Diese verdammte Hammer Straße. Irgendwann bildet sich Milchsäure in den Kniegelenken. Der 27. Juli 1998 steigt einem zu Kopfe. Dieser Tag, an dem Jan Ullrich auf dem Weg nach Les Deux Alpes sein Trikot wegschmiss, und damit auch den Gesamtsieg. Dieser Tag, an dem Millionen Deutsche lernten, dass ein Hungerast nichts mit Waldsterben zu tun hat.
Noch immer wollten die Deutschen aus ihrer Geschichte lernen, vor allem in Münster, der Stadt der Lichter und Lenker. Deshalb hält das Fahrerfeld an, stärkt sich an einer Bude. Vielleicht eine Bratwurst, aber die meisten trinken Bier. Dann geht es weiter, es muss weitergehen, denn es gibt eine Karenzzeit: den Anpfiff. — Aber es ist noch immer diese verdammte Hammer Straße.

Wem das Bier am besten bekommen ist, der bekommt die zweite Luft und formiert sich an der Spitze zu einem Belgischen Kreisel. Es geht jetzt vorbei an Konditoreien, Kirchen, Kreissparkassen, Kneipen und Kinos, in denen man was mit Sex gucken kann. Zwischendurch kommt auch mal nix, aber dann ist da wieder urplötzlich eine Autobahnbrücke, wo man aufpassen muss, dass der Wind einen nicht vom Sattel peitscht. Ab hier wird es nur noch schlimmer: Der Horizont scheint bereits die Silhouette der Stadt Hamm anzudeuten, so weit kommt das wohl noch, aber es ist nur ein stillgelegtes Industriegelände.
Die flamme rouge naht jetzt immerhin, und mit ihr der finale Kilometer. Selbstredend ist die Ziellinie auf der Hammer Straße, dieser verdammten, ein Teufelswerk der Stadtplanung. Ob sie einst in ihre meilenweite Länge geteert wurde, bloß um den Fußball aus dem Herzen der Stadt zu verbannen?

Eines steht fest. Dort, wo in anderen Städten Prostituierte, Möbelhäuser, Schlachthöfe und Müllverbrennungsanlagen stehen, dort steht in Münster:
Das Preußenstadion.

In Münster ist vieles salonfähig, doch nicht der Lokalfußball. Wo der Fußball innerhalb der Stadtmauern nach Anerkennung dürsten will, dort muss er entweder erstklassig oder existenziell sein. Auf Gelsenkirchen trifft beides zu. Auf Münster nichts von beidem.
50 Zugminuten trennen diese beiden Städte, und doch trennen sie Welten, zumindest Fußballwelten. Das wird exemplarisch im Verlaufe eines Spieltags deutlich, wenn die königsblauen Leibchen in Gelsenkirchen vom Stadtgewand auch noch zum Abendkleid werden. Wer dann im versifften Trikot durch das Nachtleben torkelt und einen Türsteher um Einlass bittet, der bekommt mit etwas Glück auch noch »viel Spaß« gewünscht. Es gibt da eine Symbolik:
Denn, wer an der Arena AufSchalke ankommt, der vermutet sich vielleicht in einer Dornstrauchsavanne. Aus der Vogelperspektive wissen die Stadttauben jedoch, dass jenes Schalker zu Hause im vormals unbesiedelten Mittelpunkt von Gelsenkirchen gebettet liegt.

