Am Ende spielt Madlung

Februar 6, 2013

Mit der hingebungsvollen Mülltrennung verhält es sich wie mit der Aversion gegen den VfL Wolfsburg: Beide entspringen sie dem schlechten Gewissen des Kapitalismus. Deswegen bemängeln Psychologen hierzulande, dass geneigte Bundesligaidealisten viel zu schnell einer oberflächlichen Wolfsburgkritik verfallen würden. Inmitten der konstruierten Lobeshymnen auf den traditionsbewussten Fußball seien die armen Wolfsburger schließlich bloß die Sündenböcke für unsere Sehnsucht nach einem anderen Lebensstil.
Für Schmerzensgeldforderungen aufgrund jener Persönlichkeitsstörungen könne die VfL Wolfsburg-Fußball GmbH deshalb auch nur beschränkt haften. Das stimmt natürlich.

Aber auf geht’s, nicht oberflächlich, sondern tiefschürfend:
Der VfL Wolfsburg hatte in den vergangenen Jahren viele Gesichter und die meisten von ihnen hat Alexander Madlung kennengelernt. Als er im Sommer 2006 aus der Hauptstadt in seine Heimatregion nach Niedersachsen wechselte, begrüßte Madlung auf dem Trainingsgelände des VfL Wolfsburg seine neuen Kollegen: »Guten Tag! Du bist der Jacek Krzynówek, oder? Ich bin Alexander, Dein neuer Mitspieler«, wird er vielleicht gesagt haben.
»Hallo Hans Sarpei! Dich erkenne ich sofort an Deinem schönen Lächeln«, wird er danach vielleicht gesagt haben. Dann hat Alexander Madlung vielleicht noch Pablo Thiam eine herausragende Managementkarriere prophezeit, Juan Carlos Menseguez vielleicht noch für dessen Frisur gelobt und Mike Hanke vielleicht noch dazu geraten, zukünftige Kinder auf die Namen Janatha-Fey und Jayron-Cain zu taufen.

Doch all diesen Mutmaßungen stehen zwei Fakten gegenüber:
Der VfL Wolfsburg, so wie Madlung ihn kennenlernte, war damals ein anderer. Und schon damals wollte der VfL Wolfsburg gerne ein anderer sein. Wollte der VfL Wolfsburg immer etwas anderes sein?

Wollte der VfL Wolfsburg immer irgendwo anders hin, möglichst weit weg von sich selbst?

Alexander Madlung erzählt die Geschichte von der wolfsburg’schen Metamorphose, in erster Linie aber von ihren Tücken: Dass der Verteidiger dienstältester Spieler seiner Mannschaft ist, liefert dabei noch keinen Verdachtsmoment, ist also kein Anlass für diese Streitschrift. Bei den besten Familienunternehmen der Bundesliga treten ähnliche statistische Werte auf, zudem ist die mittlerweile siebenjährige Vereinstreue des Alexander Madlung ein ohnehin stolzer Wert im Fußballgeschäft, dessen Drehtüren mit der Jahrtausendwende gehörig an Fahrt aufgenommen haben. Die Geschichte wird also erst interessant, wenn man bedenkt, wie viele Gesichter Madlung im Laufe seiner Jahre noch begegnen sollten, nachdem er im Sommer 2006 erstmals das Trainingsgelände betreten hatte. Gesichter, die alle der VfL Wolfsburg werden wollten, und mit ihm ein anderer.

121 Mannschaftskollegen hat Madlung bislang kennengelernt, sage und schreibe einhunderteinundzwanzig. Mit 121 verschiedenen Kollegen stand er unter der Dusche, mit 121 Kollegen joggte er durch den Wald, mit 121 Kollegen schleppte er Medizinbälle. Die Namen seiner Kollegen lassen sich beliebigen Kategorien zuordnen: Ballkünstler wie Marcelinho, Diego oder Misimovic. Haudegen wie Hristov, Ljuboja oder Möhrle. Routiniers wie Salihamidzic, Hitlzsperger oder Schindzielorz. Spieler mit C wie Cicero, Chris, Costa, Cigerci, Cale oder Caiuby. Langhaarige Südamerikaner wie Klimowicz, Alvim, Quiroga, oder – wie könnte er hier fehlen – Menseguez.

