Süßes oder Saures

Januar 28, 2013

Bevor die Drei den Kinderspielplatz betraten, hatten sie in der Umkleide den älteren Spielkameraden noch stolz ihre nigelnagelneuen Sportschuhe präsentiert:

»Guck mal, Miro! Die haben wir von unseren Eltern als Belohnung für die letzten Wochen bekommen. Die sind voll cool!«, sagte der kleine Lewis. Miroslav Karhan, der sich gerade den Schädel an der Kabinendecke gestoßen hatte, kauderwelschte mit slawischem Akzent:
»In der Farbe hatte ich mal einen Textmarker.«

»Guck mal, Niko! Hast Du Klettverschluss, oder kannst Du auch schon eine Schleife machen?«, fragte André dann seinen Sitznachbarn und guckte dabei wie ein Streber, der im Matheunterricht mit seinem neuen Zirkel angeben will. Nikolče Noveski musste sich etwas beherrschen und erwiderte:
»Also, was erwartest Du denn von Deinem Kapitän?«

Ádám Szalai, der beinahe seinen Turnbeutel zu Hause vergessen hatte, war gemeinsam mit Lewis Holtby und André Schürrle der dritte Strolch im Bunde jener, die auch an diesem Nachmittag ein Bällebad besorgten. Weil sie noch jung waren, in der Liga ein Tohuwabohu veranstalteten, also beispielsweise die Eckfahne beim Jubeln als Gitarre benutzen, ohne sie wieder zurückzustellen, und ihr Verein der FSV Mainz war, galten sie als die »Bruchweg Boys«.

Am Abend sollten sie sich dann wieder austoben dürfen, denn auf das Trio wartete eine weitere Belohnung. Diesmal zeigte sich jedoch das ZDF spendabel und André war im Sportstudio vollkommen aus dem Häuschen, als man ihm dort den Traum erfüllte, die Pseudogitarre alias Eckfahne gegen ein Original zu tauschen.

Der Sportjournalismus hielt es für angebracht und pädagogisch sinnvoll, dem hausgemachten Etikett »Bruchweg Boys« einen sinngemäßen Auftritt zu verschaffen. Während Lewis vorfreudig das Mikrophon ergriff, durfte Ádám wie wild auf die Trommel hauen. Das war wirklich super.

Doch Stunden zuvor hatte das Kinderspiel ein zwischenzeitliches Ende nehmen müssen, denn Uli Hoeneß’ scharlachroter Kopf verriet: Witzig war die Situation nicht mehr für alle Beteiligten. Auch unter den anwesenden Journalisten schien sich eine ambivalente Stimmung auszubreiten. Wurde ihnen gar mulmig zumute?

Ihnen wurde mulmig zumute! Denn diese Rasselbande kämpfte an der Front einer Truppe, die soeben eine bundesligainterne Palastrevolution angezettelt hat. Nachdem der FSV Mainz nämlich mit fünf Siegen in die Saison gestartet war, hatte die Mannschaft auch beim FC Bayern München gewonnen. Aber mehr noch: Sie tanzten 90 Minuten wie die Mäuse auf Rummenigges Schreibtisch, sie machten den Verein lächerlich, wenn man bedenkt, dass Mario Basler zu seinen besten Zeiten den Betrag des Mainzer Jahresbudgets auf dem Oktoberfest verbraten hat.

Wir schreiben also den 25. September 2010 und der Anzeigetafel in der Allianz Arena sind zwei Informationen zu entnehmen: Es ist 17:30 Uhr und die Bayern haben sich gerade bis auf die Knochen blamiert.

Im Gästeblock findet derweil eine Mischung aus Rosenmontag, Kindergeburtstag und Rockkonzert statt. Die Haupttribüne hingegen, wo elitäre Sadisten noch Unsummen veräußert hatten, um bei Schnittchen und Champagner abermals zu beobachten, wie eine Gästemannschaft zerlegt wird, ist bereits leergefegt. Im monotonen Grau der Sitzschalen sticht bloß noch ein scharlachroter Kopf hervor, den irgendjemand dort verloren haben muss.