Das Münsteraner Zentrum hat da ein anderes Flair. An der Lambertikirche baumeln drei Käfige, »da waren die Wiedertäufer drin«, weiß hier jeder Grundschüler. Benachbart liegt in einem Flügel des historischen Rathauses der Friedensaal, einst tatkräftiger Schauplatz der Bemühungen um das Ende des Dreißigjährigen Krieges. Wer 2013 über das Kopfsteinpflaster flaniert und die Luft atmet, könnte meinen, dass der Frieden hierselbst konserviert ist, seit Jahrhunderten. Unweit ist es gelungen, ein Einkaufszentrum ins Stadtbild zu integrieren und dessen altehrwürdige Fassade dennoch aufrechtzuerhalten. Auf dem Prinzipalmarkt trinkt man Wein, sobald der Tag sich seinem Abend öffnet, der Rest sind Lichter und Lenker.
Die Preußen braucht(e?) hier keiner. Obwohl der Traditionsklub zumindest ein verlässliches Tischgespräch gewesen ist, wenn nämlich Münsteraner Väter beim Frühstücken ihre Lokalzeitung aufschlugen. Früher oder später raunten sie dann kurzerhand »oohh!«, grunzten, seufzten, und, wenn das noch nicht genügte, verrückten sie auch noch ihre Müslischüssel geräuschvoll, um sich die Aufmerksamkeit ihrer Ehefrauen und Kinder schlussendlich zu sichern.
Denn sie möchten ihren Liebsten gerne etwas aus der Zeitung vorlesen:
zurechtgegurkt

Doch Münster ist dieser Sportart nicht per se abgeneigt. Wenn Schalke und Dortmund zu ihren Heimspielen laden, rollen unzählige Autos auf die A43 und A1 in Richtung Ruhrgebiet. Als die Nationalmannschaft ihr Sommermärchen erlebte und auch in Südafrika grandios aufspielte, waren die Münsteraner mächtig stolz darauf. Getanzt und geklatscht wurde auf dem Ludgerikreisel, am Hafen, in den Gärten und der Innenstadt. Allerorten wurde »Oh, wie ist das schön« gesungen. Vor allem die Münsteraner Frauen waren begeistert von diesem Lied, das war klar und deutlich zu hören. Städte, in deren Alltag der Fußball keine Rolle spielt, lassen sich dadurch identifizieren, dass weibliches Gekreische nicht von erprobten Bassstimmen geschluckt wird, wenn Thomas Müller gegen England trifft und sogleich beim Rudelgucken »Oh, wie ist das schön« gesungen wird. Die Preußen sind allerdings nicht so schön.
Die Spieler haben nicht einmal coole Frisuren und so gar keinen Star-Faktor…
…und dann auch noch dieses Gegurke.

Doch gegenwärtig scheint sich der Verein seines Naturgesetzes zu entledigen. Das Naturgesetz lautet Gegurke, denn das Gegurke im Preußenstadion war so sicher wie das Amen in der Lambertikirche. Der Aufstieg in die 3. Liga im Sommer 2011 war schon ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung.
Also der Aufstieg in jene eingleisige Liga, die vor fünf Jahren gegründet wurde, um den Wettbewerb durch eine höhere Leistungsdichte attraktiver zu gestalten und die Liga gleichbedeutend in der Sportschau zu vermarkten.
Das frühere System der Regionalliga-Staffeln Nord und Süd fiel dem zum Opfer. Für 20 Vereine ist das seither ein Segen, für unzählige andere ein Fluch. Wer nämlich im Jenseits dieser 3. Liga spielt, der spielt im fußballdeutschen Niemandsland, dessen Nadelöhr nach oben bloß winzig ist.
93 Vereine konkurrieren fortan in 5 Ligen um groteske 3 Aufstiegsplätze in die Bedeutsamkeit: Was für Millionen Zuschauer der Sportschau ab 18 Uhr ein nettes Aufwärmprogramm ist, war hinsichtlich dieser Kommerzialisierung der Sargnagel für zahlreiche Traditionsvereine. Preußen Münster hat den Absprung geschafft und lebt. Carl-Zeiss Jena, TuS Koblenz, Rot-Weiß Oberhausen, Eintracht Trier und Rot-Weiss Essen sind mausetot. Oder hört noch jemand ihre Stimmen, und wie sie singen, oh wie schön das alles ist?

Preußen Münster hat sich seinem Gegurke also zum spätesten aller Zeitpunkte entledigt und den Evolutionsprozess im Profifußball erfolgreich angenommen. Die Professionalisierung des Vereins hat lange auf sich warten lassen, denn auch an den Schreibtischen in der Geschäftsstelle wurde jahrzehntelang ordentlich herumgegurkt. Jetzt, wo die Professionalisierung einmal vollzogen ist, streckt der Preußenadler seine Flügel zu ungeahnten Höhenflügen aus. Denn heute, im März des Jahres 2013, hat der SCP schon wieder einen Aufstieg vor den Adleraugen: In die 2. Bundesliga. 

