Hinweis endet mit Skibbe

Februar 21, 2013

Dezember 2010, es ist 30°C im Schatten: Michael Weiß sitzt am Flusstal des Nyabarongo, auf dem Schoß befindet sich sein Notebook. In Hörweite zu den Virunga-Vulkanen vernimmt er die Rufe der einheimischen Berggorillas, doch seine Aufmerksamkeit gilt einzig dem Fußballspiel, das er jetzt im Live-Stream verfolgt: Philippinen-Myanmar, Endstand 0:0.

Zu diesem Zeitpunkt ist Michael Weiß unter anderem für die Entwicklung des ruandischen Frauenfußballs verantwortlich, aber die Tinte unter seinem nächsten Arbeitsvertrag ist bereits getrocknet. Im fernen Afrika erreichte ihn Monate zuvor die Stellenanzeige des philippinischen Fußballverbands, die auf dem deutschen Sportportal SPOX.com veröffentlicht worden war. Weiß bekam den Zuschlag, bald würde er seine Arbeit als Nationaltrainer beginnen.

Auf die Frage, was er „vorher vom philippinischen Fußball“ gewusst hätte, gestand Weiß gegenüber SPOX: „Überhaupt nichts“. Nach(!!!) seiner Bewerbung habe er aber „intensiv recherchiert“ und sich „wirklich in alles rein gelesen“ (die Betonung liegt auf „alles“, in der Staatsbibliothek Ruandas platzen die Regale von europäischer Literatur über den philippinischen Fußball nämlich aus allen Nähten). Aber auch an bewegten Bildern war er interessiert: Das Länderspiel gegen Myanmar wollte Weiß deshalb nicht verpassen, hatte an diesem Tag aber Glück, weil „die Internet-Verbindung in Ruanda sonst eine Katastrophe ist“.

Stand heute verläuft sein Lernprozess noch immer stockend. Auf den 7107 Inseln des philippinischen Archipels ist es umständlich, Talente zu sichten, die den heimischen Fußball voranbringen könnten, da muss man schon gut mit dem Floß sein. Deshalb hat Michael Weiß lieber an seinem Notebook intensiv recherchiert, welche Spieler aus Deutschland für eine Einbürgerung geeignet wären: Roland Müller (MSV), Dennis Cagara (KSC), Stephan Schröck (1899), Oliver Pötschke (BFC Preussen) und Manuel Ott (Ingolstadt II) stehen schon im Kader, — Weiß sitzt aber noch immer am Notebook: Denn das reicht noch nicht, da muss es noch mehr geben. Ein Spieler ging ihm durch die Lappen, das wird ihn zusätzlich motiviert haben, er ist jetzt auf der Hut, die Ösis haben ihm den Kandidaten damals vor der Nase weggeschnappt. Also bemerkt Weiß: „Ein zweiter Fall Alaba darf nicht passieren.“

Wer als Trainer heutzutage im doppelten Sinne beschäftigt werden will, muss kreativ sein. Das Angebot ist riesig, die Nachfrage gering, die Erwartungshaltung allerorten ein Wahnsinn. Das bekommen nicht bloß unbekannte Weltenbummler wie Michael Weiß zu spüren, sondern auch die großen Namen.

Im Trainerkarussell wird den meisten Kandidaten dabei schwindelig: Wer also heute über Anekdoten aus der Welt des Fußballs lachen will, braucht sich mit dem dressierten Haufen von Karrierespielern nicht lange beschäftigen, die Ulknudeln der Gegenwart sind die Trainer.

Aber eigentlich ist es traurig:
Denn wer mit dem nächsten Trainerstuhlgang zu lange wartet, gerät schnell in Vergessenheit, denn der Fußball, er hat bloß ein Kurzzeitgedächtnis.
Es gilt also irgendwie am Ball zu bleiben, Präsenz zu zeigen, zu nehmen, was man kriegt. Viele zwingt das zu blindem Aktionismus, zahlreiche Trainer der Gegenwart sind ehemalige Spieler, sie standen zu Zeiten auf dem Rasen, als die wenigsten Fußballer das Klischee der sogenannten ‚Fußballmillionäre‘ erfüllten.
Sogar Ailton, der noch vor einem Jahrzehnt Meister und Torschützenkönig wurde, musste in das ‚Dschungelcamp‘. Er musste (ich wähle bewusst kein anderes Modalverb), weil der Erlös der eBay-Versteigerung seiner Torjägerkanone von 2007  aufgebraucht war, und er musste das machen, weil er nur Fußballspielen kann, – oder zumindest in seinem Leben noch nichts anderes gemacht hat.
Bei vielen früheren Fußballern geht es irgendwann um Kopf und Kragen. Viele besinnen sich, schaffen den zweiten Bildungsweg und beginnen andernorts ein Leben fernab des Geschehens. Doch eine ganze Masse von ehemaligen Profis, versucht sich in der vertrauten Umgebung zu etablieren. Die Verlockung, weiterhin im medialen Fokus zu stehen und dem Fußball zu frönen ist gewaltig. So
 schaffen es wenige als Experte, Kommentator oder Kolumnist im Geschäft fortzubestehen. Einige versuchen sich als Trainer, doch nur die wenigsten von ihnen können unter Beweis stellen, dass sie die nötigen Fähigkeiten besitzen.