Ohne sich also bloß vom Fleck zu bewegen, erlebte Madlung in 78 Monaten in der niedersächsischen Provinz eine Weltreise im eigenen Körper:
121 Mitspieler, etwa 8 differierende Mannschaften, teilweise gar wesensfremd, 7 Trainer, teilweise gar mehrmals, 4 Manager — 1 Verein. Es ist nicht gesagt, dass Spieler, die in demselben Zeitraum drei-, viermal den Klub gewechselt haben, vergleichbare Werte verzeichnen können.
In Wolfsburg kamen und gingen sie also alle. Geblieben ist seit dem Sommer 2006 nur einer. Und immer, wenn Madlung an der Seitenlinie urplötzlich zur Einwechslung bereitstand, wurde der Verein von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt. Von einer Vergangenheit, die man um buchstäblich jeden Preis loswerden wollte.

Doch wer ist dieser Alexander Madlung, dieses personifizierte Langzeitgedächtnis Wolfsburger Turbulenzen und Verwandlungen?
Ein sympathischer, aufrichtiger Kerl ist er zweifellos, das Gegenteil einer Skandalnudel, Tätowierungen auf seinen Oberarmen sucht man vergeblich. Doch auf’m Platz – also dort, wo’s entscheidend ist – spielt Madlung die Rolle des Innenverteidigers, eines grundsoliden nämlich. In der Beweglichkeit plagen ihn die Defizite, wie sie für Spieler seiner Statur üblich sind und in puncto Spieleröffnung trennt ihn eine kleine Welt von Verteidigern 2.0 wie Mats Hummels. Doch er ist einsatzfreudig, ein hartnäckiger Manndecker mit wuchtigem Kopfball, hervorragendem Positionsspiel und der nötigen Lufthoheit, wie ein Aufklärungsflugzeug schwebt er über dem eigenen Strafraum, Bruder im Geiste von Robert Huth.

Zwei Länderspieleinsätze dekorieren seine Vita, sechs Minuten gegen Georgien, 90 gegen Dänemark, immerhin. Freilich wird der Name des Bundestrainers nicht noch einmal auf seinem Display erscheinen. Doch Madlung ist ohnehin keiner, der vom WM-Finale oder von der Champions League träumt. Madlung ist einer, der seine Arbeit machen will.

Das schien dem VfL Wolfsburg indes nicht immer zu genügen, denn der Verein wollte irgendwo anders hin, möglichst weit weg von sich selbst. So geschah es, dass Madlung von Wechselperiode zu Wechselperiode neue Mitspieler vorgestellt und vorangestellt bekam. Unter ihnen waren viele – dessen wird sich Madlung immer bewusst gewesen sein –, die besser sein sollten als er, der gebürtige Braunschweiger. Denn der Verein, da war man sich einig, wollte nicht nur anders sein, sondern auch hoch hinaus.

Dazu kam es auch. Alleine die Szenen aus der Saison 2008/09 – dem Jahr mit Meisterschale und ohne Rathausbalkon – reichen aus, um exemplarisch zu zeigen, wie grandios die Wölfe zuweilen aufgespielt haben. Selten haben Anhänger des hiesigen Fußballs derartige Ästhetik in Verbindung mit Effizienz bestaunen dürfen, wie sie die Niedersachsen in der Rückrunde des Jahres 2009 auf die Rasenflächen des Oberhauses gezaubert haben.

Doch auch in jener Saison – also wahrlich dem Gipfel aller Ambitionen des modernen Wolfsburgs – hatte Madlung unter Beweis stellen können, dass er die Tauglichkeit für dieses Niveau besitzt. 24 Einsätze und drei Treffer konnte er zum Gewinn der Meisterschaft beisteuern, dreizehnmal kam er von der Bank, um das Ergebnis zu sichern, elfmal schmiss er sich über volle 90 Minuten in die Zweikämpfe. Das besagt die Erinnerung, die Statistik, die Praxis. In der Theorie hätte es jedoch gar nicht dazu kommen dürfen.