Lokalfußball wird in Münster niemals existenziell sein, auch von einer zukünftigen Erstklassigkeit kann nicht die Rede sein. Doch augenblicklich poliert der Verein sein Image in der Stadt gehörig auf. Die Preußen sind im Frühjahr 2013 immerhin en vogue. Sogar der amtierende Oberbürgermeister Markus Lewe radelte vor wenigen Wochen zur Hammer Straße, um das Spiel gegen den VfL Osnabrück zu sehen. Ein Sinneswandel der Prioritätensetzung, den es solcherart wohl nur bei Politikern zu bestaunen gibt. Schließlich legte Markus Lewe in den vorigen Jahren noch sein Hauptaugenmerk darauf, »schwarz-gelbe Glückwünsche« die A1 hinunter gen Dortmund zu senden, denn er freute sich damals »natürlich außerordentlich« über die Meistertitel der Borussia. Dem ortsansässigen Verein zeigte der Bürgermeister derweil die kalte Schulter. Doch der Erfolg der Preußen scheint seine Beratungsgremien nun auf den Plan gerufen zu haben, und so ließ sich Lewe vor dem Anpfiff jener Begegnung gegen Osnabrück bei einem Fototermin medienwirksam ablichten. Um seinen Hals trug er einen schwarz-weiß-grünen Schal, in seinem Gesicht trug er ein aufgesetztes Lächeln. Es ist eines dieser Bilder, das mehr zu sagen weiß als tausend Worte. 

Wenn mittlerweile sogar der Oberbürgermeister aus PR-Zwecken im Preußenstadion verkehrt, dann ist der Verein auf dem besten Wege zur Massentauglichkeit. An den Zuschauerzahlen lässt sich das ablesen, vorbei sind vorerst die Zeiten, in denen die hartgesottenen Anhänger ihr Dasein in einer Parallelwelt fristen müssen. Wobei es für die langjährigen Anhänger gegenwärtig weniger darauf ankommt, dass sie merklichen Zuwachs im Preußenstadion bekommen. Sondern vielmehr darum, dass ein Preußentrikot im Alltag und im Stadtbild zur Selbstverständlichkeit gehören darf. Denn, wer bislang im Stadtzentrum ein Trikot des SC Preußen spazieren trug, der hatte sich gefälligst zu schämen und zu rechtfertigen. In der Zeit des Gegurkes betrachteten die Münsteraner einen jeden Sympathisanten mit Argwohn, der seine Hinwendung zu dem Verein offen präsentierte. — Das bornierte Münster ist an Humorlosigkeit, zuweilen gar an Respektlosigkeit, kaum zu überbieten.

Aufgrund all dieser Marginalisierungen führten die Anhänger des Vereins ihr Eigenleben. Während man auf dem Prinzipalmarkt gesittet Wein trank, torkelten die Fans in ihren versifften Abendkleidern aus der Isolationshaft Hammer Straße in eine Kneipe namens »Berliner Bär« und ließen sich dort gehen. In dieser türsteherbefreiten Bahnhofsvorhölle fanden sie eine seltene Obhut, auf ihren Hin- und Rückwegen hatten sie dabei viel Spaß an der Freude. Als enthusiastisch und temperamentvoll könnte man ihr Wesen dabei beschreiben. Aber egal, was sie auch taten, es wurde von der bornierten Lokalpresse zwanghaft als »Ärger im Paradies« begriffen. Münster ist an Humorlosigkeit wahrhaftig kaum zu überbieten, das kann man gar nicht oft genug betonen. Und deshalb bekamen Münsteraner Väter am Frühstückstisch die humorlosen Berichte über die Exzesse der Preußenfans gleich nach dem Spielbericht serviert. Erst Gegurke. Dann Ruhestörungen. Preußenfans waren die Sorgenkinder der Stadt, wie ein mobiles Ghetto zogen sie durch die Straßen, wo sie hinkamen, dort brannten die Mülltonnen. Das ist aber doch eigentlich ziemlich witzig.