Die meisten erleiden aber dasselbe Schicksal. Denn
 der Profifußball ist turbulent, Entlassungen sind bloß noch Randnotizen, Vertrauen und Genügsamkeit kann sich kein Verein mehr leisten. Das Karussell dreht sich also rapide, doch in Phasen der Stille müssten Trainer Professionalität beweisen, denn hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Durch die Globalisierung werden die Gleichgewichtsstörungen nicht weniger, ehemals erfolgreiche Bundesligatrainer müssen sich an jede Möglichkeit klammern, die sich ihnen bietet. Aber viele Trainer treffen in diesen Situationen die falsche Entscheidung, womöglich auch, weil ihnen bloß die eine geblieben war.

Falko Götz hatte sich nach Stationen bei der Hertha und 1860 München schon mit Holzbein Kiel anfreunden müssen, ehe er auch dort entlassen wurde. Dann kam ein Anruf aus Asien, aber sein Zweijahresvertrag als Nationaltrainer in Vietnam wurde schon nach wenigen Monaten wieder aufgelöst. Im Interview mit thai-fussball.com wurde Götz nach seiner Kündigung gefragt, ob die Tatsache, dass er bei 1860 mit Shao Jiayi schon einmal „einen asiatischen Spieler trainierte“, ihm während seiner Zeit „in Vietnam geholfen“ hätte: „Sicherlich“, antwortete Götz, „aber die Mentalität der Chinesen und Vietnamesen unterscheidet sich schon noch ein bisschen“.

Augen auf bei der Karriereplanung, mag man da doch denken.
Aber eigentlich ist es traurig.

Das gilt auch für Holger Fach, der 2011 bei Lokomotive Astana aus dem fahrenden Zug geschmissen wurde und sich noch immer zu Fuß auf dem Rückweg befindet. Die Trainerkarriere von Thomas Doll verlief vor einem Jahr im Sande der saudi-arabischen Wüste, man hat ihn seither nie wieder gesehen. Ob er eine rettende Oase erreichte, ist unklar. Michael Skibbe versuchte sich vier Jahre als deutsch-türkischer Berufspendler, zwischen 2008 und 2012 gondelte er von Leverkusen nach Istanbul, von Istanbul nach Frankfurt, von Frankfurt nach Eskisehir, von Eskisehir nach Berlin und von Berlin nach Karabük. Seitdem hat ihn niemand mehr angerufen. 

Jens Keller befand sich bereits kurz vor seiner Embryonalphase, als Horst Heldt im Dezember 1969 in irgendeinem Kreißsaal von Königswinter das Licht der Welt erblickte. Dass die beiden also in etwa das gleiche Alter haben, ist bloß eine Randnotiz, aber der zeitliche Ausgangspunkt für ihre späteren Karrieren als Fußballer, die für Keller und Heldt jeweils von 1990 bis 2005 in der identischen Zeitspanne verlaufen sollten.

Mit den Gemeinsamkeiten nimmt es seinen Lauf: Heldt spielte überwiegend beim VfB Stuttgart, bei Eintracht Frankfurt, bei 1860 München und beim 1.FC Köln, 14 von 15 Jahren verbrachte er bei den genannten Vereinen.
Und Keller? Auch er spielte überwiegend beim VfB Stuttgart, bei Eintracht Frankfurt, bei 1860 München und beim 1.FC Köln, 12 seiner 15 Spielzeiten verweilte er in den genannten Städten.

Jetzt wird es allerdings ulkig: Der statistische Zufall, den man seit diesem Wochenende eher als metaphysische Fügung zu interpretieren geneigt ist, wollte es so, dass Keller und Heldt sich in diesen 15 Jahren allenfalls als Gegner auf dem Spielfeld gegenüberstanden, dasselbe Trikot trugen sie in der gesamten Zeit nicht an einem einzigen Spieltag.

