beider Lager wurden so nicht müde zu betonen, dass es sich um ein „Duell auf Augenhöhe“ handele, das allseits mit Vorfreude erwartet wird. Und tatsächlich verspricht diese Begegnung die größte Spannung aller Viertelfinalspiele. Doch nicht nur das: Für die Anhänger des Europäischen Klubfußballs hätte in der schweizerischen Gemeinde Nyon wohl kein anderes Duell ausgelost werden können, das ein derart aufschlussreiches Kräftemessen zweier Spitzenvereine in ihrer jeweiligen Gegenwart verspricht, und das zudem ein Kräftemessen zweier Rekordmeister ihrer jeweiligen Heimat ist.

Juventus’ Chronologie der Ereignisse

Als sich die Italienische Nationalmannschaft im Sommer 2006 zum Weltmeister kürte, war das auch ein symbolischer Sieg, ein Befreiungsschlag, ein Lebenszeichen für ihren heimischen Calcio. So hoch wie Fabio Cannavaro die Trophäe in den Nachthimmel von Berlin reckte, so tief steckte der italienische Fußball im Sumpf: Marode Stadien ohne Zuschauerandrang, Gewaltprobleme in den Kurven und zuvorderst der Manipulationsskandal zwangen die heimische Serie A in die Knie. Heute, sieben Jahre später, hat sich die Liga tapfer wieder auf die Beine gestellt. Doch der Verein, der damals am tiefsten gefallen war, ist auch der Verein, der seither am höchsten emporgestiegen ist: Juventus Turin.

Während andere Klubs wie AC Mailand, AC Florenz und Lazio Rom lediglich mit Punktabzügen bestraft wurden, traf es den Rekordmeister 2006 doppelt: Juventus wurde zum Zwangsabstieg in die Serie B verdonnert und sollte dort mit 30 Minuspunkten in die Saison starten. Zwar kämpfte der Verein bis zum Schluss darum, den bitteren Gang in die Serie B nicht antreten zu müssen, doch als sie final zivilrechtliche Schritte im Jenseits der UEFA-Kompetenzen anstrebten, schaltete sich Sepp Blatter ein. Das Staatsoberhaupt der Fußballwelt muss klare Worte gefunden haben, in etwa diese: »Zivilrecht gibt’s hier nicht. Wenn ihr das tut, knipse ich Euch und ganz Italien das Licht aus.«

Retrospektiv hat sich der Zwangsabstieg mit Blick auf die Gegenwart aber für Juventus sogar gelohnt. Das klingt paradox und es hätte tatsächlich auch mächtig schief laufen können, doch heute steht fest, dass es für die Turiner eine gute Möglichkeit war, verkrustete Strukturen aufzubrechen und mit Sinn und Verstand einen Neuanfang anzustreben. Einen Neuanfang, dessen Gelingen sich alleine durch die Erfolge der vergangenen beiden Spielzeiten definiert sieht, der amtierende Meister Juventus Turin ist auf dem besten Wege, seinen Titel in diesem Jahr zu verteidigen.

Interessant bei der Rückbetrachtung ist, dass Juventus Turin den Horror namens Zwangsabstieg gemeistert hat, aber die Sekundärstrafe dafür eine wesentliche Rolle spielte: Das Defizit von 30 Minuspunkten wurde in zwei Schritten auf zunächst 17 und schließlich auf 9 Strafpunkte herabgesetzt. Diese Tatsache mag über das Schicksal des Vereins entschieden haben, denn durch die verbesserte Ausgangslage für die Zweitligasaison ließen sich Leistungsträger wie Buffon, Camoranesi, Del Piero, Nedved und Trezeguet für einen Verbleib erwärmen. Zwar verließen namhafte Akteure wie Ibrahimovic und Viera den Verein, aber durch die Loyalität der genannten Spieler konnte Trainer Deschamps ein überragendes Team für den Wiederaufstieg formen. Mit den ursprünglich 30 Minuspunkten hätte Juventus aber zumindest 75 Punkte erspielen müssen, um überhaupt den Klassenerhalt zu gewährleisten von einem sofortigen Wiederaufstieg hätte folglich nicht die Rede sein können. Ob sich das Starensemble um Buffon und Trezeguet unter diesen Umständen auf mindestens zwei Spielzeiten in der Serie B eingelassen hätte, darf stark bezweifelt werden. 

Repräsentierte Juventus also vor sieben Jahren den Abgrund des italienischen Fußballs, steht der Verein heute für das komplette Gegenteil, und lässt die gesamte Serie A Morgenluft wittern. Der Verein ist nicht nur sportlich wieder an der Spitze, sondern auch von der Infrastruktur. Die meisten Stadien der Liga sind immer noch in einem kläglichen Zustand, der Zuschauerzuspruch verbessert sich nur langsam. Insofern ist das wiedergenesene Juve ein Paradebeispiel für die gesamte Liga und ihre Ambitionen für die Zukunft.
Mit der Saison 2011/12 begann für Juve also ein Kapitel, das noch lange nicht zu Ende geschrieben ist: Im November 2011 wurde das Juventus Stadium eröffnet, für jeden Fußballfan ist diese Arena ein Schmuckkästchen, doch innerhalb der Serie A steht das neue Stadion, wie angedeutet, in einem gewaltigen Kontrast zu den meisten der nationalen Konkurrenz; das Juventus Stadium ist regelmäßig ausverkauft. Zur gleichen Zeit begann auch ein neues Kapitel auf dem Trainerstuhl: Antonio Conte, der knapp 300 Spiele als Aktiver für den Verein bestritt, wurde zum Heilsbringer für Juventus Turin.

Juventus’ Gegenwart

Das aktuelle Team von Juve setzt sich in seiner Chronologie aus mehreren Ebenen zusammen, von denen zwei äußerst erwähnenswert sind. Zum einen befinden sich mit De Ceglie, Giovinco und Marchisio Spieler im Kader, die der eigenen Fußballschule entstammen. Ihnen kam der Zwangsabstieg gelegen, denn sie bildeten unter Trainer Deschamps mitsamt dem angesprochenen Starensemble eine heterogene Mannschaft, die in einem intakten Teamgeist zur Eintracht wurde. Zum anderen gesellten sich im Sommer 2011 neben Trainer Conte auch einige Neuankömmlinge zur Mannschaft, die fortan im neuen Stadion einen fantastischen Fußball spielt. Besonders hervorzuheben sind Lichtsteiner (kam von Lazio Rom), Vidal (Leverkusen), Pirlo (Milan) und Vucinic (Roma). Alle vier übertrafen die Erwartungen bei weitem.

Juventus’ Taktik

Für die Zuschauer aus Fußballdeutschland ist die anstehende Begegnung vor allem in einer Hinsicht hochgradig interessant, denn Conte spielt seit geraumer Zeit mit einem System, das hierzulande kaum bekannt ist. In Deutschland (wie auch in England, Frankreich und Spanien) spielt quasi jedes Team mit der allseits bekannten Viererkette, die sich aus je zwei Innen- und zwei Außenverteidigern formiert. In der Serie A praktizieren aber immer mehr Teams eine Alternative, die sich im Wesentlichen aus einer Dreierkette und zwei Flügelverteidigern zusammensetzt.

Die Vorteile liegen auf der Hand, denn die Viererkette, die seit circa 15 Jahren europaweit der Standard ist, hält ein immenses Anforderungsprofil für die Außenverteidiger bereit: Positions- und Stellungsspiel, gute Flanken, Zweikampfstärke, Schnelligkeit und vieles mehr. Demgemäß ist es kein Wunder, dass es kaum Vereine in Europa gibt, die jene Positionen nicht als latente Problemzone kennen, denn das Angebot an fähigen Außenverteidigern ist gering, die Nachfrage aber riesig. Auch der FC Bayern hat erst unlängst mit dem Duo Lahm/Alaba eine sehr gute Lösung gefunden. Erinnerungen an frühere Kandidaten wie Oddo, Lell, Braafheid und Pranjic zeigen, wie schwer sich die Münchener mit der Suche nach einem tauglichen Pendant für den gesetzten Lahm jahrelang getan haben.

Chelsea

In dieser Formation spielte Juventus Turin beim FC Chelsea

In der Gruppenphase der diesjährigen Champions-League-Saison lief Juventus mit dem abgebildeten System an der Stamford Bridge auf. Mit Hinblick auf das bevorstehende Spiel gegen Bayern München folgt auf dieser Grundlage nun ein Einblick in die Funktionsweise des Systems und wie Trainer Conte es für das bevorstehende Spiel anpassen könnte. (Buffon#1 steht natürlich im Tor.)

I. Die Dreierkette (schwarz): #3 Chiellini, #19 Bonucci, #15 Barzagli

Diese Formation basiert also auf drei Innenverteidigern, die auf einer Höhe agieren. Im Gegensatz zur früheren Dreierkette, die bis Ende der 90er Jahre allerorten Standard war, agiert der zentrale Spieler nicht als Libero an der Seite von zwei Verteidigern, die wiederum als Manndecker fungieren.

Für Dienstag → Die Standardbesetzung der Dreierkette gilt für die Partie gegen München als gesichert. Für seltene Fälle hat Trainer Conte auch noch die Formation mit einer Viererkette in petto, greift aber nur in Notfällen auf diese zurück. Der überragende Chiellini musste zwar kürzlich eine kleinere Verletzung auskurieren, stand aber vergangenen Samstag im Derby d’Italia gegen Inter über 90 Minuten auf dem Platz und wird auch gegen München auflaufen können. Sein Ausfall wäre ein herber Verlust für Conte gewesen.
Bonucci wird sich in erster Linie um Mandzukic, die wahrscheinliche Sturmspitze der Bayern, kümmern, während Chiellini und Barzagli sich zu den Außenstürmern (Ribery und Müller/Robben) orientieren werden, wobei sie nennenswerte Unterstützung von den Flügelverteidigern erhalten werden.

II. Die Schaltzentrale (rot): #21 Pirlo

Pirlo, der im Sommer 2011 ablösefrei von Milan nach Turin wechselte, ist das Prunkstück dieses Systems, die Herz-Lungen-Maschine. Stand er bei Mailand noch auf dem Abstellgleis, ist er in seinem zweiten Frühling zum maßgeblichen Spielgestalter geworden, der es in dieser Funktion seinem Trainer erlaubte, dieses System so erfolgreich umzusetzen. Durch seine Erfahrung, seine Spielübersicht und -intelligenz, seine Passgenauigkeit, aber auch durch seine Defensivqualitäten ist er der essentiellen Faktor aller Überlegungen Contes.

Für Dienstag → Mit Pirlos Effektivität wird die gesamte Leistung des Teams stehen und fallen. Wahrscheinlich wird es häufig zu beobachten sein, dass Pirlo sich im Spielaufbau bis in die Dreierkette zurückfallen lässt, um über genügend Zeit und Raum zu verfügen, um das Spiel zu gestalten. Des Weiteren wird sich an seinem Verhalten ablesen lassen, wie gut die Taktik der Bayern funktioniert. Denn je ideenloser Pirlo in seiner Rolle agiert, desto besser kommen die Münchener ihren Aufgaben nach.

III. Die Flügelspieler (orangefarben): #22 Asamoah, #26 Lichtsteiner

Diese Position ist die strukturelle Crux des Spielsystems. Im Gegensatz zu den Außenverteidigern in der Viererkette genießen die Spieler auf den Flügeln mehr Freiheiten. Die defensive Dreierkette hält ihnen den Rücken frei, dadurch verringert sich auch das Anforderungsprofil. Je nach Spielsituation und je nach Gegner ist es den Flügelverteidigern erlaubt, sich auf einer unterschiedlichen Höhe zu positionieren. Nominell ergibt sich meist ein 3-5-2, aber sowohl bei einer defensiven Orientierung als auch der Ergebnissicherung ergibt sich eher ein 5-3-2 System.
Ferner können die Flügelspieler bei einer offensiven Ausrichtung auch derart stürmisch agieren, dass das System einem 3-3-4 gleicht.
Losgelöst von der höheren Wahrscheinlichkeit, geeignete Spieler für diese Position zu gewinnen, ist eben diese Variabilität die große Stärke des Systems mit Dreierkette und Flügelverteidigern.

Für Dienstag → Selbstredend wird sich Juventus im Hinspiel, das sie folglich auswärts bestreiten, eher defensiv ausrichten. Deshalb wird die Formation häufig einem 5-3-2 System ähneln, gegen die bärenstarken Außenstürmer werden, wie oben angedeutet, Asamoah und Lichtsteiner den nominellen Verteidigern maßgebliche Unterstützung leisten müssen. Wenn Conte seine Mannschaft auch nominell stabiler ausrichten möchte, ist es eine Option, dass Asamoah für den defensiv stärkeren Peluso weichen muss.