Als Madlung vor exakt sechs Jahren, also acht Monate nach seinem Transfer zum VfL, dem Magazin 11 Freunde Rede und Antwort stand, begründete er seinen Wechsel von Berlin »zu einem Verein mit einem derart grauen Image« damit, dass Trainer Klaus Augenthaler und Manager Klaus Fuchs ihm »versichert« hätten, dass sie auf ihn »bauen« würden, weshalb er fortan versuche, »dieses Vertrauen mit guten Leistungen zurückzuzahlen«.
Die typische Methode von gegenseitigem Vertrauen also, das sich in seiner Wechselwirkung um eine Win-Win-Strategie bemüht. Aber an die Ära Augenthaler erinnern sich auf Anhieb bloß noch die wenigsten, zu viel ist in Wolfsburg seither passiert, denn der Verein wollte irgendwo anders hin, möglichst weit weg von sich selbst – und auf dem Hindernisparcous des Selbstfindungstrips vom grauen Image zum bunten Hund rollten in der Autostadt mehr Köpfe als Volkswagen vom Fließband und mit ihnen die Gesichter, die alle der VfL Wolfsburg werden wollten, und mit ihm ein anderer.

Madlung ist geblieben. Er durchlief im Biotop Wolfsburg seinen persönlichen Evolutionsprozess, hat sich den wechselnden Umständen beherrlich angepasst, ist bei der Sache geblieben, hat seine Arbeit gemacht. Wie er sich dafür über die Jahre motivieren konnte, bleibt allein sein Geheimnis. Denn durchaus attraktive Angebote erreichten ihn und der erklärte Rückhalt seiner einstigen sportlichen Leiter, also jene treibende Kraft, die ihn laut eigener Aussage vor sechs Jahren noch zu Leistungen angespornt hatte, sollte bald ins Gegenteil umschlagen: Die zukünftigen Federführungen des Vereins sahen anhaltend notorischen Handlungsbedarf, was die Planstellen in der Innenverteidigung betraf.

»Ja, der Madlung«, mag sich ein Hoeneß, ein Magath vielleicht gedacht haben, »das ist schon ein Guter. Aber es gibt doch bestimmt Bessere und das Geld hätten wir ja für die.«

Madlung klang ihnen womöglich zu sehr nach deutscher Hausmannskost und so ließen sich binnen weniger Jahre auf dem internationalen Transfermarkt wohlschmeckende Namen wie Simon Kjær, Felipe Lopes, Jan Šimůnek, Ricardo Costa, Sotirios Kyrgiakos oder Ricardo Rodríguez finden und verpflichten – auch nicht zu vergessen Andrea Barzagli und Cristian Zaccardo, die beiden Weltmeister und vermeintlichen Königstransfers. Weil Madlung aber zum alten Eisen gehörte und man immer mehrere (oder besser: noch mehrerere) im Feuer haben wollte, wurde man beim regelmäßigen Sportschau gucken ebenfalls fündig: Der Friedrich von der Hertha, der Naldo aus Bremen, der Pogatetz aus Hannover und, um es mit den Versandkosten nicht zu übertreiben, der Chris und der Russ zum Doppelpack geschnürt von der Eintracht: Da komme, was wolle, am Ende spielt Madlung.

Aber wer in dieser Liste von eingekauften Innenverteidigern nach Vertrauen in Alexander Madlung sucht, der wird keines finden.

Während die Transferfenster in der Chefetage des VfL also regelmäßig sperrangelweit geöffnet wurden, gab Madlung sich immer bescheiden. Er trat ins zweite Glied, empfand die Neuverpflichtungen nicht als Kränkung, sondern sah sie als Herausforderung an, machte einfach seine Arbeit und wartete geduldig den immer wiederkehrenden Moment ab, von den Archäologen beim Verein abermals entdeckt zu werden.