Im Sommer 1995 verzeichneten beispielsweise die Münchener Löwen Jens Keller als Abgang, während sie Horst Heldt als Neuzugang begrüßten. Kurz nachdem Heldt die Frankfurter Eintracht 2001 verlassen hatte, wurde der Verein neuer Arbeitgeber von Keller. Mit der Jahrtausendwende war der 1.FC Köln zuvor der letzte Erstligist, der Jens Keller unter Vertrag genommen hatte; also eben jener Verein, bei dem Horst Heldt noch als Knirps seine ersten Fußballschuhe schnürte, während Heldt seine Karriere eben dort beendete, wo Jens Keller mit dem Kicken begonnen hatte: Beim VfB Stuttgart.

Obwohl sich ihre Werdegänge also aus denselben Puzzleteilen zusammensetzen, hätte die Chronologie ihrer Engagements folglich kaum asymmetrischer verlaufen können und der geneigte Schalker wird nach diesem Wochenende konstatieren, dass es dabei auch am besten hätte bleiben sollen.

Denn sowohl Heldt als auch Keller setzten ihren Lebenslauf im Fußballgeschäft fort, um zukünftig auch hinter den Kulissen jener Bühne erfolgreich zu sein, auf der sie sich zumindest solange als fähig erwiesen hatten, wie Stutzen und Schienbeinschoner zu ihrer Arbeitskleidung zählten.
Doch wie würde das bloß in moderner Business-Garderobe (Heldt), oder Lambswool Pullover mit V-Ausschnitt (Keller) aussehen?

Eines Tages sollten sich die Wege ihrer ähnlich motivierten Missionen also abermals kreuzen: Diesmal standen sie sich aber nicht als Kontrahenten gegenüber, sondern erstmals als Kollegen. Ausgerechnet auf Schalke, dieser bedeutungsschwangeren Mutter aller Pulverfässer.

Zu spekulieren, welche Dynamik sich zwischen Heldt und Keller entwickelte, nachdem sie urplötzlich denselben Arbeitgeber hatten und sie in gemeinsamen Plaudereien bestimmt auch darüber haben schmunzeln müssen, wie lange sie sich zuvor aus dem Weg gegangen waren, ist gegenstandslos und liefe sogar Gefahr, in esoterische Konzepte abzudriften. Und doch muss irgendwo in dieser schleierhaften Atmosphäre der Prolog für jene Story geschrieben worden sein, die sich aktuell der Bedrohung ausgesetzt sieht, nach einer bloß lachhaft kurzen Existenz schon bald ein geschlossenes Kapitel zu sein.
Nichts Neues im modernen Schalke, wo doch noch die meisten Geschichten beendet wurden, bevor ein Außenstehender überhaupt hatte erahnen können, was sie ihm eigentlich erzählen wollten.

Plötzlich ging alles ganz schnell: Heldt und Keller traten aus bedecktem – nicht heiterem – Himmel an die Öffentlichkeit und forcierten ihre Werbekampagne, um der aufmerksamen Fußballnation und der aufgewühlten Schalkenation sinngemäß zu versichern: Wir arbeiten jetzt gemeinsam, wir vertrauen uns und das ist momentan die beste Grundlage für ein erfolgreiches Schalke.

Ein erfolgreiches Schalke also, das (in welchen Hinsichten auch immer, die sind für Außenstehende ja nicht immer einfach nachzuvollziehen), irgendwie erfolgreicher sein sollte, als es der bis dato zweite Tabellenrang in der Bundesliga, der erste Platz in der Champions-League-Gruppe und das Fortbestehen im DFB-Pokal zu repräsentieren vermochten. 

Doch plötzlich sollte alles noch viel schneller gehen: Wenn der Mensch nämlich Prozesse einleitet oder beschleunigt, die sich seiner umfassenden Kontrolle entziehen und die sich überdies in einer für den Menschen widernatürlichen Geschwindigkeit verselbstständigen können, wird es gefährlich, für den Menschen. Das ist überall so, doch besonders im Zirkuszelt der Bundesliga.

Zu spüren bekommen das augenblicklich diejenigen, die sich noch kürzlich dank jener Vision in Sicherheit wähnten, dass sich mit einer jungfräulichen Vertrauensbasis das Kind namens Schalke schon schaukeln ließe. Möge sich die Gewalt der unkontrollierbaren Rasanz im Geschäft der Bundesliga, die bislang noch jedes Vertrauensverhältnis in die Knie gezwungen hat, in den folgenden Zeilen widerspiegeln:

Der Rauswurf von Stevens ist die eine Sache. Die Neubesetzung die andere.
In den vergangenen Wochen sind Heldt und Keller bislang jegliche Qualitätsnachweise schuldig geblieben, die den Aktionismus aus der Vorweihnachtszeit rechtfertigen könnten. Der Aktionismus wirkt jetzt bloß noch wie ein blinder. Kein Optimist hat aus gegenwärtiger Sicht noch sinnvolle Antworten auf die Frage parat, was die beiden zu dieser Kampagne bewog.