IV. Das offensive Mittelfeld (blau): #8 Marchisio, #23 Vidal

Auch diese Positionen agieren flexibel. Im Spielaufbau oder bei einer defensiveren Ausrichtung spielen beide (oder zumindest Vidal) häufig auf einer Höhe mit Pirlo. Allem übergeordnet ist diese Position maßgebliches Bindeglied zwischen Defensive und Offensive. Hier zeigt sich also ein weiterer Unterschied zu den meisten Systemen mit Vierkette, denn entfaltet beispielsweise in einem 4-2-3-1 (wie der FC Bayern es spielt) der Offensivdrang zuvorderst über die Außen, so werden die Angriffe von Juventus Turin meist durch die Mitte vorgetragen.

Für Dienstag → Wenn Juventus in der Allianz Arena auch offensive Akzente setzen möchte, sind die Italiener auf eine gute Tagesform von Marchisio und Vidal angewiesen. Die Qualität der beiden steht außer Frage, Vidal ist Fußballdeutschland noch aus seiner Zeit in Leverkusen bestens bekannt, die Bayern standen vor wenigen Jahren kurz vor einer Verpflichtung des Chilenen. Marchisio spielt mittlerweile auch in der Squadra Azzurra eine tragende Rolle und wird, wie viele andere Akteure von Juve auch, die Zukunft der Nationalmannschaft prägen – vermutlich sogar sehr erfolgreich.

V. Der Sturm (weiß): #12 Giovinco, #9 Vucinic

Diese Position ist besonders hinsichtlich der generellen Kaderplanung interessant. Die meisten Europäischen Spitzenklubs setzen im Sturm eher auf die Qualität, was wiederum damit zusammenhängt, dass es in einem 4-2-3-1 System nur eine nominelle Spitze gibt. In dieser Hinsicht gönnen sich Vereine wie Bayern München (mit Mandzukic, Gomez und Pizarro) oder Real Madrid (mit Higuain, Benzema und Morata) den seltenen Luxus, auf mehrere Stürmer zurückgreifen zu können. Diese Stürmer ähneln sich jedoch sehr stark, was mit den charakteristischen Qualitäten einhergeht, über die ein geeigneter Spieler in diesem System verfügen muss. Aber nur die wenigsten Klubs können es sich buchstäblich leisten, auf gleich mehrere fähige Angreifer für diese Position zurückgreifen zu können. Viele Vereine verfügen also über eine Idealbesetzung (Lewandowski, Huntelaar, Kießling…), dessen etwaiger Ausfall nicht kompensiert werden kann.
Ein ganz anderes Bild gibt der Kader von Juventus Turin ab, denn schließlich spielen die Norditaliener mit zwei nominelle Spitzen. Am häufigsten spielen der Montenegriner Vucinic und Giovinco, sowohl Matri als auch Quagliarella sind den Erstgenannten in puncto Einsatzzeiten jedoch ebenbürtig (Daten siehe Grafik unten). Ferner ist ebenfalls Giaccherini eine Option. Trainer Conte bringt den flinken Angreifer häufig von der Bank, um frischen Wind für die Außenbahnen einzuwechseln. Bei dieser großen Auswahl an Stürmern ist es bezeichnend, dass sich klangvolle Namen wie Bendtner, Pepe, Iaquinta (suspendiert) und auch Anelka hinten anstellen müssen und kaum berücksichtigt werden.
Juventus’ Sturmabteilung ist aber keineswegs Einheitsbrei. Deshalb hat Conte die Möglichkeit, je nach Gegner ein adäquates Sturmduo aufzubieten und gegebenenfalls im Laufe des Spiels zu korrigieren.
Für die Zukunft ist allerdings davon auszugehen, dass Turin sich von einigen Stürmern trennt und insgesamt eher auf (eine herausragende) Qualität setzt. Ein notwendiger Schritt, denn der Wechsel von Llorente (kommt im Sommer aus Bilbao) steht bereits fest.

Für Dienstag → Wie erwähnt rotiert Conte regelmäßig bei der Besetzung der beiden Positionen in der Spitze. Der Trainer kann dabei von der Pluralität an Stürmern profitieren, die ihm zur Verfügung steht. In erster Linie kommt dabei das oben genannte Quartett in Frage. Der Einsatz von Giovinco ist allerdings fraglich. Am Samstag musste er ein rüdes Faul von Cambiasso einstecken, den Bildern nach zu urteilen ist es ein Wunder, dass er überhaupt im Kader steht. Ob die Zeit bis Dienstag für ihn reicht, bleibt abzuwarten.
Wem Conte für das Spiel in München das Vertrauen ausspricht, lässt sich nur spekulieren. Wie es um die besonderen Fähigkeiten der Kandidaten steht, lässt sich dieser Grafik entnehmen:

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Variationsmöglichkeiten für das Hinspiel in München

Nun ist es allerdings nicht unwahrscheinlich, dass Antonio Conte für das Hinspiel in München eine Veränderung vornehmen wird. Es ist durchaus möglich, dass Turin lediglich mit einer nominellen Sturmspitze aufläuft und das Mittelfeld um einen weiteren Spieler ergänzt. Sollte Conte sich für diese Option entscheiden, ist davon auszugehen, dass der spielstarke Franzose Pogba (#6) in die Mannschaft rückt. Falls Conte also nur einen Stürmer ins Rennen schickt, sind Vucinic (#9) und vor allem Matri (#32) die aussichtsreichsten Kandidaten für diese Aufgabe. Der 20-jährige Pogba, der kürzlich für die Französische Nationalmannschaft debütierte, könnte entweder Pirlo in der Schaltzentrale unterstützen oder aber – was am wahrscheinlichsten ist – die Achse Vidal/Marchisio um eine weitere Position ergänzen.
Diese beiden Optionen lassen sich grafisch wie folgt darstellen:

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Ausgewählte Aufgaben und Chancen des FC Bayern:

Das offensive Mittelfeld in Person von Toni Kroos wird auf Seiten der Münchener die wesentlichste Position im Mannschaftsgefüge sein. Womöglich steht Kroos gar das wichtigste Spiel seiner bisherige Karriere bevor, denn er wird nicht nur wie gewohnt die Münchener Geschicke im Offensivspiel leiten, sondern mehr denn je in der Defensive gefordert sein. Es obliegt zuvorderst Kroos, die Kreise von Pirlo einzuengen: Eine Herkulesaufgabe, die spielentscheidend sein kann: Denn sollte es Kroos gelingen, der Herz-Lungen-Maschine den Stecker zu ziehen, würde das Spiel der Turiner gewaltig ins Stocken geraten. Jogi Löw wird Toni Kroos sehr genau beobachten, eine Feuertaufe für den 23-jähigen, auch im Hinblick auf seine zukünftigen Chancen in der Nationalmannschaft.

Im defensiven Mittelfeld werden sich Schweinsteiger und (voraussichtlich) Luiz Gustavo um Marchisio und Vidal (plus eventuell Pogba) kümmern müssen, das werden allesamt nicht weniger interessante Duelle. Diese Logik gilt natürlich (wie auch für Kroos und Pirlo) auch im umgekehrten Sinne, sobald die Münchener am Ball sind und das Spiel nach vorne treiben.

Der linke Flügel um Ribery und Alaba wird gegen Lichtsteiner und Barzagli agieren. Der Schweizer Nationalspieler ist einer der besten Flügelspieler weltweit, seine Defensivqualitäten ermöglichen ihm zudem, auch einem Ribery in Topform alles abzuverlangen. Über die linke Seite kann der FC Bayern zu guten Gelegenheiten kommen, sollten sie Lichtsteiner einmal ausgespielt haben. Wenn es dann schnell geht, bieten sich Ribery und Alaba gegen den zuweilen hüftsteifen Barzagli alle Möglichkeiten, um Torgefahr zu entwickeln.

Auf der rechten Seite ergibt sich ein ähnliches Bild. Hier wird allerdings Lahm mit dem offensivstarken Asamoah weitaus mehr zu tun bekommen, als Alaba mit dem eher zurückhaltenden Lichtsteiner. Lahm und Müller/Robben werden aber ihre Leistungsgrenze erreichen müssen, um am herausragenden Verteidiger Chiellini vorbeizukommen.

Die Außenverteidiger Lahm und Alaba werden verglichen mit ihrem Alltag in der Bundesliga weitaus weniger in der Defensive gefordert sein.
Spielt der FC Bayern beispielsweise gegen Borussia Dortmund, sind die Außenverteidiger fortdauernd gefordert, die Dortmunder Angriffsläufe über die Flanken (im 4-2-3-1 z.B. mit Kuba/Reus) zu verteidigen.
Weil das Offensivspiel der Italiener jedoch, wie beschrieben, vornehmlich über das Zentrum nach vorne getrieben wird, sollten sich Lahm und Alaba viele Gelegenheiten für Vorstöße ergeben. Vor allem der blutjunge Alaba könnte ein spielentscheidender Faktor sein, weil er seine Dynamik und seine Offensivqualitäten voll ausspielen kann.

Im Mittelfeld kommt es nicht zuletzt auf die Zweikampfstärke an, sollte Conte, wie in den taktischen Alternativen ausgeführt, diese Region um Pogba verstärken, werden die Zweikämpfe noch bedeutsamer, geht es schließlich um das Ringen um die Hoheit im Mittelfeld. Demgemäß wird es spannend, wer bei Ballbesitz durch Kurzpassspiel und Gedankenschnelligkeit die engen Räume am besten für sich nutzen kann. Diese Gedankenschnelligkeit wird insbesondere für die Bayern vor allem dann erforderlich sein, wenn sich nach Ballgewinn gegen die aufgerückten Flügelverteidiger Räume auf den Flanken ergeben.
Die Flügelstürmer der Münchener werden auf diese Gelegenheiten lauern, dann liegt es an den zentralen Mittelfeldspielern, sie mit präzisen Pässen in Szene zu setzen.

Allem übergeordnet schwebt für die Münchener aber eine Gefahr über ihrem eigenen Stadion. Bastian Schweinsteiger gab am Samstag gegenüber dem ZDF zu Protokoll, dass die Italiener bekannt »schlitzohrig« seien und sie gerade dann, wenn man meint, sie unter Kontrolle zu haben, »aus dem Nichts einen Treffer erzielen«. Da wären wir also bei einem Deutschen Trauma, das sich im Jenseits aller taktischen Überlegungen befindet: Der Italiener, der aus dem Nichts trifft. Insofern gibt es trotz der guten Vorzeichen für die Münchener, das anstehende Spiel erfolgreich absolvieren zu können, eine schlechte Nachricht: Welcher und wie viele Stürmer auch immer der Startelf stehen, welcher Stürmer auch immer eingewechselt wird: Vucinic, Quagliarella und Matri können vor allem eines: aus dem Nichts treffen.

[vielen Dank an bobo für das Füttern und die Unterstützung dieser Gedankengänge und das entsprechende Entfalten Deiner italienischen Aura.]

Diese verdammte Hammer Straße. Irgendwann bildet sich Milchsäure in den Kniegelenken. Der 27. Juli 1998 steigt einem zu Kopfe. Dieser Tag, an dem Jan Ullrich auf dem Weg nach Les Deux Alpes sein Trikot wegschmiss, und damit auch den Gesamtsieg. Dieser Tag, an dem Millionen Deutsche lernten, dass ein Hungerast nichts mit Waldsterben zu tun hat.
Noch immer wollten die Deutschen aus ihrer Geschichte lernen, vor allem in Münster, der Stadt der Lichter und Lenker. Deshalb hält das Fahrerfeld an, stärkt sich an einer Bude. Vielleicht eine Bratwurst, aber die meisten trinken Bier. Dann geht es weiter, es muss weitergehen, denn es gibt eine Karenzzeit: den Anpfiff. — Aber es ist noch immer diese verdammte Hammer Straße.

Wem das Bier am besten bekommen ist, der bekommt die zweite Luft und formiert sich an der Spitze zu einem Belgischen Kreisel. Es geht jetzt vorbei an Konditoreien, Kirchen, Kreissparkassen, Kneipen und Kinos, in denen man was mit Sex gucken kann. Zwischendurch kommt auch mal nix, aber dann ist da wieder urplötzlich eine Autobahnbrücke, wo man aufpassen muss, dass der Wind einen nicht vom Sattel peitscht. Ab hier wird es nur noch schlimmer: Der Horizont scheint bereits die Silhouette der Stadt Hamm anzudeuten, so weit kommt das wohl noch, aber es ist nur ein stillgelegtes Industriegelände.
Die flamme rouge naht jetzt immerhin, und mit ihr der finale Kilometer. Selbstredend ist die Ziellinie auf der Hammer Straße, dieser verdammten, ein Teufelswerk der Stadtplanung. Ob sie einst in ihre meilenweite Länge geteert wurde, bloß um den Fußball aus dem Herzen der Stadt zu verbannen?

Eines steht fest. Dort, wo in anderen Städten Prostituierte, Möbelhäuser, Schlachthöfe und Müllverbrennungsanlagen stehen, dort steht in Münster:
Das Preußenstadion.