Dass sie nicht der Teufel ritt, während sie dem SCP über Jahre ihre Loyalität und Hingabe entgegenbrachten, dabei wohl auch mal über die Stränge schlugen, registrieren nun immer mehr Münsteraner. Es lohnt sich auch.
Dieser Verein hat viel zu geben, sogar selbst dann, wenn er bloß herumgurkt. Denn man braucht bloß das Wappen zu betrachten, um seine Anziehungskraft zu erkennen, das Stadion zu betreten, um seine Historie zu begreifen, ein Spiel zu sehen, um seine Autorität zu spüren.

Beim Aufstieg im Mai 2011 waren 18.500 Zuschauer im Preußenstadion, ausverkauft. An diesem Nachmittag sah man Freudentränen in der Stadt, wahrscheinlich zum ersten Mal seit dem Westfälischen Frieden. Nach den Heimsiegen in den prestigeträchtigen Duellen in der laufenden Spielzeit gegen Arminia Bielefeld und den VfL Osnabrück war die überschwängliche Freude in der gesamten Stadt spürbar. Es tat der Atmosphäre merklich wohl.
Das alles sind aktuelle Hinweise darauf, was dieser Stadt in ihrem Alltag fehlt, und was der Fußball dieser Stadt zukünftig also zu geben vermag, —
wenn der SCP auch die tatkräftige Unterstützung der Politik erhält, und von den Münsteranern mit Respekt behandelt wird.

zucken

Wer die Gegenwart der TSG 1899 Hoffenheim nicht versteht und sie doch verstehen will, der muss in die Geschichte über ein Mädchen eintauchen. Dieses Mädchen, das nur einen großen Traum hatte, war unlängst durch das Fenster ihres mit Postern beklebten Zimmers getürmt, um heimlich ein Konzert von Justin Bieber zu besuchen. Sie hatte nichts dabei außer einem Schlafsack, einem selbstgemalten Plakat und ihrer Jugend. Ihre Bestimmung, oder es war nur der Zufall, wollte es so, dass sie urplötzlich ihren Angebeteten erspähte, als Bieber Stunden vor seinem Auftritt durch eine unscheinbare Öffnung der Konzerthalle schlüpfte, um ein wenig nach frischer Luft zu schnappen. Das Mädchen (ihr Name war Dietmar) begriff sofort, kreischte ohrenbetäubend, rannte, und – stand vor ihm. Von diesem Moment hatte sie nur geträumt. Aber sie hatte nur bis hierhin geträumt, also nicht weiter, und deshalb wusste sie nicht, was sie jetzt tun sollte. Ohnmacht.
Bieber lächelte fachmännisch, sagte »you are amazing«, drehte sich um und wurde sogleich vom Innenleben jener riesigen Konzerthalle geschluckt, wo die kleine Dietmar wenig später nur noch ein Mädchen unter vielen sein sollte.

Als sich die TSG Hoffenheim im Dezember 2008 zum sogenannten Herbstmeister kürte, war das Gekreische ohrenbetäubend, nicht nur im Kraichgau. Dem Aufsteiger gelang eine famose Hinserie, die Mannschaft war ein Hybrid aus Soldaten und Artisten. Auf den Flanken knallten die Angriffsläufe von Ba und Obasi laut wie Peitschenschläge, Carlos Eduardo rotierte sich wie ein Kreisel durch die Zentrale und ganz vorne stand Ibisevic: das Kanonenfeuer. Hoffenheim war ein feuerwerkähnliches Spektakel – und in der Epoche des Eventmarketings kam das sehr gut an. Kaum einer verschrie den Verein zu diesem Zeitpunkt noch als Retortenklub, weil von dieser Bundesliga-Party alle so begeistert waren. In Fußballdeutschland wichen Missgunst und Ethos der Schwärmerei, der Unterhaltungslust.