Die Schalker spielten in München grauenhaft, der Auftritt und die Körpersprache waren eindeutig. Seit Monaten gelingt es Schalke nicht, aus einem sehr guten Kader ideale Leistungen zu schöpfen. Keller hat daran nichts verbessern können, wahrscheinlich ist es noch schlimmer geworden:
Es ist keine Handschrift des Trainers erkennbar, geschweige denn ein Konzept oder Courage.

Ein erfolgreicher Wettstreit mit den Münchenern glich von vornherein einer Herkulesaufgabe. Das spricht aber in erster Linie für die Bayern und bloß untergeordnet gegen den FC Schalke. Jens Keller musste auf einige Spieler verzichten, unter ihnen waren viele aus dem Stammpersonal. Aber das Stammpersonal hatte sich diese Bezeichnung in den vorigen Spielen kaum mehr verdient, die vertrackte Lage hätte man unter diesen Umständen mit einer das-ist-uns-jetzt-scheißegal-Einstellung ins Gegenteil verkehren können, zumindest in den Köpfen. Die Bundesliga hat schon häufig Mannschaften bestaunen dürfen, die sich unter ähnlichen Bedingungen, also mit dem Rücken zur Wand, durch eine Trotzreaktion, durch einen Kraftakt, durch einen Leidenschaftsbeweis an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen haben.

Spielertypen wie Fabian Ernst oder Peer Kluge hätte Schalke gebrauchen können, es ist bezeichnend, dass die beiden keine Haare auf dem Kopf haben, aber sie sich trotzdem aus dem Sumpf gezogen hätten, und mit ihnen selbst auch die Kollegen, völlig ungeachtet des Resultats. Denn es ging bei dem Auswärtsspiel in München für Schalke nicht darum, Punkte zu holen. Es ging darum, eine Reaktion zu zeigen, das Gesicht zu wahren. Nach dem Abpfiff hätten die aus dem Hals herausgelaufenen Lungen von Ernst oder Kluge auf dem Rasen der Allianz Arena gelegen, Michel Bastos ist in 72 Minuten 7900 Meter gelaufen, Jermaine Jones hatte 36 Ballkontakte im gesamten Spiel, das sind anonyme Werte, wenn man sie im Verhältnis zu dem Herzblut sieht, mit dem die Schalker im Gästeblock und vor den Bildschirmen bei der Sachen waren. Dass sich aber ein Jones, im Gegensatz zu Bastos ein ortskundiger Vertrauter, mit seiner angedachten Rolle des Leitwolfs zwischen seinen Mitspielern als dermaßen isoliert zu empfinden scheint, dass er sich vor lauter Überforderung der Arbeitsverweigerung verdächtig macht, symbolisiert im Hier und Jetzt ein unbeseeltes Schalke.

Das Gros einer Mannschaft muss gleichwohl Schalke kennen und fühlen, um Schalke in Situationen wie dieser zu helfen. Wenn sich aber die Mannschaft samt Trainer unter widrigen Bedingungen auf die Rückrunde vorbereiten muss, weil Horst Heldt das Fällen einer wesentlichen Entscheidung bis zum Geht-nicht-mehr hinauszögert, also in einem zähen Verhandlungsmarathon mit Lyon und London seine Zerstreuung findet, während die zügige Klärung aller Transfergeschäfte für Jens Keller von immanenter Bedeutung gewesen wäre, um in seinem Aufgabenbereich über die Grundlage zu verfügen, aus eigener Feder eine effiziente wie durchdachte Strategie für den herbeieilenden Spielbetrieb zu entwickeln, ist das, was auf Schalke derzeit denkt und lenkt, ausschließlich mit Dilettantentum zu übersetzen.
Heldt entschied sich, Holtby, den Schalker, abzugeben. Heldt entschied sich, Bastos, den Fremden, zu holen. Weil er die Entscheidung bis in die letzten Stunden des Januars vertagte, war es logisch, dass diese so ausfallen würde.
Heldt hätte das wissen müssen, auch, wie wichtig frühere Klarheit gewesen wäre und ebenso der Verbleib von Lewis Holtby. Über einen ineffektiven Holtby gegen eine meisterhafte Bayern-Defensive hätte sich niemand beklagt. Ein beflissener, aber wesensfremder Bastos erweist sich als Bumerang, der aus München im hohen Bogen durch die geschlossenen Fenster in Heldts Büro fliegt. Bastos sollte die Mastercard für Schalke sein und Heldt wusste nicht, dass es Dinge gibt, die man nicht kaufen kann.