In Münster ist vieles salonfähig, doch nicht der Lokalfußball. Wo der Fußball innerhalb der Stadtmauern nach Anerkennung dürsten will, dort muss er entweder erstklassig oder existenziell sein. Auf Gelsenkirchen trifft beides zu. Auf Münster nichts von beidem.
50 Zugminuten trennen diese beiden Städte, und doch trennen sie Welten, zumindest Fußballwelten. Das wird exemplarisch im Verlaufe eines Spieltags deutlich, wenn die königsblauen Leibchen in Gelsenkirchen vom Stadtgewand auch noch zum Abendkleid werden. Wer dann im versifften Trikot durch das Nachtleben torkelt und einen Türsteher um Einlass bittet, der bekommt mit etwas Glück auch noch »viel Spaß« gewünscht. Es gibt da eine Symbolik:
Denn, wer an der Arena AufSchalke ankommt, der vermutet sich vielleicht in einer Dornstrauchsavanne. Aus der Vogelperspektive wissen die Stadttauben jedoch, dass jenes Schalker zu Hause im vormals unbesiedelten Mittelpunkt von Gelsenkirchen gebettet liegt.

Das Münsteraner Zentrum hat da ein anderes Flair. An der Lambertikirche baumeln drei Käfige, »da waren die Wiedertäufer drin«, weiß hier jeder Grundschüler. Benachbart liegt in einem Flügel des historischen Rathauses der Friedensaal, einst tatkräftiger Schauplatz der Bemühungen um das Ende des Dreißigjährigen Krieges. Wer 2013 über das Kopfsteinpflaster flaniert und die Luft atmet, könnte meinen, dass der Frieden hierselbst konserviert ist, seit Jahrhunderten. Unweit ist es gelungen, ein Einkaufszentrum ins Stadtbild zu integrieren und dessen altehrwürdige Fassade dennoch aufrechtzuerhalten. Auf dem Prinzipalmarkt trinkt man Wein, sobald der Tag sich seinem Abend öffnet, der Rest sind Lichter und Lenker.
Die Preußen braucht(e?) hier keiner. Obwohl der Traditionsklub zumindest ein verlässliches Tischgespräch gewesen ist, wenn nämlich Münsteraner Väter beim Frühstücken ihre Lokalzeitung aufschlugen. Früher oder später raunten sie dann kurzerhand »oohh!«, grunzten, seufzten, und, wenn das noch nicht genügte, verrückten sie auch noch ihre Müslischüssel geräuschvoll, um sich die Aufmerksamkeit ihrer Ehefrauen und Kinder schlussendlich zu sichern.
Denn sie möchten ihren Liebsten gerne etwas aus der Zeitung vorlesen:
zurechtgegurkt

Doch Münster ist dieser Sportart nicht per se abgeneigt. Wenn Schalke und Dortmund zu ihren Heimspielen laden, rollen unzählige Autos auf die A43 und A1 in Richtung Ruhrgebiet. Als die Nationalmannschaft ihr Sommermärchen erlebte und auch in Südafrika grandios aufspielte, waren die Münsteraner mächtig stolz darauf. Getanzt und geklatscht wurde auf dem Ludgerikreisel, am Hafen, in den Gärten und der Innenstadt. Allerorten wurde »Oh, wie ist das schön« gesungen. Vor allem die Münsteraner Frauen waren begeistert von diesem Lied, das war klar und deutlich zu hören. Städte, in deren Alltag der Fußball keine Rolle spielt, lassen sich dadurch identifizieren, dass weibliches Gekreische nicht von erprobten Bassstimmen geschluckt wird, wenn Thomas Müller gegen England trifft und sogleich beim Rudelgucken »Oh, wie ist das schön« gesungen wird. Die Preußen sind allerdings nicht so schön.
Die Spieler haben nicht einmal coole Frisuren und so gar keinen Star-Faktor…
…und dann auch noch dieses Gegurke.

Doch gegenwärtig scheint sich der Verein seines Naturgesetzes zu entledigen. Das Naturgesetz lautet Gegurke, denn das Gegurke im Preußenstadion war so sicher wie das Amen in der Lambertikirche. Der Aufstieg in die 3. Liga im Sommer 2011 war schon ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung.
Also der Aufstieg in jene eingleisige Liga, die vor fünf Jahren gegründet wurde, um den Wettbewerb durch eine höhere Leistungsdichte attraktiver zu gestalten und die Liga gleichbedeutend in der Sportschau zu vermarkten.
Das frühere System der Regionalliga-Staffeln Nord und Süd fiel dem zum Opfer. Für 20 Vereine ist das seither ein Segen, für unzählige andere ein Fluch. Wer nämlich im Jenseits dieser 3. Liga spielt, der spielt im fußballdeutschen Niemandsland, dessen Nadelöhr nach oben bloß winzig ist.
93 Vereine konkurrieren fortan in 5 Ligen um groteske 3 Aufstiegsplätze in die Bedeutsamkeit: Was für Millionen Zuschauer der Sportschau ab 18 Uhr ein nettes Aufwärmprogramm ist, war hinsichtlich dieser Kommerzialisierung der Sargnagel für zahlreiche Traditionsvereine. Preußen Münster hat den Absprung geschafft und lebt. Carl-Zeiss Jena, TuS Koblenz, Rot-Weiß Oberhausen, Eintracht Trier und Rot-Weiss Essen sind mausetot. Oder hört noch jemand ihre Stimmen, und wie sie singen, oh wie schön das alles ist?

Preußen Münster hat sich seinem Gegurke also zum spätesten aller Zeitpunkte entledigt und den Evolutionsprozess im Profifußball erfolgreich angenommen. Die Professionalisierung des Vereins hat lange auf sich warten lassen, denn auch an den Schreibtischen in der Geschäftsstelle wurde jahrzehntelang ordentlich herumgegurkt. Jetzt, wo die Professionalisierung einmal vollzogen ist, streckt der Preußenadler seine Flügel zu ungeahnten Höhenflügen aus. Denn heute, im März des Jahres 2013, hat der SCP schon wieder einen Aufstieg vor den Adleraugen: In die 2. Bundesliga. 

Lokalfußball wird in Münster niemals existenziell sein, auch von einer zukünftigen Erstklassigkeit kann nicht die Rede sein. Doch augenblicklich poliert der Verein sein Image in der Stadt gehörig auf. Die Preußen sind im Frühjahr 2013 immerhin en vogue. Sogar der amtierende Oberbürgermeister Markus Lewe radelte vor wenigen Wochen zur Hammer Straße, um das Spiel gegen den VfL Osnabrück zu sehen. Ein Sinneswandel der Prioritätensetzung, den es solcherart wohl nur bei Politikern zu bestaunen gibt. Schließlich legte Markus Lewe in den vorigen Jahren noch sein Hauptaugenmerk darauf, »schwarz-gelbe Glückwünsche« die A1 hinunter gen Dortmund zu senden, denn er freute sich damals »natürlich außerordentlich« über die Meistertitel der Borussia. Dem ortsansässigen Verein zeigte der Bürgermeister derweil die kalte Schulter. Doch der Erfolg der Preußen scheint seine Beratungsgremien nun auf den Plan gerufen zu haben, und so ließ sich Lewe vor dem Anpfiff jener Begegnung gegen Osnabrück bei einem Fototermin medienwirksam ablichten. Um seinen Hals trug er einen schwarz-weiß-grünen Schal, in seinem Gesicht trug er ein aufgesetztes Lächeln. Es ist eines dieser Bilder, das mehr zu sagen weiß als tausend Worte. 

Wenn mittlerweile sogar der Oberbürgermeister aus PR-Zwecken im Preußenstadion verkehrt, dann ist der Verein auf dem besten Wege zur Massentauglichkeit. An den Zuschauerzahlen lässt sich das ablesen, vorbei sind vorerst die Zeiten, in denen die hartgesottenen Anhänger ihr Dasein in einer Parallelwelt fristen müssen. Wobei es für die langjährigen Anhänger gegenwärtig weniger darauf ankommt, dass sie merklichen Zuwachs im Preußenstadion bekommen. Sondern vielmehr darum, dass ein Preußentrikot im Alltag und im Stadtbild zur Selbstverständlichkeit gehören darf. Denn, wer bislang im Stadtzentrum ein Trikot des SC Preußen spazieren trug, der hatte sich gefälligst zu schämen und zu rechtfertigen. In der Zeit des Gegurkes betrachteten die Münsteraner einen jeden Sympathisanten mit Argwohn, der seine Hinwendung zu dem Verein offen präsentierte. — Das bornierte Münster ist an Humorlosigkeit, zuweilen gar an Respektlosigkeit, kaum zu überbieten.

Aufgrund all dieser Marginalisierungen führten die Anhänger des Vereins ihr Eigenleben. Während man auf dem Prinzipalmarkt gesittet Wein trank, torkelten die Fans in ihren versifften Abendkleidern aus der Isolationshaft Hammer Straße in eine Kneipe namens »Berliner Bär« und ließen sich dort gehen. In dieser türsteherbefreiten Bahnhofsvorhölle fanden sie eine seltene Obhut, auf ihren Hin- und Rückwegen hatten sie dabei viel Spaß an der Freude. Als enthusiastisch und temperamentvoll könnte man ihr Wesen dabei beschreiben. Aber egal, was sie auch taten, es wurde von der bornierten Lokalpresse zwanghaft als »Ärger im Paradies« begriffen. Münster ist an Humorlosigkeit wahrhaftig kaum zu überbieten, das kann man gar nicht oft genug betonen. Und deshalb bekamen Münsteraner Väter am Frühstückstisch die humorlosen Berichte über die Exzesse der Preußenfans gleich nach dem Spielbericht serviert. Erst Gegurke. Dann Ruhestörungen. Preußenfans waren die Sorgenkinder der Stadt, wie ein mobiles Ghetto zogen sie durch die Straßen, wo sie hinkamen, dort brannten die Mülltonnen. Das ist aber doch eigentlich ziemlich witzig.

Dass sie nicht der Teufel ritt, während sie dem SCP über Jahre ihre Loyalität und Hingabe entgegenbrachten, dabei wohl auch mal über die Stränge schlugen, registrieren nun immer mehr Münsteraner. Es lohnt sich auch.
Dieser Verein hat viel zu geben, sogar selbst dann, wenn er bloß herumgurkt. Denn man braucht bloß das Wappen zu betrachten, um seine Anziehungskraft zu erkennen, das Stadion zu betreten, um seine Historie zu begreifen, ein Spiel zu sehen, um seine Autorität zu spüren.

Beim Aufstieg im Mai 2011 waren 18.500 Zuschauer im Preußenstadion, ausverkauft. An diesem Nachmittag sah man Freudentränen in der Stadt, wahrscheinlich zum ersten Mal seit dem Westfälischen Frieden. Nach den Heimsiegen in den prestigeträchtigen Duellen in der laufenden Spielzeit gegen Arminia Bielefeld und den VfL Osnabrück war die überschwängliche Freude in der gesamten Stadt spürbar. Es tat der Atmosphäre merklich wohl.
Das alles sind aktuelle Hinweise darauf, was dieser Stadt in ihrem Alltag fehlt, und was der Fußball dieser Stadt zukünftig also zu geben vermag, —
wenn der SCP auch die tatkräftige Unterstützung der Politik erhält, und von den Münsteranern mit Respekt behandelt wird.

zucken

Wer die Gegenwart der TSG 1899 Hoffenheim nicht versteht und sie doch verstehen will, der muss in die Geschichte über ein Mädchen eintauchen. Dieses Mädchen, das nur einen großen Traum hatte, war unlängst durch das Fenster ihres mit Postern beklebten Zimmers getürmt, um heimlich ein Konzert von Justin Bieber zu besuchen. Sie hatte nichts dabei außer einem Schlafsack, einem selbstgemalten Plakat und ihrer Jugend. Ihre Bestimmung, oder es war nur der Zufall, wollte es so, dass sie urplötzlich ihren Angebeteten erspähte, als Bieber Stunden vor seinem Auftritt durch eine unscheinbare Öffnung der Konzerthalle schlüpfte, um ein wenig nach frischer Luft zu schnappen. Das Mädchen (ihr Name war Dietmar) begriff sofort, kreischte ohrenbetäubend, rannte, und – stand vor ihm. Von diesem Moment hatte sie nur geträumt. Aber sie hatte nur bis hierhin geträumt, also nicht weiter, und deshalb wusste sie nicht, was sie jetzt tun sollte. Ohnmacht.
Bieber lächelte fachmännisch, sagte »you are amazing«, drehte sich um und wurde sogleich vom Innenleben jener riesigen Konzerthalle geschluckt, wo die kleine Dietmar wenig später nur noch ein Mädchen unter vielen sein sollte.