Während Hoeneß noch um Fassung ringt, haben sich die Journalisten aber bereits zusammenreißen müssen, um professionell zu bleiben. Am Spielfeldrand lauert das Bezahlfernsehen, über den Spielertunnel bis in den Kabinentrakt staffeln sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk, das Privatfernsehen, die Boulevardmedien, die Radiosender, Lokalmedien, Fachmagazine und Tageszeitungen. Auch ohne Absprachen und ohne Gleichschaltung waren sie sich einig: Mit den Boys müsste jetzt mal geredet werden wie mit Männern. Die Bundesligasaison war noch in der Embryonalphase, aber es gab trotzdem nur noch eine Frage:

»Wollt ihr jetzt Deutscher Meister werden?«

Heute, also fast zweieinhalb Jahre später, scheint es beinahe surreal, dass die »Bruchweg Boys« den damaligen Irrsinn auf allen Ebenen verkraftet haben, ohne nachhaltigen Schaden zu nehmen. Für jeden kleineren Verein, der im Laufe einer Saison das Label eines »Überraschungsteams« erhält, ist es schon eine besondere Herausforderung, mit der gestiegenen Erwartungshaltung, dem medialen Fokus, den ständig bohrenden Fragen nach dem Saisonziel fertig zu werden. Wann immer aber insbesondere junge Spieler als Schlüsselfiguren und Avantgardisten ausgemacht wurden, begrub die branchentypische Lawine der Aufmerksamkeit schon einige Karrieren unter sich, bevor sie überhaupt begonnen hatten.

André Schürrle, Lewis Holtby und Ádám Szalai haben mit dem FSV Mainz Fußballdeutschland für einige Monate auf den Kopf gestellt. Im Hauptberuf Fußballer, im Nebenberuf Popstar: Es soll schon Menschen gegeben haben, für die eine der Bühnen gereicht hat, um in der Entzugsklinik zu landen.

Aber auch der FSV Mainz hat die Umstände unter Thomas Tuchel und Christian Heidel eindrucksvoll bewältigt. Sie haben es einfach geregelt, indem sie den Verein in den oberen Gefilden der Tabellen etablierten. Seit dem Sommer 2010 hat der FSV Mainz 127 Punkte in der Bundesliga geholt, in demselben Zeitraum kommt der VfB Stuttgart auf 120 Punkte, Werder Bremen auf 105 und Schalke 04 auf 133. Das Medienimperium und die Zuschauer haben sich also an die guten Leistungen gewöhnt und stellen keine blöden Fragen mehr, obwohl die finanziellen Möglichkeiten in Mainz noch immer sehr bescheiden sind.

Von dem Trio spielt einzig Ádám Szalai auch heute noch beim FSV. Nach einer schweren Verletzung im Januar 2011 hat der Ungar ein Jahr später wieder auf den Platz gefunden und auch in dieser Saison wieder maßgeblichen Anteil am Erfolg seiner Mannschaft. Auch ihm winkt in naher Zukunft die Möglichkeit, sich bei einem größeren Verein beweisen zu dürfen.

Lewis Holtby hat sich indes bereits zwei weitere Träume erfüllt: Als Stammspieler in Königsblau wechselt er nun in die Premier League, um sich auch bei Tottenham auf der Spielmacherposition durchzusetzen. Es bleibt ihm zu wünschen, dass es dafür bereits reicht. Verglichen mit seinen zwei Bandkollegen war der Junge mit dem Mikrophon noch am ehesten anfällig für unbesonnenes Agieren, hatte man doch zuweilen den Eindruck, Holtby verfiele manchmal dem Glauben, dass er bereits heute so gut wäre, wie er in drei Jahren einmal sein wird.

André Schürrle ist fester Bestandteil einer außerordentlichen Offensivabteilung in Leverkusen. Trotz der immensen Konkurrenz, die in Deutschland gegenwärtig auf seiner Position herrscht, wird er vom Bundestrainer sehr geschätzt und mit regelmäßigen Einsätzen belohnt.

Es scheint also, als hätten die »Bruchweg Boys« einiges richtig gemacht. Trotz ihrer herausragenden Fähigkeiten ist es mitnichten eine Selbstverständlichkeit, dass keiner von ihnen ins Straucheln geriet, nachdem die Unterhaltungsindustrie im Sportjournalismus mit Süßigkeiten nur so um sich geschmissen hatte. So gibt es auch eine symbolische Einbildung davon, wie die Jungs damals den Hindernisparkour von Mikrophonen in den Katakomben der Allianz Arena gemeistert haben:

Reporter: »Wollt ihr jetzt Deutscher Meister werden?«
André: »NEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!«
Reporter: »Wollt ihr denn Champions League?«
Ádám: »NEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!«
Reporter: »Aber ihr wollt Euro League?«
Lewis: »NEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!«
Reporter: »Was wollt ihr denn?«
Dreistimmig: »MAOAM! MAOAM! MAOAM!«

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