Falls Keller tatsächlich in den nächsten Wochen seinen Platz räumen müsste, hätte sich Horst Heldt disqualifiziert und zwar bis ans Ende seiner Tage.
Er hat sich nach der Entlassung von Stevens für Keller stark gemacht, ihn ins Amt befördert und ihm der versammelten Öffentlichkeit gegenüber das absolute Vertrauen ausgesprochen. Verbunden mit der definitiven Zusicherung, dass Keller mindestens bis zum Sommer Trainer auf Schalke bleibt. Wenn Heldt dieses Versprechen bricht, dann müsste er auch die Konsequenzen tragen. Als Manager wäre Horst Heldt dann komplett unglaubwürdig, würde wahrscheinlich nie wieder einen Posten anvertraut bekommen, vorausgesetzt das Geschäft hat ihm damals richtig zugehört.

Wenn das Schalker Schicksal nicht vorrangig wäre und das Beenden der Talfahrt nicht oberste Priorität genießen würde, könnte man tatsächlich Mitleid für Horst Heldt empfinden. Es ist eine Tragödie.

Aber es ist auch noch nicht gesagt, dass es so weitergehen muss:
Beim Auswärtsspiel in Mainz hätte das derzeitige Personal wohl die vorerst letzte Möglichkeit, sich tatsächlich noch an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.
Allerdings sprachen die Interviews nach dem Spiel in München buchstäblich eine eindeutige Sprache. Auch ein Autist wird in den Gesichtern der Spieler erkannt haben, dass die Schalker lebensmüde sind.
Ein erneutes Desaster in Mainz würde für Keller wahrscheinlich das Ende auf Schalke und für Heldt das Ende seiner Karriere bedeuten.
Für Schalke könnte das hingegen einen Schrecken mit Ende bedeuten, vorerst.

Denn wer würde vermuten, dass die Nachwelt lange frei von Schrecken bliebe, Schalke eine Geschichte zu schreiben begönne, von der ein Außenstehender also eines Tages erahnen könnte, was sie ihm eigentlich erzählen will?

Am Ende spielt Madlung

Februar 6, 2013

Mit der hingebungsvollen Mülltrennung verhält es sich wie mit der Aversion gegen den VfL Wolfsburg: Beide entspringen sie dem schlechten Gewissen des Kapitalismus. Deswegen bemängeln Psychologen hierzulande, dass geneigte Bundesligaidealisten viel zu schnell einer oberflächlichen Wolfsburgkritik verfallen würden. Inmitten der konstruierten Lobeshymnen auf den traditionsbewussten Fußball seien die armen Wolfsburger schließlich bloß die Sündenböcke für unsere Sehnsucht nach einem anderen Lebensstil.
Für Schmerzensgeldforderungen aufgrund jener Persönlichkeitsstörungen könne die VfL Wolfsburg-Fußball GmbH deshalb auch nur beschränkt haften. Das stimmt natürlich.

Aber auf geht’s, nicht oberflächlich, sondern tiefschürfend:
Der VfL Wolfsburg hatte in den vergangenen Jahren viele Gesichter und die meisten von ihnen hat Alexander Madlung kennengelernt. Als er im Sommer 2006 aus der Hauptstadt in seine Heimatregion nach Niedersachsen wechselte, begrüßte Madlung auf dem Trainingsgelände des VfL Wolfsburg seine neuen Kollegen: »Guten Tag! Du bist der Jacek Krzynówek, oder? Ich bin Alexander, Dein neuer Mitspieler«, wird er vielleicht gesagt haben.
»Hallo Hans Sarpei! Dich erkenne ich sofort an Deinem schönen Lächeln«, wird er danach vielleicht gesagt haben. Dann hat Alexander Madlung vielleicht noch Pablo Thiam eine herausragende Managementkarriere prophezeit, Juan Carlos Menseguez vielleicht noch für dessen Frisur gelobt und Mike Hanke vielleicht noch dazu geraten, zukünftige Kinder auf die Namen Janatha-Fey und Jayron-Cain zu taufen.

Doch all diesen Mutmaßungen stehen zwei Fakten gegenüber:
Der VfL Wolfsburg, so wie Madlung ihn kennenlernte, war damals ein anderer. Und schon damals wollte der VfL Wolfsburg gerne ein anderer sein. Wollte der VfL Wolfsburg immer etwas anderes sein?

Wollte der VfL Wolfsburg immer irgendwo anders hin, möglichst weit weg von sich selbst?