Als sich die TSG Hoffenheim im Dezember 2008 zum sogenannten Herbstmeister kürte, war das Gekreische ohrenbetäubend, nicht nur im Kraichgau. Dem Aufsteiger gelang eine famose Hinserie, die Mannschaft war ein Hybrid aus Soldaten und Artisten. Auf den Flanken knallten die Angriffsläufe von Ba und Obasi laut wie Peitschenschläge, Carlos Eduardo rotierte sich wie ein Kreisel durch die Zentrale und ganz vorne stand Ibisevic: das Kanonenfeuer. Hoffenheim war ein feuerwerkähnliches Spektakel – und in der Epoche des Eventmarketings kam das sehr gut an. Kaum einer verschrie den Verein zu diesem Zeitpunkt noch als Retortenklub, weil von dieser Bundesliga-Party alle so begeistert waren. In Fußballdeutschland wichen Missgunst und Ethos der Schwärmerei, der Unterhaltungslust.

Häufig verkünden Vereine die Marschroute, von Spiel zu Spiel gucken zu wollen. Doch Hoffenheim guckte nach der Jahrtausendwende von Liga zu Liga, ein etwas anderer Zollstock also, denn die TSG hatte nach dem Millennium nur ein Ziel vor Augen: Das Oberhaus. Aber plötzlich waren sie dort und urplötzlich waren sie gar Tabellenführer, das war der Kamm einer jahrelangen Welle des Erfolgs, von der man sich hatte tragen lassen. Von diesem Moment hatte Dietmar Hopp nur geträumt. Aber er hatte nur bis hierhin geträumt, also nicht weiter, und deshalb wusste er nicht, was er jetzt tun sollte. Ohnmacht.
Der Spitzenrang lächelte fachmännisch, sagte »you are amazing«, drehte sich um und die TSG wurde sogleich vom Innenleben der Bundesligatabelle geschluckt, wo 1899 wenig später nur noch ein Verein unter vielen sein sollte.

Etikettenschwindel

Als Etikettenschwindler Dietmar Hopp den Vereinsnamen im Sommer 2007 um das raubkopierte Gründungsjahr 1899 ergänzte, tat er förmlich so, als hätte der Kraichgau über ein Jahrhundert vergebens auf das gewartet, was er nun zu Stande bringen wollte. Doch nachdem die vermeintliche Ziellinie Bundesliga überschritten gewesen war, wusste er keine Antwort mehr auf die Frage, wohin die weitere Reise gehen sollte. Denn geträumt hatte Hopp nur von der Bundesliga und nicht davon, was er dort tun wollte. Ziel erreicht, kein neues, kalte Füße. Herbstmeister Hopp stand vor Justin Bieber. Die kleine Dietmar wusste nicht, ob sie ihn umarmen, sich an ihn klammern sollte. Ohnmacht. 

Dass der Abschied von Aufstiegs-Alphatier Rangnick auf jenen Unklarheiten basierte, ist kein Geheimnis. Doch seitdem die Hoffenheimer Hauptplatine den Klub 2011 verließ, ist das totale Chaos ausgebrochen. Ein Hardwareproblem jagt das nächste. Zerwürfnisse. Ein Hin und Her. Ein stetiger Wechsel der Philosophie. Ein Desaster in der Außendarstellung. Keine Leitfigur, kein Paradigma, keine Autorität, kein Prozessor, kein Freibier. Weil die Bundesliga-Party vorüber ist, regieren in Fußballdeutschland wieder Missgunst und Ethos.

Demba Ba, Tim Wiese, Marvin Compper und Tom Starke erzählen repräsentative Geschichten aus dem Hoffenheim im Jenseits seiner Träume. Aber die Causa Babbel bietet die passendste Symbolik, denn die TSG vertraute Markus Babbel im Frühjahr 2012 eine Doppelfunktion an, – als Manager und Trainer in Personalunion. Doch selbst Felix Magath hatte seine einst preisgekrönte Karriere als Fußballlehrer mit dieser Hybris vermurkst, da war es keine große Überraschung, dass Babbel noch im Dezember desselben Jahres von seinen Aufgaben entbunden wurde, und bei Wikipedia seitdem als »heutiger Fußballtrainer, der momentan vereinslos ist« gelistet wird.

Und wer war eigentlich nochmal dieser Pezzaiuoli? Nach Rangnicks Abgang war jedenfalls alles Kraut und Rüben. Vor nicht allzu langer Zeit posaunte man im Kraichgau noch groß herum, dass die TSG in der Transferpolitik fortan auf Nachhaltigkeit setzen würde. Also auf junge Spieler, am besten aus der Region, die sich in aller Ruhe entwickeln dürften, – auf horrende Ablösesummen wollte 1899 hingegen verzichten, sparsam sein. Man nennt das Greenwashing.
Aber dieses theoretische Gefasel ist schon längst wieder einem globalisierten Import-Export gewichen, nach bester magath’scher Art. Dass dieser einst so durchdachte Verein, dass dieser einst so kalkulierte Betrieb mittlerweile in blinden Aktionismus verfallen ist, sagt alles, – oder nichts mehr:
Ein feuerwerkähnliches Spektakel, verpufft.

MPF

Die DFL hat zur Saison 2011/12 eine Regeländerung vorgenommen, die unfreiwillig als Diagnoseinstrument dient, um dienstunfähige Mannschaften zu erkennen. Seit jener Spielzeit ist es Vereinen untersagt, an ihre Spieler Rückennummern über 40 zu vergeben, aus welchen Gründen auch immer. Jedenfalls ist die Vergabe höherer Ziffern nur gestattet, wenn der Kader aus mehr als 40 Spielern besteht, gesetzt diesen Fall würden die Trikots fortlaufend nummeriert werden. Abgesehen von den Ausnahmen Tymoshchuk, Bargfrede und Kacar (FCB, SVW, HSV; alle #44), die ihre Rückennummer schon vor dieser Regeländerung besaßen und diese somit auch behalten dürfen, lässt sich festhalten, dass es ein äußerst schlechtes Zeichen ist, wenn ein Spieler in der Bundesliga auf dem Trikot eine Ziffer trägt, die größer als 40 ist. Denn dieses Symptom steht stellvertretend für eine katastrophale Kaderplanung und eine alberne Transferpolitik. Wessen Trikotnummer also jenseits der 40 liegt, der spielt in einer Mannschaft, die keine ist – und bei einem Verein, der nicht weiß, was er will.

Aber nach jahrelanger Identitätskrise sieht sich Hoffenheim gegenwärtig dazu gezwungen, sich zu spüren. Nach einem fortdauernden Vakuum der Planlosigkeit hat die TSG urplötzlich wieder ein Ziel, ob sie nun will oder nicht. Dieses Ziel ist der Klassenerhalt, das Hoffenheimer Heute lautet Abstiegskampf. Es hat sehr lange gedauert, aber nach all den Turbulenzen scheinen sich Spieler wie Verantwortliche endlich auf das Wesentliche zu konzentrieren, den nötigen Tunnelblick zu bekommen, ein Licht am Ende desselben zu sehen. Endlich. Denn was wurde bei 1899 nicht für ein Tohuwabohu veranstaltet? Stellvertreterkriege, Eitelkeiten, Scheingefechte: Die Paris Hilton der Liga. Augenblicklich scheinen sie es aber zu raffen. Denn, wenn der Dachstuhl lichterloh brennt, dann muss man mit vereinten Kräften hin – und löschen.

Hoffenheim spürt sich also wieder. Das fühlt sich nicht gut an. Aber es ist der richtige Weg für den Verein, weil es der einzige ist und er keinen eigenen gehen wollte. Der Tabellenkeller zwingt jetzt zur Selbstfindung, die TSG hat sich ihre Schocktherapie besorgt. In der Medizin gibt es eine Diagnose mit dem ICD-10 Code X80: »Vorsätzliche Selbstbeschädigung durch Sturz in die Tiefe«.

Aber Hoffenheim brauchte eine Krankheit, um wieder gesund zu werden:
Jetzt, nach dem couragierten Auftritt gegen München und dem effizienten Auftritt in Fürth, ist es wieder wahrscheinlich, dass die TSG, womöglich über die Relegation, im Oberhaus verbleibt. Also eben dort, wovon sie immer nur geträumt hatte. Doch selbst nach diesem glücklichen Ausgang wäre 1899 Hoffenheim in der Sommerpause nur noch eine Ruine. Aber die Ruine eines Vereins, der sich ab diesem Zeitpunkt endlich weiterträumen könnte.
 

Das kleine Mädchen Dietmar wäre indes zu einer Trümmerfrau geworden. Wenn alles gut geht, wischt sich Dietmar im Juni den Schweiß von der Stirn, atmet durch, träumt, denkt nach, ist voller Tatendrang. Dietmar lächelt sogleich und schiebt eine Schubkarre vor sich her. Wenn alles gut geht.

Im Kraichgau zirkulieren dann Baukräne durch die sommerliche Luft; so wie sich einst Carlos Eduardo in Form eines Kreisels durch die Zentrale rotierte – und der Himmel, er ist enträtselt wolkenlos. Wenn alles gut geht.

Beckmann liebt Streich

März 6, 2013

Es ist Samstag, 19 Uhr 30, Reinhold Beckmann steht in seinem Studio, die Kamera fokussiert ihn, das rote Lämpchen leuchtet auf, jetzt muss Beckmann sprechen. Beckmann sagt: »Ich liebe diesen Christian Streich, endlich mal ein anderer Typ.« — Das war es also für mich gewesen, zumindest für das übrige Wochenende. Mittlerweile habe ich mich wieder etwas erholt, aber traurig bin ich noch immer. Diesen Moment hatte ich zwar kommen sehen, Vorboten gab es schließlich zu genüge, aber am Samstag um 19 Uhr 30 war es dann urplötzlich so weit. Das Fass ist also übergelaufen, wahrscheinlich, weil Beckmann dieses Wort gebrauchte: Liebe.

Beckmann liebt also diesen Christian Streich. Er liebt ihn, weil er endlich mal ein anderer Typ ist. Aber Christian Streich kommt nicht vom Mars.
Also, was verbirgt sich dahinter?

Beckmann liebt diesen Christian Streich, weil er ihn nicht versteht, weil Streich ihm unlösbare Rätsel aufgibt. Das steht in seinem Gesicht geschrieben, während er von Liebe spricht. Reinhold Beckmann bringt Streich aber gar keine Anerkennung, geschweige denn Liebe entgegen. Denn Beckmann geht einen sehr niederträchtigen Umweg, dass Streich nämlich offensichtlich vom Mars stammt, folglich anders ist und er ihn deswegen liebt. Er liebt ihn, weil er anders ist, nicht weil er Christian Streich ist. Er liebt ihn, weil Streich nicht so wie Marco Kurz oder Bruno Labbadia ist, und nicht weil Streich er selbst ist.

Was verbirgt sich hinter dieser Lobhudelei, wie tief lässt das blicken? Es verbirgt sich ein Armutszeugnis hinter ihr, eine Bankrotterklärung für den Profifußball in seinem medialen Erscheinungsbild. Wenn Beckmann Streich nicht liebt, weil er Streich ist, sondern weil er anders ist, dann sagt das alles über die Pluralität von Persönlichkeiten aus, die offensichtlich bloß noch eine Singularität ist.
streichDenn was macht Christian Streich, warum steht er auf diesem Podest der Andersartigkeit?
Alleine die gebetsmühlenartige Wiederholung der Anekdote um den Fahrradfahrer Christian Streich offenbart das würdelose Ausmaß dessen, was im Profifußball noch als Normalität begriffen wird. Da wird man zum Marsmenschen, weil man mit dem Drahtesel unterwegs ist, für ein paar hundert Meter. Auch Olaf Thon findet das ganz ulkig und sympathisch, also auch sehr außergewöhnlich, wie er noch kürzlich beim Fußballstammtisch Doppelpass zu Protokoll gegeben hat.

Der verborgene Sieg für Streich ist, dass niemand, der ein Mikrofon in der Hand hält, weiß, wie er oder sie mit ihm umgehen soll; ihn aber dennoch alle lieben. Aber was ist das für eine Liebe? Ich würde nicht so geliebt werden wollen, dann lieber keine Liebe, würdest Du so geliebt werden wollen? — Beckmann aber findet keinen anderen Ausweg, als diesen Christian Streich zu lieben. Das verrät sehr viel über Beckmann. Mit seinem Fußballsachverstand (das beweist er seit Jahren in der Sportschau) und seinem Empathievermögen (das beweist er seit Jahren in seiner Talkshow) ist Beckmann sehr schnell am Ende. Aber das am Samstag, das war der Gipfel.