Häufig verkünden Vereine die Marschroute, von Spiel zu Spiel gucken zu wollen. Doch Hoffenheim guckte nach der Jahrtausendwende von Liga zu Liga, ein etwas anderer Zollstock also, denn die TSG hatte nach dem Millennium nur ein Ziel vor Augen: Das Oberhaus. Aber plötzlich waren sie dort und urplötzlich waren sie gar Tabellenführer, das war der Kamm einer jahrelangen Welle des Erfolgs, von der man sich hatte tragen lassen. Von diesem Moment hatte Dietmar Hopp nur geträumt. Aber er hatte nur bis hierhin geträumt, also nicht weiter, und deshalb wusste er nicht, was er jetzt tun sollte. Ohnmacht.
Der Spitzenrang lächelte fachmännisch, sagte »you are amazing«, drehte sich um und die TSG wurde sogleich vom Innenleben der Bundesligatabelle geschluckt, wo 1899 wenig später nur noch ein Verein unter vielen sein sollte.

Etikettenschwindel

Als Etikettenschwindler Dietmar Hopp den Vereinsnamen im Sommer 2007 um das raubkopierte Gründungsjahr 1899 ergänzte, tat er förmlich so, als hätte der Kraichgau über ein Jahrhundert vergebens auf das gewartet, was er nun zu Stande bringen wollte. Doch nachdem die vermeintliche Ziellinie Bundesliga überschritten gewesen war, wusste er keine Antwort mehr auf die Frage, wohin die weitere Reise gehen sollte. Denn geträumt hatte Hopp nur von der Bundesliga und nicht davon, was er dort tun wollte. Ziel erreicht, kein neues, kalte Füße. Herbstmeister Hopp stand vor Justin Bieber. Die kleine Dietmar wusste nicht, ob sie ihn umarmen, sich an ihn klammern sollte. Ohnmacht. 

Dass der Abschied von Aufstiegs-Alphatier Rangnick auf jenen Unklarheiten basierte, ist kein Geheimnis. Doch seitdem die Hoffenheimer Hauptplatine den Klub 2011 verließ, ist das totale Chaos ausgebrochen. Ein Hardwareproblem jagt das nächste. Zerwürfnisse. Ein Hin und Her. Ein stetiger Wechsel der Philosophie. Ein Desaster in der Außendarstellung. Keine Leitfigur, kein Paradigma, keine Autorität, kein Prozessor, kein Freibier. Weil die Bundesliga-Party vorüber ist, regieren in Fußballdeutschland wieder Missgunst und Ethos.

Demba Ba, Tim Wiese, Marvin Compper und Tom Starke erzählen repräsentative Geschichten aus dem Hoffenheim im Jenseits seiner Träume. Aber die Causa Babbel bietet die passendste Symbolik, denn die TSG vertraute Markus Babbel im Frühjahr 2012 eine Doppelfunktion an, – als Manager und Trainer in Personalunion. Doch selbst Felix Magath hatte seine einst preisgekrönte Karriere als Fußballlehrer mit dieser Hybris vermurkst, da war es keine große Überraschung, dass Babbel noch im Dezember desselben Jahres von seinen Aufgaben entbunden wurde, und bei Wikipedia seitdem als »heutiger Fußballtrainer, der momentan vereinslos ist« gelistet wird.

Und wer war eigentlich nochmal dieser Pezzaiuoli? Nach Rangnicks Abgang war jedenfalls alles Kraut und Rüben. Vor nicht allzu langer Zeit posaunte man im Kraichgau noch groß herum, dass die TSG in der Transferpolitik fortan auf Nachhaltigkeit setzen würde. Also auf junge Spieler, am besten aus der Region, die sich in aller Ruhe entwickeln dürften, – auf horrende Ablösesummen wollte 1899 hingegen verzichten, sparsam sein. Man nennt das Greenwashing.
Aber dieses theoretische Gefasel ist schon längst wieder einem globalisierten Import-Export gewichen, nach bester magath’scher Art. Dass dieser einst so durchdachte Verein, dass dieser einst so kalkulierte Betrieb mittlerweile in blinden Aktionismus verfallen ist, sagt alles, – oder nichts mehr:
Ein feuerwerkähnliches Spektakel, verpufft.