Alexander Madlung erzählt die Geschichte von der wolfsburg’schen Metamorphose, in erster Linie aber von ihren Tücken: Dass der Verteidiger dienstältester Spieler seiner Mannschaft ist, liefert dabei noch keinen Verdachtsmoment, ist also kein Anlass für diese Streitschrift. Bei den besten Familienunternehmen der Bundesliga treten ähnliche statistische Werte auf, zudem ist die mittlerweile siebenjährige Vereinstreue des Alexander Madlung ein ohnehin stolzer Wert im Fußballgeschäft, dessen Drehtüren mit der Jahrtausendwende gehörig an Fahrt aufgenommen haben. Die Geschichte wird also erst interessant, wenn man bedenkt, wie viele Gesichter Madlung im Laufe seiner Jahre noch begegnen sollten, nachdem er im Sommer 2006 erstmals das Trainingsgelände betreten hatte. Gesichter, die alle der VfL Wolfsburg werden wollten, und mit ihm ein anderer.

121 Mannschaftskollegen hat Madlung bislang kennengelernt, sage und schreibe einhunderteinundzwanzig. Mit 121 verschiedenen Kollegen stand er unter der Dusche, mit 121 Kollegen joggte er durch den Wald, mit 121 Kollegen schleppte er Medizinbälle. Die Namen seiner Kollegen lassen sich beliebigen Kategorien zuordnen: Ballkünstler wie Marcelinho, Diego oder Misimovic. Haudegen wie Hristov, Ljuboja oder Möhrle. Routiniers wie Salihamidzic, Hitlzsperger oder Schindzielorz. Spieler mit C wie Cicero, Chris, Costa, Cigerci, Cale oder Caiuby. Langhaarige Südamerikaner wie Klimowicz, Alvim, Quiroga, oder – wie könnte er hier fehlen – Menseguez.

Ohne sich also bloß vom Fleck zu bewegen, erlebte Madlung in 78 Monaten in der niedersächsischen Provinz eine Weltreise im eigenen Körper:
121 Mitspieler, etwa 8 differierende Mannschaften, teilweise gar wesensfremd, 7 Trainer, teilweise gar mehrmals, 4 Manager — 1 Verein. Es ist nicht gesagt, dass Spieler, die in demselben Zeitraum drei-, viermal den Klub gewechselt haben, vergleichbare Werte verzeichnen können.
In Wolfsburg kamen und gingen sie also alle. Geblieben ist seit dem Sommer 2006 nur einer. Und immer, wenn Madlung an der Seitenlinie urplötzlich zur Einwechslung bereitstand, wurde der Verein von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt. Von einer Vergangenheit, die man um buchstäblich jeden Preis loswerden wollte.

Doch wer ist dieser Alexander Madlung, dieses personifizierte Langzeitgedächtnis Wolfsburger Turbulenzen und Verwandlungen?
Ein sympathischer, aufrichtiger Kerl ist er zweifellos, das Gegenteil einer Skandalnudel, Tätowierungen auf seinen Oberarmen sucht man vergeblich. Doch auf’m Platz – also dort, wo’s entscheidend ist – spielt Madlung die Rolle des Innenverteidigers, eines grundsoliden nämlich. In der Beweglichkeit plagen ihn die Defizite, wie sie für Spieler seiner Statur üblich sind und in puncto Spieleröffnung trennt ihn eine kleine Welt von Verteidigern 2.0 wie Mats Hummels. Doch er ist einsatzfreudig, ein hartnäckiger Manndecker mit wuchtigem Kopfball, hervorragendem Positionsspiel und der nötigen Lufthoheit, wie ein Aufklärungsflugzeug schwebt er über dem eigenen Strafraum, Bruder im Geiste von Robert Huth.

Zwei Länderspieleinsätze dekorieren seine Vita, sechs Minuten gegen Georgien, 90 gegen Dänemark, immerhin. Freilich wird der Name des Bundestrainers nicht noch einmal auf seinem Display erscheinen. Doch Madlung ist ohnehin keiner, der vom WM-Finale oder von der Champions League träumt. Madlung ist einer, der seine Arbeit machen will.

Das schien dem VfL Wolfsburg indes nicht immer zu genügen, denn der Verein wollte irgendwo anders hin, möglichst weit weg von sich selbst. So geschah es, dass Madlung von Wechselperiode zu Wechselperiode neue Mitspieler vorgestellt und vorangestellt bekam. Unter ihnen waren viele – dessen wird sich Madlung immer bewusst gewesen sein –, die besser sein sollten als er, der gebürtige Braunschweiger. Denn der Verein, da war man sich einig, wollte nicht nur anders sein, sondern auch hoch hinaus.