Bevor Beckmann sein Geständnis an das millionenstarke Fußballdeutschland entsandte, wurde eine Zusammenfassung des Auswärtsspiels in Nürnberg gezeigt. Dass der SC Freiburg wieder einmal über eine sattelfeste Defensive verfügte, interessiert keinen. Dass Christian Streich vor fünfzehn Monaten eine verunsicherte Mannschaft übernommen hatte, die seinerzeit am Abgrund stand, und er umgehend eine Einheit aus ihr schweißte, die seitdem lediglich 1,3 Gegentore pro Spiel hinnehmen musste, interessiert keinen.
Dass Christian Streich dafür eine grandiose Defensivkultur aus blutjungen Bundesligadebütanten wie Diagne, Ginter, Höhn, Sorg, Günter und Hedenstad formiert hat, interessiert keinen. Dass Streich mit seinen Spielern spricht, er genau weiß, wie schwer die vergangene Zeit für Santini gewesen ist, wie es sich für Hedenstad in Mainz angefühlt haben muss, welche Ehre es für Makiadi gewesen ist, für sein gebeuteltes Heimatland bei der Afrikameisterschaft aufzulaufen und wie sich Günter in einer 70-Stunden-Woche mit dem Spagat aus Training und Ausbildung für seinen Traum der Bundesliga aufgeopfert hat, interessiert keinen.

Eine fußballerische oder psychologische Analyse der grandiosen Arbeit des Christian Streich findet nicht statt. Es wäre ja auch unvorteilhaft, weil Beckmann dann nicht mehr in seinem Studio stehen könnte, um unbegründet zu sagen, dass er diesen Christian Streich liebt, weil er anders ist und Fahrrad fährt. Christian Streich verhält sich zum Fahrrad so, wie Sascha Mölders zum Nasenpflaster. Das sind die atemberaubenden Geschichten von verrückten Persönlichkeiten aus dem Jahre 2013. Es ist sehr traurig.

Doch das ist noch nicht alles. Nach dem Auswärtssieg in Bremen durfte ich zum ersten Mal in meiner Karriere als Fußballfan einen Offiziellen beobachten, der eine Standardfrage (»Was fällt Ihnen zum Wort Europa ein?«) mit einer Standardfloskel (»Nichts«) beantwortete und dabei einen Gesichtsausdruck der bedingungslosen Glaubwürdigkeit in die Kamera versandte. Am Samstag war es wieder so weit. Christian Streich hat das jetzt zehntausendmal gesagt. Aber was gibt die Stimme des Kommentatoren im Abspann von sich, bevor das rote Lämpchen von Beckmanns Kamera aufleuchtet? Ein lächerliches Statement, das Streich die Glaubwürdigkeit absprechen will. Denn eines ist für die ARD offensichtlich klar: Der muss doch lügen, natürlich will der nach Europa, wollen Kurz und Labbadia doch auch. Er ist zwar anders, aber doch nicht soooo. Weil Streich die Wahrheit sagen will, wird gegenwärtig jedes Interview zum Stress für ihn. Das ist sehr traurig. Wenn der Medienzirkus Christian Streich kaputt bekommt, bin ich kein Fußballfan mehr.

Streich hat einmal in einem Interview gesagt, dass er es sehr bedauere, dass sein privates Umfeld, also seine Freunde und Bekannten, ihm nichts mehr von sich selbst erzählen würden, seitdem er Trainer eines Bundesligisten ist. Als er noch ein anonymes Rädchen beim SC Freiburg war, von dem die wenigsten eine Ahnung hatten, wie bedeutsam dieses Rädchen in der Fußballschule für den Verein gewesen war, durfte er sich zahlreicher, ausgeglichener Freundschaften erfreuen. Jetzt nicht mehr, und das ist genau die Definition der Seuche, die über die Medien so branchentypisch forciert wird. Sie ist so hochgradig ansteckend, dass selbst seine Freunde den festen Glauben übernommen haben, dass dieser Christian Streich wirklich anders sei und man ihn deswegen lieben müsste und nicht, weil er Christian Streich ist. Ihren privaten Blick auf Streich haben sich die meisten also laut dessen Aussage stehlen lassen, von diesen Banditen mit den Mikrofonen. Streich hat gesagt, dass ihm kaum noch einer seiner Vertrauten etwas von sich persönlich erzählen würde, es gibt jetzt nur noch ihn, den Marsmenschen. 

Der Medienzirkus ist immer dann für eine Person am destruktivsten, wenn sich die Berichterstattung im Hype befindet. Die Bestie versteckt sich dann, sie lauert. Denn jeder Hype ist zuvorderst durch seine eigene, entsprechende Fallhöhe definiert. Also lauert die Bestie auf den Moment, ab dem es nicht mehr läuft. Denn keine Bange: Überall wo es bergauf geht, geht es auch wieder bergab. Das ist die Überlebensversicherung für das Medienimperium. Wer mit der Bildzeitung aufsteigt, stürzt auch wieder mit ihr herab. Die Bildzeitung findet beides gut. Ob Beckmann im Positiven oder im Negativen berichtet, ist ihm egal. Hauptsache, er berichtet. Aber das hier ist jetzt seine Anklagebank, weil Beckmann am Samstag von Liebe sprach und sich damit die Finger an einer ihm fremden Sonne verbrannt hat.

In Phasen einer Idealisierung erschaffen die Medien also ein Spektrum von scheinbaren wie plakativen Charaktereigenschaften, die sich in Form einer Angriffsfläche ins Gegenteil verkehren, sobald es nicht mehr läuft. Wartet ab und lasst den Mölders mal seine nächsten 500 torlosen Minuten erleben, wir werden dann sehen, was von seinem getackerten Nasenbein samt Heftpflaster noch übrig geblieben ist. Sobald die Dinge nicht mehr laufen, wenn Christian Streich und der SC Freiburg also einmal ein Tal durchschreiten müssen, wie Streich es auch fortwährend im Sinne des Realismus ankündigt, wird alles, was ihn jetzt auszeichnet, gegen ihn verwendet werden. Er ist dann zu anders, zu komisch, fährt zu viel Fahrrad. Seht her, schreien sie dann: Klappt wohl doch nicht alles so, wie der Freak sich das gedacht hat.

Ich wünsche mir, dass gesetzt den Fall (wann und warum auch immer) jemand von der Leserschaft dieses Artikels Christian Streich begegnen sollte – womöglich sogar in einer ruhigen Minute –, er oder sie dem Trainer von sich selbst erzählt. Ich würde Christian Streich erzählen, dass ich gerne Käsebrötchen mit Käse esse, noch das Kuscheltier von meiner Geburt habe, mich am liebsten nach Florenz oder Palermo verpissen würde und ein paar richtig gute Witze kenne. Vielleicht hast Du ja auch Lust zu überlegen, was Du ihm von Dir persönlich erzählen würdest. In zehn Tagen wird Christian Streich dann wieder bei den Kollegen des ZDF im Aktuellen Sportstudio Platz nehmen, er wurde ganz herzlich eingeladen, und wird dort für eine Viertelstunde Marsmensch sein. Ich bin sehr traurig.

Hinweis endet mit Skibbe

Februar 21, 2013

Dezember 2010, es ist 30°C im Schatten: Michael Weiß sitzt am Flusstal des Nyabarongo, auf dem Schoß befindet sich sein Notebook. In Hörweite zu den Virunga-Vulkanen vernimmt er die Rufe der einheimischen Berggorillas, doch seine Aufmerksamkeit gilt einzig dem Fußballspiel, das er jetzt im Live-Stream verfolgt: Philippinen-Myanmar, Endstand 0:0.

Zu diesem Zeitpunkt ist Michael Weiß unter anderem für die Entwicklung des ruandischen Frauenfußballs verantwortlich, aber die Tinte unter seinem nächsten Arbeitsvertrag ist bereits getrocknet. Im fernen Afrika erreichte ihn Monate zuvor die Stellenanzeige des philippinischen Fußballverbands, die auf dem deutschen Sportportal SPOX.com veröffentlicht worden war. Weiß bekam den Zuschlag, bald würde er seine Arbeit als Nationaltrainer beginnen.

Auf die Frage, was er “vorher vom philippinischen Fußball” gewusst hätte, gestand Weiß gegenüber SPOX: “Überhaupt nichts”. Nach(!!!) seiner Bewerbung habe er aber “intensiv recherchiert” und sich “wirklich in alles rein gelesen” (die Betonung liegt auf “alles”, in der Staatsbibliothek Ruandas platzen die Regale von europäischer Literatur über den philippinischen Fußball nämlich aus allen Nähten). Aber auch an bewegten Bildern war er interessiert: Das Länderspiel gegen Myanmar wollte Weiß deshalb nicht verpassen, hatte an diesem Tag aber Glück, weil “die Internet-Verbindung in Ruanda sonst eine Katastrophe ist”.

Stand heute verläuft sein Lernprozess noch immer stockend. Auf den 7107 Inseln des philippinischen Archipels ist es umständlich, Talente zu sichten, die den heimischen Fußball voranbringen könnten, da muss man schon gut mit dem Floß sein. Deshalb hat Michael Weiß lieber an seinem Notebook intensiv recherchiert, welche Spieler aus Deutschland für eine Einbürgerung geeignet wären: Roland Müller (MSV), Dennis Cagara (KSC), Stephan Schröck (1899), Oliver Pötschke (BFC Preussen) und Manuel Ott (Ingolstadt II) stehen schon im Kader, — Weiß sitzt aber noch immer am Notebook: Denn das reicht noch nicht, da muss es noch mehr geben. Ein Spieler ging ihm durch die Lappen, das wird ihn zusätzlich motiviert haben, er ist jetzt auf der Hut, die Ösis haben ihm den Kandidaten damals vor der Nase weggeschnappt. Also bemerkt Weiß: „Ein zweiter Fall Alaba darf nicht passieren.“

Wer als Trainer heutzutage im doppelten Sinne beschäftigt werden will, muss kreativ sein. Das Angebot ist riesig, die Nachfrage gering, die Erwartungshaltung allerorten ein Wahnsinn. Das bekommen nicht bloß unbekannte Weltenbummler wie Michael Weiß zu spüren, sondern auch die großen Namen.

Im Trainerkarussell wird den meisten Kandidaten dabei schwindelig: Wer also heute über Anekdoten aus der Welt des Fußballs lachen will, braucht sich mit dem dressierten Haufen von Karrierespielern nicht lange beschäftigen, die Ulknudeln der Gegenwart sind die Trainer.

Aber eigentlich ist es traurig:
Denn wer mit dem nächsten Trainerstuhlgang zu lange wartet, gerät schnell in Vergessenheit, denn der Fußball, er hat bloß ein Kurzzeitgedächtnis.
Es gilt also irgendwie am Ball zu bleiben, Präsenz zu zeigen, zu nehmen, was man kriegt. Viele zwingt das zu blindem Aktionismus, zahlreiche Trainer der Gegenwart sind ehemalige Spieler, sie standen zu Zeiten auf dem Rasen, als die wenigsten Fußballer das Klischee der sogenannten ‘Fußballmillionäre’ erfüllten.
Sogar Ailton, der noch vor einem Jahrzehnt Meister und Torschützenkönig wurde, musste in das ‘Dschungelcamp’. Er musste (ich wähle bewusst kein anderes Modalverb), weil der Erlös der eBay-Versteigerung seiner Torjägerkanone von 2007  aufgebraucht war, und er musste das machen, weil er nur Fußballspielen kann, – oder zumindest in seinem Leben noch nichts anderes gemacht hat.
Bei vielen früheren Fußballern geht es irgendwann um Kopf und Kragen. Viele besinnen sich, schaffen den zweiten Bildungsweg und beginnen andernorts ein Leben fernab des Geschehens. Doch eine ganze Masse von ehemaligen Profis, versucht sich in der vertrauten Umgebung zu etablieren. Die Verlockung, weiterhin im medialen Fokus zu stehen und dem Fußball zu frönen ist gewaltig. So
 schaffen es wenige als Experte, Kommentator oder Kolumnist im Geschäft fortzubestehen. Einige versuchen sich als Trainer, doch nur die wenigsten von ihnen können unter Beweis stellen, dass sie die nötigen Fähigkeiten besitzen.

Die meisten erleiden aber dasselbe Schicksal. Denn
 der Profifußball ist turbulent, Entlassungen sind bloß noch Randnotizen, Vertrauen und Genügsamkeit kann sich kein Verein mehr leisten. Das Karussell dreht sich also rapide, doch in Phasen der Stille müssten Trainer Professionalität beweisen, denn hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Durch die Globalisierung werden die Gleichgewichtsstörungen nicht weniger, ehemals erfolgreiche Bundesligatrainer müssen sich an jede Möglichkeit klammern, die sich ihnen bietet. Aber viele Trainer treffen in diesen Situationen die falsche Entscheidung, womöglich auch, weil ihnen bloß die eine geblieben war.

Falko Götz hatte sich nach Stationen bei der Hertha und 1860 München schon mit Holzbein Kiel anfreunden müssen, ehe er auch dort entlassen wurde. Dann kam ein Anruf aus Asien, aber sein Zweijahresvertrag als Nationaltrainer in Vietnam wurde schon nach wenigen Monaten wieder aufgelöst. Im Interview mit thai-fussball.com wurde Götz nach seiner Kündigung gefragt, ob die Tatsache, dass er bei 1860 mit Shao Jiayi schon einmal “einen asiatischen Spieler trainierte”, ihm während seiner Zeit “in Vietnam geholfen” hätte: “Sicherlich”, antwortete Götz, “aber die Mentalität der Chinesen und Vietnamesen unterscheidet sich schon noch ein bisschen”.