Dafür brauchte es aber nicht nur Madlungs Disziplin und Professionalität, sondern auch ein Fiasko bei der Konkurrenz. Dass sich eine derartige Horde von kostspieligen und erfahrenen Verteidigern in aller Regelmäßigkeit um ihre Vorschusslorbeeren und das entgegengebrachte Vertrauen bringen konnte, weist groteske Züge auf. Es wäre äußerst müßig, die individuellen Gründe darzulegen, die einzelnen Chronologien zu rekapitulieren. Auch wenn sich nicht alle mit Pauken und Trompeten um ihren Stammplatz brachten, manch einer noch im Kader weilt oder zurückgekehrt ist: Möge allein die Masse von Fehlinvestitionen und Schiffbrüchigen für sich sprechen.

Am Ende spielt also Madlung, in seinen stetigen Zyklen von der Karteileiche zum Aufklärungsflugzeug und zurück. Im Januar dieses Jahres war es wieder so weit: Nach einer Hinrunde mit der makaberen Bilanz von 27 Gegentoren begegnete Klaus Allofs beim Scrollen über die ellenlange Liste von Angestellten urplötzlich der Name Alexander Madlung. Auch die Wolfsburger Archäologen meldeten sich erneut zu Wort und flüsterten dem neuen Trainer Dieter Hecking, dass es da ja noch einen grundsoliden Verteidiger beim Verein gäbe – und etwas Grundsolides, das könne man ja wieder einmal gut gebrauchen. Spätestens seit dem aberwitzigen Lapsus von Simon Kjær beim Spiel in Hannover scheint Alexander Madlung nun auch in der Trainingsjacke des siebten Wolfsburger Trainers das Ass im Ärmel zu sein: Stammplatz, die Madlung-Renaissance, schon wieder.

Die umrissene Geschichte des VfL Wolfsburg zeigt, wie sich das Geschehen in der Bundesliga häufig der Logik von rationalen Kalkulationen und Prognosen entzieht. Sollten aber die Dinge in Wolfsburg auf Basis des 8. Februar 2013 ihren Lauf nehmen, wird Madlung seinen Stammplatz in der Rückrunde behaupten. Dann könnte er im kommenden Sommer in der Liste der Wolfsburger Rekordspieler auf einen Podestplatz vorrücken – und zwar hinter Marcel Schäfer, dem emsigen Außenverteidiger, der seit 2007 im Klub ist und mit Diego Benaglio (2008), Alexander Madlung und vielleicht Josué (2007) die tragenden Säulen des Vereins stellt. Ohne die Vier wäre die Wolfsburger Gegenwart eine seelenlose.

Im Sommer hat der VfL Wolfsburg also mit Alexander Madlung wahrscheinlich einen Rekordspieler, der nie einer sein sollte. Es obliegt jedem Anhänger persönlich, ob er die positiven oder die negativen Facetten dieser Komödie hervorheben möchte.

Auch Dieter Hecking und Klaus Allofs werden diese Angelegenheit für sich bewerten müssen. Mutmaßlich wird Klaus Allofs aber im kommenden Juli in seiner Chefetage die Transferfenster sperrangelweit öffnen, schließlich scheint draußen die Sonne, es ist sehr warm. »Ja, der Madlung«, mag er sich dann vielleicht denken, »das ist schon ein Guter. Aber es gibt doch bestimmt Bessere und das Geld hätten wir ja für die. – Ja, also den Madlung…«, dann ein kurzes Stöhnen, ein Zurücklehnen im Sessel, ein Verschränken der Hände hinter dem Kopf und ein flüchtiger Blick Richtung Fenster, »…ja, also den hätte ich auch in Bremen haben können.«

Dann bliebe Klaus Allofs und der Anhängerschaft nur zu wünschen übrig, dass er sein gutes Händchen auch für die Besetzung dieser heiklen Position beweist. Möglicherweise gönnt er sich beim Scrollen durch die Listen aber ein Päuschen und phantasiert dann zumindest in seinen Träumen, wie das wohl sein könnte, mit dieser Mixtur aus Understatement, Bodenständigkeit und aller Achtung, also mit diesem Madlung, der am Eröffnungswochende der herbeieilenden Spielzeit als Erster den Rasen betritt, mit der Kapitänsbinde am Arm.

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