Dazu kam es auch. Alleine die Szenen aus der Saison 2008/09 – dem Jahr mit Meisterschale und ohne Rathausbalkon – reichen aus, um exemplarisch zu zeigen, wie grandios die Wölfe zuweilen aufgespielt haben. Selten haben Anhänger des hiesigen Fußballs derartige Ästhetik in Verbindung mit Effizienz bestaunen dürfen, wie sie die Niedersachsen in der Rückrunde des Jahres 2009 auf die Rasenflächen des Oberhauses gezaubert haben.

Doch auch in jener Saison – also wahrlich dem Gipfel aller Ambitionen des modernen Wolfsburgs – hatte Madlung unter Beweis stellen können, dass er die Tauglichkeit für dieses Niveau besitzt. 24 Einsätze und drei Treffer konnte er zum Gewinn der Meisterschaft beisteuern, dreizehnmal kam er von der Bank, um das Ergebnis zu sichern, elfmal schmiss er sich über volle 90 Minuten in die Zweikämpfe. Das besagt die Erinnerung, die Statistik, die Praxis. In der Theorie hätte es jedoch gar nicht dazu kommen dürfen.

Als Madlung vor exakt sechs Jahren, also acht Monate nach seinem Transfer zum VfL, dem Magazin 11 Freunde Rede und Antwort stand, begründete er seinen Wechsel von Berlin »zu einem Verein mit einem derart grauen Image« damit, dass Trainer Klaus Augenthaler und Manager Klaus Fuchs ihm »versichert« hätten, dass sie auf ihn »bauen« würden, weshalb er fortan versuche, »dieses Vertrauen mit guten Leistungen zurückzuzahlen«.
Die typische Methode von gegenseitigem Vertrauen also, das sich in seiner Wechselwirkung um eine Win-Win-Strategie bemüht. Aber an die Ära Augenthaler erinnern sich auf Anhieb bloß noch die wenigsten, zu viel ist in Wolfsburg seither passiert, denn der Verein wollte irgendwo anders hin, möglichst weit weg von sich selbst – und auf dem Hindernisparcous des Selbstfindungstrips vom grauen Image zum bunten Hund rollten in der Autostadt mehr Köpfe als Volkswagen vom Fließband und mit ihnen die Gesichter, die alle der VfL Wolfsburg werden wollten, und mit ihm ein anderer.

Madlung ist geblieben. Er durchlief im Biotop Wolfsburg seinen persönlichen Evolutionsprozess, hat sich den wechselnden Umständen beherrlich angepasst, ist bei der Sache geblieben, hat seine Arbeit gemacht. Wie er sich dafür über die Jahre motivieren konnte, bleibt allein sein Geheimnis. Denn durchaus attraktive Angebote erreichten ihn und der erklärte Rückhalt seiner einstigen sportlichen Leiter, also jene treibende Kraft, die ihn laut eigener Aussage vor sechs Jahren noch zu Leistungen angespornt hatte, sollte bald ins Gegenteil umschlagen: Die zukünftigen Federführungen des Vereins sahen anhaltend notorischen Handlungsbedarf, was die Planstellen in der Innenverteidigung betraf.

»Ja, der Madlung«, mag sich ein Hoeneß, ein Magath vielleicht gedacht haben, »das ist schon ein Guter. Aber es gibt doch bestimmt Bessere und das Geld hätten wir ja für die.«

Madlung klang ihnen womöglich zu sehr nach deutscher Hausmannskost und so ließen sich binnen weniger Jahre auf dem internationalen Transfermarkt wohlschmeckende Namen wie Simon Kjær, Felipe Lopes, Jan Šimůnek, Ricardo Costa, Sotirios Kyrgiakos oder Ricardo Rodríguez finden und verpflichten – auch nicht zu vergessen Andrea Barzagli und Cristian Zaccardo, die beiden Weltmeister und vermeintlichen Königstransfers. Weil Madlung aber zum alten Eisen gehörte und man immer mehrere (oder besser: noch mehrerere) im Feuer haben wollte, wurde man beim regelmäßigen Sportschau gucken ebenfalls fündig: Der Friedrich von der Hertha, der Naldo aus Bremen, der Pogatetz aus Hannover und, um es mit den Versandkosten nicht zu übertreiben, der Chris und der Russ zum Doppelpack geschnürt von der Eintracht: Da komme, was wolle, am Ende spielt Madlung.

Aber wer in dieser Liste von eingekauften Innenverteidigern nach Vertrauen in Alexander Madlung sucht, der wird keines finden.