Augen auf bei der Karriereplanung, mag man da doch denken.
Aber eigentlich ist es traurig.

Das gilt auch für Holger Fach, der 2011 bei Lokomotive Astana aus dem fahrenden Zug geschmissen wurde und sich noch immer zu Fuß auf dem Rückweg befindet. Die Trainerkarriere von Thomas Doll verlief vor einem Jahr im Sande der saudi-arabischen Wüste, man hat ihn seither nie wieder gesehen. Ob er eine rettende Oase erreichte, ist unklar. Michael Skibbe versuchte sich vier Jahre als deutsch-türkischer Berufspendler, zwischen 2008 und 2012 gondelte er von Leverkusen nach Istanbul, von Istanbul nach Frankfurt, von Frankfurt nach Eskisehir, von Eskisehir nach Berlin und von Berlin nach Karabük. Seitdem hat ihn niemand mehr angerufen. 

Jens Keller befand sich bereits kurz vor seiner Embryonalphase, als Horst Heldt im Dezember 1969 in irgendeinem Kreißsaal von Königswinter das Licht der Welt erblickte. Dass die beiden also in etwa das gleiche Alter haben, ist bloß eine Randnotiz, aber der zeitliche Ausgangspunkt für ihre späteren Karrieren als Fußballer, die für Keller und Heldt jeweils von 1990 bis 2005 in der identischen Zeitspanne verlaufen sollten.

Mit den Gemeinsamkeiten nimmt es seinen Lauf: Heldt spielte überwiegend beim VfB Stuttgart, bei Eintracht Frankfurt, bei 1860 München und beim 1.FC Köln, 14 von 15 Jahren verbrachte er bei den genannten Vereinen.
Und Keller? Auch er spielte überwiegend beim VfB Stuttgart, bei Eintracht Frankfurt, bei 1860 München und beim 1.FC Köln, 12 seiner 15 Spielzeiten verweilte er in den genannten Städten.

Jetzt wird es allerdings ulkig: Der statistische Zufall, den man seit diesem Wochenende eher als metaphysische Fügung zu interpretieren geneigt ist, wollte es so, dass Keller und Heldt sich in diesen 15 Jahren allenfalls als Gegner auf dem Spielfeld gegenüberstanden, dasselbe Trikot trugen sie in der gesamten Zeit nicht an einem einzigen Spieltag.

Im Sommer 1995 verzeichneten beispielsweise die Münchener Löwen Jens Keller als Abgang, während sie Horst Heldt als Neuzugang begrüßten. Kurz nachdem Heldt die Frankfurter Eintracht 2001 verlassen hatte, wurde der Verein neuer Arbeitgeber von Keller. Mit der Jahrtausendwende war der 1.FC Köln zuvor der letzte Erstligist, der Jens Keller unter Vertrag genommen hatte; also eben jener Verein, bei dem Horst Heldt noch als Knirps seine ersten Fußballschuhe schnürte, während Heldt seine Karriere eben dort beendete, wo Jens Keller mit dem Kicken begonnen hatte: Beim VfB Stuttgart.

Obwohl sich ihre Werdegänge also aus denselben Puzzleteilen zusammensetzen, hätte die Chronologie ihrer Engagements folglich kaum asymmetrischer verlaufen können und der geneigte Schalker wird nach diesem Wochenende konstatieren, dass es dabei auch am besten hätte bleiben sollen.

Denn sowohl Heldt als auch Keller setzten ihren Lebenslauf im Fußballgeschäft fort, um zukünftig auch hinter den Kulissen jener Bühne erfolgreich zu sein, auf der sie sich zumindest solange als fähig erwiesen hatten, wie Stutzen und Schienbeinschoner zu ihrer Arbeitskleidung zählten.
Doch wie würde das bloß in moderner Business-Garderobe (Heldt), oder Lambswool Pullover mit V-Ausschnitt (Keller) aussehen?

Eines Tages sollten sich die Wege ihrer ähnlich motivierten Missionen also abermals kreuzen: Diesmal standen sie sich aber nicht als Kontrahenten gegenüber, sondern erstmals als Kollegen. Ausgerechnet auf Schalke, dieser bedeutungsschwangeren Mutter aller Pulverfässer.

Zu spekulieren, welche Dynamik sich zwischen Heldt und Keller entwickelte, nachdem sie urplötzlich denselben Arbeitgeber hatten und sie in gemeinsamen Plaudereien bestimmt auch darüber haben schmunzeln müssen, wie lange sie sich zuvor aus dem Weg gegangen waren, ist gegenstandslos und liefe sogar Gefahr, in esoterische Konzepte abzudriften. Und doch muss irgendwo in dieser schleierhaften Atmosphäre der Prolog für jene Story geschrieben worden sein, die sich aktuell der Bedrohung ausgesetzt sieht, nach einer bloß lachhaft kurzen Existenz schon bald ein geschlossenes Kapitel zu sein.
Nichts Neues im modernen Schalke, wo doch noch die meisten Geschichten beendet wurden, bevor ein Außenstehender überhaupt hatte erahnen können, was sie ihm eigentlich erzählen wollten.

Plötzlich ging alles ganz schnell: Heldt und Keller traten aus bedecktem – nicht heiterem – Himmel an die Öffentlichkeit und forcierten ihre Werbekampagne, um der aufmerksamen Fußballnation und der aufgewühlten Schalkenation sinngemäß zu versichern: Wir arbeiten jetzt gemeinsam, wir vertrauen uns und das ist momentan die beste Grundlage für ein erfolgreiches Schalke.

Ein erfolgreiches Schalke also, das (in welchen Hinsichten auch immer, die sind für Außenstehende ja nicht immer einfach nachzuvollziehen), irgendwie erfolgreicher sein sollte, als es der bis dato zweite Tabellenrang in der Bundesliga, der erste Platz in der Champions-League-Gruppe und das Fortbestehen im DFB-Pokal zu repräsentieren vermochten. 

Doch plötzlich sollte alles noch viel schneller gehen: Wenn der Mensch nämlich Prozesse einleitet oder beschleunigt, die sich seiner umfassenden Kontrolle entziehen und die sich überdies in einer für den Menschen widernatürlichen Geschwindigkeit verselbstständigen können, wird es gefährlich, für den Menschen. Das ist überall so, doch besonders im Zirkuszelt der Bundesliga.

Zu spüren bekommen das augenblicklich diejenigen, die sich noch kürzlich dank jener Vision in Sicherheit wähnten, dass sich mit einer jungfräulichen Vertrauensbasis das Kind namens Schalke schon schaukeln ließe. Möge sich die Gewalt der unkontrollierbaren Rasanz im Geschäft der Bundesliga, die bislang noch jedes Vertrauensverhältnis in die Knie gezwungen hat, in den folgenden Zeilen widerspiegeln:

Der Rauswurf von Stevens ist die eine Sache. Die Neubesetzung die andere.
In den vergangenen Wochen sind Heldt und Keller bislang jegliche Qualitätsnachweise schuldig geblieben, die den Aktionismus aus der Vorweihnachtszeit rechtfertigen könnten. Der Aktionismus wirkt jetzt bloß noch wie ein blinder. Kein Optimist hat aus gegenwärtiger Sicht noch sinnvolle Antworten auf die Frage parat, was die beiden zu dieser Kampagne bewog.

Die Schalker spielten in München grauenhaft, der Auftritt und die Körpersprache waren eindeutig. Seit Monaten gelingt es Schalke nicht, aus einem sehr guten Kader ideale Leistungen zu schöpfen. Keller hat daran nichts verbessern können, wahrscheinlich ist es noch schlimmer geworden:
Es ist keine Handschrift des Trainers erkennbar, geschweige denn ein Konzept oder Courage.

Ein erfolgreicher Wettstreit mit den Münchenern glich von vornherein einer Herkulesaufgabe. Das spricht aber in erster Linie für die Bayern und bloß untergeordnet gegen den FC Schalke. Jens Keller musste auf einige Spieler verzichten, unter ihnen waren viele aus dem Stammpersonal. Aber das Stammpersonal hatte sich diese Bezeichnung in den vorigen Spielen kaum mehr verdient, die vertrackte Lage hätte man unter diesen Umständen mit einer das-ist-uns-jetzt-scheißegal-Einstellung ins Gegenteil verkehren können, zumindest in den Köpfen. Die Bundesliga hat schon häufig Mannschaften bestaunen dürfen, die sich unter ähnlichen Bedingungen, also mit dem Rücken zur Wand, durch eine Trotzreaktion, durch einen Kraftakt, durch einen Leidenschaftsbeweis an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen haben.

Spielertypen wie Fabian Ernst oder Peer Kluge hätte Schalke gebrauchen können, es ist bezeichnend, dass die beiden keine Haare auf dem Kopf haben, aber sie sich trotzdem aus dem Sumpf gezogen hätten, und mit ihnen selbst auch die Kollegen, völlig ungeachtet des Resultats. Denn es ging bei dem Auswärtsspiel in München für Schalke nicht darum, Punkte zu holen. Es ging darum, eine Reaktion zu zeigen, das Gesicht zu wahren. Nach dem Abpfiff hätten die aus dem Hals herausgelaufenen Lungen von Ernst oder Kluge auf dem Rasen der Allianz Arena gelegen, Michel Bastos ist in 72 Minuten 7900 Meter gelaufen, Jermaine Jones hatte 36 Ballkontakte im gesamten Spiel, das sind anonyme Werte, wenn man sie im Verhältnis zu dem Herzblut sieht, mit dem die Schalker im Gästeblock und vor den Bildschirmen bei der Sachen waren. Dass sich aber ein Jones, im Gegensatz zu Bastos ein ortskundiger Vertrauter, mit seiner angedachten Rolle des Leitwolfs zwischen seinen Mitspielern als dermaßen isoliert zu empfinden scheint, dass er sich vor lauter Überforderung der Arbeitsverweigerung verdächtig macht, symbolisiert im Hier und Jetzt ein unbeseeltes Schalke.

Das Gros einer Mannschaft muss gleichwohl Schalke kennen und fühlen, um Schalke in Situationen wie dieser zu helfen. Wenn sich aber die Mannschaft samt Trainer unter widrigen Bedingungen auf die Rückrunde vorbereiten muss, weil Horst Heldt das Fällen einer wesentlichen Entscheidung bis zum Geht-nicht-mehr hinauszögert, also in einem zähen Verhandlungsmarathon mit Lyon und London seine Zerstreuung findet, während die zügige Klärung aller Transfergeschäfte für Jens Keller von immanenter Bedeutung gewesen wäre, um in seinem Aufgabenbereich über die Grundlage zu verfügen, aus eigener Feder eine effiziente wie durchdachte Strategie für den herbeieilenden Spielbetrieb zu entwickeln, ist das, was auf Schalke derzeit denkt und lenkt, ausschließlich mit Dilettantentum zu übersetzen.
Heldt entschied sich, Holtby, den Schalker, abzugeben. Heldt entschied sich, Bastos, den Fremden, zu holen. Weil er die Entscheidung bis in die letzten Stunden des Januars vertagte, war es logisch, dass diese so ausfallen würde.
Heldt hätte das wissen müssen, auch, wie wichtig frühere Klarheit gewesen wäre und ebenso der Verbleib von Lewis Holtby. Über einen ineffektiven Holtby gegen eine meisterhafte Bayern-Defensive hätte sich niemand beklagt. Ein beflissener, aber wesensfremder Bastos erweist sich als Bumerang, der aus München im hohen Bogen durch die geschlossenen Fenster in Heldts Büro fliegt. Bastos sollte die Mastercard für Schalke sein und Heldt wusste nicht, dass es Dinge gibt, die man nicht kaufen kann.

Falls Keller tatsächlich in den nächsten Wochen seinen Platz räumen müsste, hätte sich Horst Heldt disqualifiziert und zwar bis ans Ende seiner Tage.
Er hat sich nach der Entlassung von Stevens für Keller stark gemacht, ihn ins Amt befördert und ihm der versammelten Öffentlichkeit gegenüber das absolute Vertrauen ausgesprochen. Verbunden mit der definitiven Zusicherung, dass Keller mindestens bis zum Sommer Trainer auf Schalke bleibt. Wenn Heldt dieses Versprechen bricht, dann müsste er auch die Konsequenzen tragen. Als Manager wäre Horst Heldt dann komplett unglaubwürdig, würde wahrscheinlich nie wieder einen Posten anvertraut bekommen, vorausgesetzt das Geschäft hat ihm damals richtig zugehört.

Wenn das Schalker Schicksal nicht vorrangig wäre und das Beenden der Talfahrt nicht oberste Priorität genießen würde, könnte man tatsächlich Mitleid für Horst Heldt empfinden. Es ist eine Tragödie.

