Hinweis endet mit Skibbe

Februar 21, 2013

Dezember 2010, es ist 30°C im Schatten: Michael Weiß sitzt am Flusstal des Nyabarongo, auf dem Schoß befindet sich sein Notebook. In Hörweite zu den Virunga-Vulkanen vernimmt er die Rufe der einheimischen Berggorillas, doch seine Aufmerksamkeit gilt einzig dem Fußballspiel, das er jetzt im Live-Stream verfolgt: Philippinen-Myanmar, Endstand 0:0.

Zu diesem Zeitpunkt ist Michael Weiß unter anderem für die Entwicklung des ruandischen Frauenfußballs verantwortlich, aber die Tinte unter seinem nächsten Arbeitsvertrag ist bereits getrocknet. Im fernen Afrika erreichte ihn Monate zuvor die Stellenanzeige des philippinischen Fußballverbands, die auf dem deutschen Sportportal SPOX.com veröffentlicht worden war. Weiß bekam den Zuschlag, bald würde er seine Arbeit als Nationaltrainer beginnen.

Auf die Frage, was er „vorher vom philippinischen Fußball“ gewusst hätte, gestand Weiß gegenüber SPOX: „Überhaupt nichts“. Nach(!!!) seiner Bewerbung habe er aber „intensiv recherchiert“ und sich „wirklich in alles rein gelesen“ (die Betonung liegt auf „alles“, in der Staatsbibliothek Ruandas platzen die Regale von europäischer Literatur über den philippinischen Fußball nämlich aus allen Nähten). Aber auch an bewegten Bildern war er interessiert: Das Länderspiel gegen Myanmar wollte Weiß deshalb nicht verpassen, hatte an diesem Tag aber Glück, weil „die Internet-Verbindung in Ruanda sonst eine Katastrophe ist“.

Stand heute verläuft sein Lernprozess noch immer stockend. Auf den 7107 Inseln des philippinischen Archipels ist es umständlich, Talente zu sichten, die den heimischen Fußball voranbringen könnten, da muss man schon gut mit dem Floß sein. Deshalb hat Michael Weiß lieber an seinem Notebook intensiv recherchiert, welche Spieler aus Deutschland für eine Einbürgerung geeignet wären: Roland Müller (MSV), Dennis Cagara (KSC), Stephan Schröck (1899), Oliver Pötschke (BFC Preussen) und Manuel Ott (Ingolstadt II) stehen schon im Kader, — Weiß sitzt aber noch immer am Notebook: Denn das reicht noch nicht, da muss es noch mehr geben. Ein Spieler ging ihm durch die Lappen, das wird ihn zusätzlich motiviert haben, er ist jetzt auf der Hut, die Ösis haben ihm den Kandidaten damals vor der Nase weggeschnappt. Also bemerkt Weiß: „Ein zweiter Fall Alaba darf nicht passieren.“

Wer als Trainer heutzutage im doppelten Sinne beschäftigt werden will, muss kreativ sein. Das Angebot ist riesig, die Nachfrage gering, die Erwartungshaltung allerorten ein Wahnsinn. Das bekommen nicht bloß unbekannte Weltenbummler wie Michael Weiß zu spüren, sondern auch die großen Namen.

Im Trainerkarussell wird den meisten Kandidaten dabei schwindelig: Wer also heute über Anekdoten aus der Welt des Fußballs lachen will, braucht sich mit dem dressierten Haufen von Karrierespielern nicht lange beschäftigen, die Ulknudeln der Gegenwart sind die Trainer.

Aber eigentlich ist es traurig:
Denn wer mit dem nächsten Trainerstuhlgang zu lange wartet, gerät schnell in Vergessenheit, denn der Fußball, er hat bloß ein Kurzzeitgedächtnis.
Es gilt also irgendwie am Ball zu bleiben, Präsenz zu zeigen, zu nehmen, was man kriegt. Viele zwingt das zu blindem Aktionismus, zahlreiche Trainer der Gegenwart sind ehemalige Spieler, sie standen zu Zeiten auf dem Rasen, als die wenigsten Fußballer das Klischee der sogenannten ‚Fußballmillionäre‘ erfüllten.
Sogar Ailton, der noch vor einem Jahrzehnt Meister und Torschützenkönig wurde, musste in das ‚Dschungelcamp‘. Er musste (ich wähle bewusst kein anderes Modalverb), weil der Erlös der eBay-Versteigerung seiner Torjägerkanone von 2007  aufgebraucht war, und er musste das machen, weil er nur Fußballspielen kann, – oder zumindest in seinem Leben noch nichts anderes gemacht hat.
Bei vielen früheren Fußballern geht es irgendwann um Kopf und Kragen. Viele besinnen sich, schaffen den zweiten Bildungsweg und beginnen andernorts ein Leben fernab des Geschehens. Doch eine ganze Masse von ehemaligen Profis, versucht sich in der vertrauten Umgebung zu etablieren. Die Verlockung, weiterhin im medialen Fokus zu stehen und dem Fußball zu frönen ist gewaltig. So
 schaffen es wenige als Experte, Kommentator oder Kolumnist im Geschäft fortzubestehen. Einige versuchen sich als Trainer, doch nur die wenigsten von ihnen können unter Beweis stellen, dass sie die nötigen Fähigkeiten besitzen.

Die meisten erleiden aber dasselbe Schicksal. Denn
 der Profifußball ist turbulent, Entlassungen sind bloß noch Randnotizen, Vertrauen und Genügsamkeit kann sich kein Verein mehr leisten. Das Karussell dreht sich also rapide, doch in Phasen der Stille müssten Trainer Professionalität beweisen, denn hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Durch die Globalisierung werden die Gleichgewichtsstörungen nicht weniger, ehemals erfolgreiche Bundesligatrainer müssen sich an jede Möglichkeit klammern, die sich ihnen bietet. Aber viele Trainer treffen in diesen Situationen die falsche Entscheidung, womöglich auch, weil ihnen bloß die eine geblieben war.

Falko Götz hatte sich nach Stationen bei der Hertha und 1860 München schon mit Holzbein Kiel anfreunden müssen, ehe er auch dort entlassen wurde. Dann kam ein Anruf aus Asien, aber sein Zweijahresvertrag als Nationaltrainer in Vietnam wurde schon nach wenigen Monaten wieder aufgelöst. Im Interview mit thai-fussball.com wurde Götz nach seiner Kündigung gefragt, ob die Tatsache, dass er bei 1860 mit Shao Jiayi schon einmal „einen asiatischen Spieler trainierte“, ihm während seiner Zeit „in Vietnam geholfen“ hätte: „Sicherlich“, antwortete Götz, „aber die Mentalität der Chinesen und Vietnamesen unterscheidet sich schon noch ein bisschen“.

Augen auf bei der Karriereplanung, mag man da doch denken.
Aber eigentlich ist es traurig.

Das gilt auch für Holger Fach, der 2011 bei Lokomotive Astana aus dem fahrenden Zug geschmissen wurde und sich noch immer zu Fuß auf dem Rückweg befindet. Die Trainerkarriere von Thomas Doll verlief vor einem Jahr im Sande der saudi-arabischen Wüste, man hat ihn seither nie wieder gesehen. Ob er eine rettende Oase erreichte, ist unklar. Michael Skibbe versuchte sich vier Jahre als deutsch-türkischer Berufspendler, zwischen 2008 und 2012 gondelte er von Leverkusen nach Istanbul, von Istanbul nach Frankfurt, von Frankfurt nach Eskisehir, von Eskisehir nach Berlin und von Berlin nach Karabük. Seitdem hat ihn niemand mehr angerufen. 

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