Während die Transferfenster in der Chefetage des VfL also regelmäßig sperrangelweit geöffnet wurden, gab Madlung sich immer bescheiden. Er trat ins zweite Glied, empfand die Neuverpflichtungen nicht als Kränkung, sondern sah sie als Herausforderung an, machte einfach seine Arbeit und wartete geduldig den immer wiederkehrenden Moment ab, von den Archäologen beim Verein abermals entdeckt zu werden.

Dafür brauchte es aber nicht nur Madlungs Disziplin und Professionalität, sondern auch ein Fiasko bei der Konkurrenz. Dass sich eine derartige Horde von kostspieligen und erfahrenen Verteidigern in aller Regelmäßigkeit um ihre Vorschusslorbeeren und das entgegengebrachte Vertrauen bringen konnte, weist groteske Züge auf. Es wäre äußerst müßig, die individuellen Gründe darzulegen, die einzelnen Chronologien zu rekapitulieren. Auch wenn sich nicht alle mit Pauken und Trompeten um ihren Stammplatz brachten, manch einer noch im Kader weilt oder zurückgekehrt ist: Möge allein die Masse von Fehlinvestitionen und Schiffbrüchigen für sich sprechen.

Am Ende spielt also Madlung, in seinen stetigen Zyklen von der Karteileiche zum Aufklärungsflugzeug und zurück. Im Januar dieses Jahres war es wieder so weit: Nach einer Hinrunde mit der makaberen Bilanz von 27 Gegentoren begegnete Klaus Allofs beim Scrollen über die ellenlange Liste von Angestellten urplötzlich der Name Alexander Madlung. Auch die Wolfsburger Archäologen meldeten sich erneut zu Wort und flüsterten dem neuen Trainer Dieter Hecking, dass es da ja noch einen grundsoliden Verteidiger beim Verein gäbe – und etwas Grundsolides, das könne man ja wieder einmal gut gebrauchen. Spätestens seit dem aberwitzigen Lapsus von Simon Kjær beim Spiel in Hannover scheint Alexander Madlung nun auch in der Trainingsjacke des siebten Wolfsburger Trainers das Ass im Ärmel zu sein: Stammplatz, die Madlung-Renaissance, schon wieder.

Die umrissene Geschichte des VfL Wolfsburg zeigt, wie sich das Geschehen in der Bundesliga häufig der Logik von rationalen Kalkulationen und Prognosen entzieht. Sollten aber die Dinge in Wolfsburg auf Basis des 8. Februar 2013 ihren Lauf nehmen, wird Madlung seinen Stammplatz in der Rückrunde behaupten. Dann könnte er im kommenden Sommer in der Liste der Wolfsburger Rekordspieler auf einen Podestplatz vorrücken – und zwar hinter Marcel Schäfer, dem emsigen Außenverteidiger, der seit 2007 im Klub ist und mit Diego Benaglio (2008), Alexander Madlung und vielleicht Josué (2007) die tragenden Säulen des Vereins stellt. Ohne die Vier wäre die Wolfsburger Gegenwart eine seelenlose.

Im Sommer hat der VfL Wolfsburg also mit Alexander Madlung wahrscheinlich einen Rekordspieler, der nie einer sein sollte. Es obliegt jedem Anhänger persönlich, ob er die positiven oder die negativen Facetten dieser Komödie hervorheben möchte.

Auch Dieter Hecking und Klaus Allofs werden diese Angelegenheit für sich bewerten müssen. Mutmaßlich wird Klaus Allofs aber im kommenden Juli in seiner Chefetage die Transferfenster sperrangelweit öffnen, schließlich scheint draußen die Sonne, es ist sehr warm. »Ja, der Madlung«, mag er sich dann vielleicht denken, »das ist schon ein Guter. Aber es gibt doch bestimmt Bessere und das Geld hätten wir ja für die. – Ja, also den Madlung…«, dann ein kurzes Stöhnen, ein Zurücklehnen im Sessel, ein Verschränken der Hände hinter dem Kopf und ein flüchtiger Blick Richtung Fenster, »…ja, also den hätte ich auch in Bremen haben können.«

Dann bliebe Klaus Allofs und der Anhängerschaft nur zu wünschen übrig, dass er sein gutes Händchen auch für die Besetzung dieser heiklen Position beweist. Möglicherweise gönnt er sich beim Scrollen durch die Listen aber ein Päuschen und phantasiert dann zumindest in seinen Träumen, wie das wohl sein könnte, mit dieser Mixtur aus Understatement, Bodenständigkeit und aller Achtung, also mit diesem Madlung, der am Eröffnungswochende der herbeieilenden Spielzeit als Erster den Rasen betritt, mit der Kapitänsbinde am Arm.