Aber es ist auch noch nicht gesagt, dass es so weitergehen muss:
Beim Auswärtsspiel in Mainz hätte das derzeitige Personal wohl die vorerst letzte Möglichkeit, sich tatsächlich noch an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.
Allerdings sprachen die Interviews nach dem Spiel in München buchstäblich eine eindeutige Sprache. Auch ein Autist wird in den Gesichtern der Spieler erkannt haben, dass die Schalker lebensmüde sind.
Ein erneutes Desaster in Mainz würde für Keller wahrscheinlich das Ende auf Schalke und für Heldt das Ende seiner Karriere bedeuten.
Für Schalke könnte das hingegen einen Schrecken mit Ende bedeuten, vorerst.

Denn wer würde vermuten, dass die Nachwelt lange frei von Schrecken bliebe, Schalke eine Geschichte zu schreiben begönne, von der ein Außenstehender also eines Tages erahnen könnte, was sie ihm eigentlich erzählen will?

Am Ende spielt Madlung

Februar 6, 2013

Mit der hingebungsvollen Mülltrennung verhält es sich wie mit der Aversion gegen den VfL Wolfsburg: Beide entspringen sie dem schlechten Gewissen des Kapitalismus. Deswegen bemängeln Psychologen hierzulande, dass geneigte Bundesligaidealisten viel zu schnell einer oberflächlichen Wolfsburgkritik verfallen würden. Inmitten der konstruierten Lobeshymnen auf den traditionsbewussten Fußball seien die armen Wolfsburger schließlich bloß die Sündenböcke für unsere Sehnsucht nach einem anderen Lebensstil.
Für Schmerzensgeldforderungen aufgrund jener Persönlichkeitsstörungen könne die VfL Wolfsburg-Fußball GmbH deshalb auch nur beschränkt haften. Das stimmt natürlich.

Aber auf geht’s, nicht oberflächlich, sondern tiefschürfend:
Der VfL Wolfsburg hatte in den vergangenen Jahren viele Gesichter und die meisten von ihnen hat Alexander Madlung kennengelernt. Als er im Sommer 2006 aus der Hauptstadt in seine Heimatregion nach Niedersachsen wechselte, begrüßte Madlung auf dem Trainingsgelände des VfL Wolfsburg seine neuen Kollegen: »Guten Tag! Du bist der Jacek Krzynówek, oder? Ich bin Alexander, Dein neuer Mitspieler«, wird er vielleicht gesagt haben.
»Hallo Hans Sarpei! Dich erkenne ich sofort an Deinem schönen Lächeln«, wird er danach vielleicht gesagt haben. Dann hat Alexander Madlung vielleicht noch Pablo Thiam eine herausragende Managementkarriere prophezeit, Juan Carlos Menseguez vielleicht noch für dessen Frisur gelobt und Mike Hanke vielleicht noch dazu geraten, zukünftige Kinder auf die Namen Janatha-Fey und Jayron-Cain zu taufen.

Doch all diesen Mutmaßungen stehen zwei Fakten gegenüber:
Der VfL Wolfsburg, so wie Madlung ihn kennenlernte, war damals ein anderer. Und schon damals wollte der VfL Wolfsburg gerne ein anderer sein. Wollte der VfL Wolfsburg immer etwas anderes sein?

Wollte der VfL Wolfsburg immer irgendwo anders hin, möglichst weit weg von sich selbst?

Alexander Madlung erzählt die Geschichte von der wolfsburg’schen Metamorphose, in erster Linie aber von ihren Tücken: Dass der Verteidiger dienstältester Spieler seiner Mannschaft ist, liefert dabei noch keinen Verdachtsmoment, ist also kein Anlass für diese Streitschrift. Bei den besten Familienunternehmen der Bundesliga treten ähnliche statistische Werte auf, zudem ist die mittlerweile siebenjährige Vereinstreue des Alexander Madlung ein ohnehin stolzer Wert im Fußballgeschäft, dessen Drehtüren mit der Jahrtausendwende gehörig an Fahrt aufgenommen haben. Die Geschichte wird also erst interessant, wenn man bedenkt, wie viele Gesichter Madlung im Laufe seiner Jahre noch begegnen sollten, nachdem er im Sommer 2006 erstmals das Trainingsgelände betreten hatte. Gesichter, die alle der VfL Wolfsburg werden wollten, und mit ihm ein anderer.

121 Mannschaftskollegen hat Madlung bislang kennengelernt, sage und schreibe einhunderteinundzwanzig. Mit 121 verschiedenen Kollegen stand er unter der Dusche, mit 121 Kollegen joggte er durch den Wald, mit 121 Kollegen schleppte er Medizinbälle. Die Namen seiner Kollegen lassen sich beliebigen Kategorien zuordnen: Ballkünstler wie Marcelinho, Diego oder Misimovic. Haudegen wie Hristov, Ljuboja oder Möhrle. Routiniers wie Salihamidzic, Hitlzsperger oder Schindzielorz. Spieler mit C wie Cicero, Chris, Costa, Cigerci, Cale oder Caiuby. Langhaarige Südamerikaner wie Klimowicz, Alvim, Quiroga, oder – wie könnte er hier fehlen – Menseguez.

Ohne sich also bloß vom Fleck zu bewegen, erlebte Madlung in 78 Monaten in der niedersächsischen Provinz eine Weltreise im eigenen Körper:
121 Mitspieler, etwa 8 differierende Mannschaften, teilweise gar wesensfremd, 7 Trainer, teilweise gar mehrmals, 4 Manager — 1 Verein. Es ist nicht gesagt, dass Spieler, die in demselben Zeitraum drei-, viermal den Klub gewechselt haben, vergleichbare Werte verzeichnen können.
In Wolfsburg kamen und gingen sie also alle. Geblieben ist seit dem Sommer 2006 nur einer. Und immer, wenn Madlung an der Seitenlinie urplötzlich zur Einwechslung bereitstand, wurde der Verein von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt. Von einer Vergangenheit, die man um buchstäblich jeden Preis loswerden wollte.

Doch wer ist dieser Alexander Madlung, dieses personifizierte Langzeitgedächtnis Wolfsburger Turbulenzen und Verwandlungen?
Ein sympathischer, aufrichtiger Kerl ist er zweifellos, das Gegenteil einer Skandalnudel, Tätowierungen auf seinen Oberarmen sucht man vergeblich. Doch auf’m Platz – also dort, wo’s entscheidend ist – spielt Madlung die Rolle des Innenverteidigers, eines grundsoliden nämlich. In der Beweglichkeit plagen ihn die Defizite, wie sie für Spieler seiner Statur üblich sind und in puncto Spieleröffnung trennt ihn eine kleine Welt von Verteidigern 2.0 wie Mats Hummels. Doch er ist einsatzfreudig, ein hartnäckiger Manndecker mit wuchtigem Kopfball, hervorragendem Positionsspiel und der nötigen Lufthoheit, wie ein Aufklärungsflugzeug schwebt er über dem eigenen Strafraum, Bruder im Geiste von Robert Huth.

Zwei Länderspieleinsätze dekorieren seine Vita, sechs Minuten gegen Georgien, 90 gegen Dänemark, immerhin. Freilich wird der Name des Bundestrainers nicht noch einmal auf seinem Display erscheinen. Doch Madlung ist ohnehin keiner, der vom WM-Finale oder von der Champions League träumt. Madlung ist einer, der seine Arbeit machen will.

Das schien dem VfL Wolfsburg indes nicht immer zu genügen, denn der Verein wollte irgendwo anders hin, möglichst weit weg von sich selbst. So geschah es, dass Madlung von Wechselperiode zu Wechselperiode neue Mitspieler vorgestellt und vorangestellt bekam. Unter ihnen waren viele – dessen wird sich Madlung immer bewusst gewesen sein –, die besser sein sollten als er, der gebürtige Braunschweiger. Denn der Verein, da war man sich einig, wollte nicht nur anders sein, sondern auch hoch hinaus.

Dazu kam es auch. Alleine die Szenen aus der Saison 2008/09 – dem Jahr mit Meisterschale und ohne Rathausbalkon – reichen aus, um exemplarisch zu zeigen, wie grandios die Wölfe zuweilen aufgespielt haben. Selten haben Anhänger des hiesigen Fußballs derartige Ästhetik in Verbindung mit Effizienz bestaunen dürfen, wie sie die Niedersachsen in der Rückrunde des Jahres 2009 auf die Rasenflächen des Oberhauses gezaubert haben.

Doch auch in jener Saison – also wahrlich dem Gipfel aller Ambitionen des modernen Wolfsburgs – hatte Madlung unter Beweis stellen können, dass er die Tauglichkeit für dieses Niveau besitzt. 24 Einsätze und drei Treffer konnte er zum Gewinn der Meisterschaft beisteuern, dreizehnmal kam er von der Bank, um das Ergebnis zu sichern, elfmal schmiss er sich über volle 90 Minuten in die Zweikämpfe. Das besagt die Erinnerung, die Statistik, die Praxis. In der Theorie hätte es jedoch gar nicht dazu kommen dürfen.

Als Madlung vor exakt sechs Jahren, also acht Monate nach seinem Transfer zum VfL, dem Magazin 11 Freunde Rede und Antwort stand, begründete er seinen Wechsel von Berlin »zu einem Verein mit einem derart grauen Image« damit, dass Trainer Klaus Augenthaler und Manager Klaus Fuchs ihm »versichert« hätten, dass sie auf ihn »bauen« würden, weshalb er fortan versuche, »dieses Vertrauen mit guten Leistungen zurückzuzahlen«.
Die typische Methode von gegenseitigem Vertrauen also, das sich in seiner Wechselwirkung um eine Win-Win-Strategie bemüht. Aber an die Ära Augenthaler erinnern sich auf Anhieb bloß noch die wenigsten, zu viel ist in Wolfsburg seither passiert, denn der Verein wollte irgendwo anders hin, möglichst weit weg von sich selbst – und auf dem Hindernisparcous des Selbstfindungstrips vom grauen Image zum bunten Hund rollten in der Autostadt mehr Köpfe als Volkswagen vom Fließband und mit ihnen die Gesichter, die alle der VfL Wolfsburg werden wollten, und mit ihm ein anderer.

Madlung ist geblieben. Er durchlief im Biotop Wolfsburg seinen persönlichen Evolutionsprozess, hat sich den wechselnden Umständen beherrlich angepasst, ist bei der Sache geblieben, hat seine Arbeit gemacht. Wie er sich dafür über die Jahre motivieren konnte, bleibt allein sein Geheimnis. Denn durchaus attraktive Angebote erreichten ihn und der erklärte Rückhalt seiner einstigen sportlichen Leiter, also jene treibende Kraft, die ihn laut eigener Aussage vor sechs Jahren noch zu Leistungen angespornt hatte, sollte bald ins Gegenteil umschlagen: Die zukünftigen Federführungen des Vereins sahen anhaltend notorischen Handlungsbedarf, was die Planstellen in der Innenverteidigung betraf.

»Ja, der Madlung«, mag sich ein Hoeneß, ein Magath vielleicht gedacht haben, »das ist schon ein Guter. Aber es gibt doch bestimmt Bessere und das Geld hätten wir ja für die.«

Madlung klang ihnen womöglich zu sehr nach deutscher Hausmannskost und so ließen sich binnen weniger Jahre auf dem internationalen Transfermarkt wohlschmeckende Namen wie Simon Kjær, Felipe Lopes, Jan Šimůnek, Ricardo Costa, Sotirios Kyrgiakos oder Ricardo Rodríguez finden und verpflichten – auch nicht zu vergessen Andrea Barzagli und Cristian Zaccardo, die beiden Weltmeister und vermeintlichen Königstransfers. Weil Madlung aber zum alten Eisen gehörte und man immer mehrere (oder besser: noch mehrerere) im Feuer haben wollte, wurde man beim regelmäßigen Sportschau gucken ebenfalls fündig: Der Friedrich von der Hertha, der Naldo aus Bremen, der Pogatetz aus Hannover und, um es mit den Versandkosten nicht zu übertreiben, der Chris und der Russ zum Doppelpack geschnürt von der Eintracht: Da komme, was wolle, am Ende spielt Madlung.

Aber wer in dieser Liste von eingekauften Innenverteidigern nach Vertrauen in Alexander Madlung sucht, der wird keines finden.

Während die Transferfenster in der Chefetage des VfL also regelmäßig sperrangelweit geöffnet wurden, gab Madlung sich immer bescheiden. Er trat ins zweite Glied, empfand die Neuverpflichtungen nicht als Kränkung, sondern sah sie als Herausforderung an, machte einfach seine Arbeit und wartete geduldig den immer wiederkehrenden Moment ab, von den Archäologen beim Verein abermals entdeckt zu werden.

Dafür brauchte es aber nicht nur Madlungs Disziplin und Professionalität, sondern auch ein Fiasko bei der Konkurrenz. Dass sich eine derartige Horde von kostspieligen und erfahrenen Verteidigern in aller Regelmäßigkeit um ihre Vorschusslorbeeren und das entgegengebrachte Vertrauen bringen konnte, weist groteske Züge auf. Es wäre äußerst müßig, die individuellen Gründe darzulegen, die einzelnen Chronologien zu rekapitulieren. Auch wenn sich nicht alle mit Pauken und Trompeten um ihren Stammplatz brachten, manch einer noch im Kader weilt oder zurückgekehrt ist: Möge allein die Masse von Fehlinvestitionen und Schiffbrüchigen für sich sprechen.

Am Ende spielt also Madlung, in seinen stetigen Zyklen von der Karteileiche zum Aufklärungsflugzeug und zurück. Im Januar dieses Jahres war es wieder so weit: Nach einer Hinrunde mit der makaberen Bilanz von 27 Gegentoren begegnete Klaus Allofs beim Scrollen über die ellenlange Liste von Angestellten urplötzlich der Name Alexander Madlung. Auch die Wolfsburger Archäologen meldeten sich erneut zu Wort und flüsterten dem neuen Trainer Dieter Hecking, dass es da ja noch einen grundsoliden Verteidiger beim Verein gäbe – und etwas Grundsolides, das könne man ja wieder einmal gut gebrauchen. Spätestens seit dem aberwitzigen Lapsus von Simon Kjær beim Spiel in Hannover scheint Alexander Madlung nun auch in der Trainingsjacke des siebten Wolfsburger Trainers das Ass im Ärmel zu sein: Stammplatz, die Madlung-Renaissance, schon wieder.

Die umrissene Geschichte des VfL Wolfsburg zeigt, wie sich das Geschehen in der Bundesliga häufig der Logik von rationalen Kalkulationen und Prognosen entzieht. Sollten aber die Dinge in Wolfsburg auf Basis des 8. Februar 2013 ihren Lauf nehmen, wird Madlung seinen Stammplatz in der Rückrunde behaupten. Dann könnte er im kommenden Sommer in der Liste der Wolfsburger Rekordspieler auf einen Podestplatz vorrücken – und zwar hinter Marcel Schäfer, dem emsigen Außenverteidiger, der seit 2007 im Klub ist und mit Diego Benaglio (2008), Alexander Madlung und vielleicht Josué (2007) die tragenden Säulen des Vereins stellt. Ohne die Vier wäre die Wolfsburger Gegenwart eine seelenlose.

Im Sommer hat der VfL Wolfsburg also mit Alexander Madlung wahrscheinlich einen Rekordspieler, der nie einer sein sollte. Es obliegt jedem Anhänger persönlich, ob er die positiven oder die negativen Facetten dieser Komödie hervorheben möchte.

Auch Dieter Hecking und Klaus Allofs werden diese Angelegenheit für sich bewerten müssen. Mutmaßlich wird Klaus Allofs aber im kommenden Juli in seiner Chefetage die Transferfenster sperrangelweit öffnen, schließlich scheint draußen die Sonne, es ist sehr warm. »Ja, der Madlung«, mag er sich dann vielleicht denken, »das ist schon ein Guter. Aber es gibt doch bestimmt Bessere und das Geld hätten wir ja für die. – Ja, also den Madlung…«, dann ein kurzes Stöhnen, ein Zurücklehnen im Sessel, ein Verschränken der Hände hinter dem Kopf und ein flüchtiger Blick Richtung Fenster, »…ja, also den hätte ich auch in Bremen haben können.«

Dann bliebe Klaus Allofs und der Anhängerschaft nur zu wünschen übrig, dass er sein gutes Händchen auch für die Besetzung dieser heiklen Position beweist. Möglicherweise gönnt er sich beim Scrollen durch die Listen aber ein Päuschen und phantasiert dann zumindest in seinen Träumen, wie das wohl sein könnte, mit dieser Mixtur aus Understatement, Bodenständigkeit und aller Achtung, also mit diesem Madlung, der am Eröffnungswochende der herbeieilenden Spielzeit als Erster den Rasen betritt, mit der Kapitänsbinde am Arm.

Süßes oder Saures

Januar 28, 2013

Bevor die Drei den Kinderspielplatz betraten, hatten sie in der Umkleide den älteren Spielkameraden noch stolz ihre nigelnagelneuen Sportschuhe präsentiert:

»Guck mal, Miro! Die haben wir von unseren Eltern als Belohnung für die letzten Wochen bekommen. Die sind voll cool!«, sagte der kleine Lewis. Miroslav Karhan, der sich gerade den Schädel an der Kabinendecke gestoßen hatte, kauderwelschte mit slawischem Akzent:
»In der Farbe hatte ich mal einen Textmarker.«

»Guck mal, Niko! Hast Du Klettverschluss, oder kannst Du auch schon eine Schleife machen?«, fragte André dann seinen Sitznachbarn und guckte dabei wie ein Streber, der im Matheunterricht mit seinem neuen Zirkel angeben will. Nikolče Noveski musste sich etwas beherrschen und erwiderte:
»Also, was erwartest Du denn von Deinem Kapitän?«

Ádám Szalai, der beinahe seinen Turnbeutel zu Hause vergessen hatte, war gemeinsam mit Lewis Holtby und André Schürrle der dritte Strolch im Bunde jener, die auch an diesem Nachmittag ein Bällebad besorgten. Weil sie noch jung waren, in der Liga ein Tohuwabohu veranstalteten, also beispielsweise die Eckfahne beim Jubeln als Gitarre benutzen, ohne sie wieder zurückzustellen, und ihr Verein der FSV Mainz war, galten sie als die »Bruchweg Boys«.

Am Abend sollten sie sich dann wieder austoben dürfen, denn auf das Trio wartete eine weitere Belohnung. Diesmal zeigte sich jedoch das ZDF spendabel und André war im Sportstudio vollkommen aus dem Häuschen, als man ihm dort den Traum erfüllte, die Pseudogitarre alias Eckfahne gegen ein Original zu tauschen.

Der Sportjournalismus hielt es für angebracht und pädagogisch sinnvoll, dem hausgemachten Etikett »Bruchweg Boys« einen sinngemäßen Auftritt zu verschaffen. Während Lewis vorfreudig das Mikrophon ergriff, durfte Ádám wie wild auf die Trommel hauen. Das war wirklich super.

Doch Stunden zuvor hatte das Kinderspiel ein zwischenzeitliches Ende nehmen müssen, denn Uli Hoeneß’ scharlachroter Kopf verriet: Witzig war die Situation nicht mehr für alle Beteiligten. Auch unter den anwesenden Journalisten schien sich eine ambivalente Stimmung auszubreiten. Wurde ihnen gar mulmig zumute?

Ihnen wurde mulmig zumute! Denn diese Rasselbande kämpfte an der Front einer Truppe, die soeben eine bundesligainterne Palastrevolution angezettelt hat. Nachdem der FSV Mainz nämlich mit fünf Siegen in die Saison gestartet war, hatte die Mannschaft auch beim FC Bayern München gewonnen. Aber mehr noch: Sie tanzten 90 Minuten wie die Mäuse auf Rummenigges Schreibtisch, sie machten den Verein lächerlich, wenn man bedenkt, dass Mario Basler zu seinen besten Zeiten den Betrag des Mainzer Jahresbudgets auf dem Oktoberfest verbraten hat.

Wir schreiben also den 25. September 2010 und der Anzeigetafel in der Allianz Arena sind zwei Informationen zu entnehmen: Es ist 17:30 Uhr und die Bayern haben sich gerade bis auf die Knochen blamiert.

Im Gästeblock findet derweil eine Mischung aus Rosenmontag, Kindergeburtstag und Rockkonzert statt. Die Haupttribüne hingegen, wo elitäre Sadisten noch Unsummen veräußert hatten, um bei Schnittchen und Champagner abermals zu beobachten, wie eine Gästemannschaft zerlegt wird, ist bereits leergefegt. Im monotonen Grau der Sitzschalen sticht bloß noch ein scharlachroter Kopf hervor, den irgendjemand dort verloren haben muss.

Während Hoeneß noch um Fassung ringt, haben sich die Journalisten aber bereits zusammenreißen müssen, um professionell zu bleiben. Am Spielfeldrand lauert das Bezahlfernsehen, über den Spielertunnel bis in den Kabinentrakt staffeln sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk, das Privatfernsehen, die Boulevardmedien, die Radiosender, Lokalmedien, Fachmagazine und Tageszeitungen. Auch ohne Absprachen und ohne Gleichschaltung waren sie sich einig: Mit den Boys müsste jetzt mal geredet werden wie mit Männern. Die Bundesligasaison war noch in der Embryonalphase, aber es gab trotzdem nur noch eine Frage:

»Wollt ihr jetzt Deutscher Meister werden?«

Heute, also fast zweieinhalb Jahre später, scheint es beinahe surreal, dass die »Bruchweg Boys« den damaligen Irrsinn auf allen Ebenen verkraftet haben, ohne nachhaltigen Schaden zu nehmen. Für jeden kleineren Verein, der im Laufe einer Saison das Label eines »Überraschungsteams« erhält, ist es schon eine besondere Herausforderung, mit der gestiegenen Erwartungshaltung, dem medialen Fokus, den ständig bohrenden Fragen nach dem Saisonziel fertig zu werden. Wann immer aber insbesondere junge Spieler als Schlüsselfiguren und Avantgardisten ausgemacht wurden, begrub die branchentypische Lawine der Aufmerksamkeit schon einige Karrieren unter sich, bevor sie überhaupt begonnen hatten.

André Schürrle, Lewis Holtby und Ádám Szalai haben mit dem FSV Mainz Fußballdeutschland für einige Monate auf den Kopf gestellt. Im Hauptberuf Fußballer, im Nebenberuf Popstar: Es soll schon Menschen gegeben haben, für die eine der Bühnen gereicht hat, um in der Entzugsklinik zu landen.

Aber auch der FSV Mainz hat die Umstände unter Thomas Tuchel und Christian Heidel eindrucksvoll bewältigt. Sie haben es einfach geregelt, indem sie den Verein in den oberen Gefilden der Tabellen etablierten. Seit dem Sommer 2010 hat der FSV Mainz 127 Punkte in der Bundesliga geholt, in demselben Zeitraum kommt der VfB Stuttgart auf 120 Punkte, Werder Bremen auf 105 und Schalke 04 auf 133. Das Medienimperium und die Zuschauer haben sich also an die guten Leistungen gewöhnt und stellen keine blöden Fragen mehr, obwohl die finanziellen Möglichkeiten in Mainz noch immer sehr bescheiden sind.

Von dem Trio spielt einzig Ádám Szalai auch heute noch beim FSV. Nach einer schweren Verletzung im Januar 2011 hat der Ungar ein Jahr später wieder auf den Platz gefunden und auch in dieser Saison wieder maßgeblichen Anteil am Erfolg seiner Mannschaft. Auch ihm winkt in naher Zukunft die Möglichkeit, sich bei einem größeren Verein beweisen zu dürfen.

Lewis Holtby hat sich indes bereits zwei weitere Träume erfüllt: Als Stammspieler in Königsblau wechselt er nun in die Premier League, um sich auch bei Tottenham auf der Spielmacherposition durchzusetzen. Es bleibt ihm zu wünschen, dass es dafür bereits reicht. Verglichen mit seinen zwei Bandkollegen war der Junge mit dem Mikrophon noch am ehesten anfällig für unbesonnenes Agieren, hatte man doch zuweilen den Eindruck, Holtby verfiele manchmal dem Glauben, dass er bereits heute so gut wäre, wie er in drei Jahren einmal sein wird.

André Schürrle ist fester Bestandteil einer außerordentlichen Offensivabteilung in Leverkusen. Trotz der immensen Konkurrenz, die in Deutschland gegenwärtig auf seiner Position herrscht, wird er vom Bundestrainer sehr geschätzt und mit regelmäßigen Einsätzen belohnt.

Es scheint also, als hätten die »Bruchweg Boys« einiges richtig gemacht. Trotz ihrer herausragenden Fähigkeiten ist es mitnichten eine Selbstverständlichkeit, dass keiner von ihnen ins Straucheln geriet, nachdem die Unterhaltungsindustrie im Sportjournalismus mit Süßigkeiten nur so um sich geschmissen hatte. So gibt es auch eine symbolische Einbildung davon, wie die Jungs damals den Hindernisparkour von Mikrophonen in den Katakomben der Allianz Arena gemeistert haben:

Reporter: »Wollt ihr jetzt Deutscher Meister werden?«
André: »NEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!«
Reporter: »Wollt ihr denn Champions League?«
Ádám: »NEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!«
Reporter: »Aber ihr wollt Euro League?«
Lewis: »NEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!«
Reporter: »Was wollt ihr denn?«
Dreistimmig: »MAOAM! MAOAM! MAOAM!«

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