MPF

Die DFL hat zur Saison 2011/12 eine Regeländerung vorgenommen, die unfreiwillig als Diagnoseinstrument dient, um dienstunfähige Mannschaften zu erkennen. Seit jener Spielzeit ist es Vereinen untersagt, an ihre Spieler Rückennummern über 40 zu vergeben, aus welchen Gründen auch immer. Jedenfalls ist die Vergabe höherer Ziffern nur gestattet, wenn der Kader aus mehr als 40 Spielern besteht, gesetzt diesen Fall würden die Trikots fortlaufend nummeriert werden. Abgesehen von den Ausnahmen Tymoshchuk, Bargfrede und Kacar (FCB, SVW, HSV; alle #44), die ihre Rückennummer schon vor dieser Regeländerung besaßen und diese somit auch behalten dürfen, lässt sich festhalten, dass es ein äußerst schlechtes Zeichen ist, wenn ein Spieler in der Bundesliga auf dem Trikot eine Ziffer trägt, die größer als 40 ist. Denn dieses Symptom steht stellvertretend für eine katastrophale Kaderplanung und eine alberne Transferpolitik. Wessen Trikotnummer also jenseits der 40 liegt, der spielt in einer Mannschaft, die keine ist – und bei einem Verein, der nicht weiß, was er will.

Aber nach jahrelanger Identitätskrise sieht sich Hoffenheim gegenwärtig dazu gezwungen, sich zu spüren. Nach einem fortdauernden Vakuum der Planlosigkeit hat die TSG urplötzlich wieder ein Ziel, ob sie nun will oder nicht. Dieses Ziel ist der Klassenerhalt, das Hoffenheimer Heute lautet Abstiegskampf. Es hat sehr lange gedauert, aber nach all den Turbulenzen scheinen sich Spieler wie Verantwortliche endlich auf das Wesentliche zu konzentrieren, den nötigen Tunnelblick zu bekommen, ein Licht am Ende desselben zu sehen. Endlich. Denn was wurde bei 1899 nicht für ein Tohuwabohu veranstaltet? Stellvertreterkriege, Eitelkeiten, Scheingefechte: Die Paris Hilton der Liga. Augenblicklich scheinen sie es aber zu raffen. Denn, wenn der Dachstuhl lichterloh brennt, dann muss man mit vereinten Kräften hin – und löschen.

Hoffenheim spürt sich also wieder. Das fühlt sich nicht gut an. Aber es ist der richtige Weg für den Verein, weil es der einzige ist und er keinen eigenen gehen wollte. Der Tabellenkeller zwingt jetzt zur Selbstfindung, die TSG hat sich ihre Schocktherapie besorgt. In der Medizin gibt es eine Diagnose mit dem ICD-10 Code X80: »Vorsätzliche Selbstbeschädigung durch Sturz in die Tiefe«.

Aber Hoffenheim brauchte eine Krankheit, um wieder gesund zu werden:
Jetzt, nach dem couragierten Auftritt gegen München und dem effizienten Auftritt in Fürth, ist es wieder wahrscheinlich, dass die TSG, womöglich über die Relegation, im Oberhaus verbleibt. Also eben dort, wovon sie immer nur geträumt hatte. Doch selbst nach diesem glücklichen Ausgang wäre 1899 Hoffenheim in der Sommerpause nur noch eine Ruine. Aber die Ruine eines Vereins, der sich ab diesem Zeitpunkt endlich weiterträumen könnte.
 

Das kleine Mädchen Dietmar wäre indes zu einer Trümmerfrau geworden. Wenn alles gut geht, wischt sich Dietmar im Juni den Schweiß von der Stirn, atmet durch, träumt, denkt nach, ist voller Tatendrang. Dietmar lächelt sogleich und schiebt eine Schubkarre vor sich her. Wenn alles gut geht.

Im Kraichgau zirkulieren dann Baukräne durch die sommerliche Luft; so wie sich einst Carlos Eduardo in Form eines Kreisels durch die Zentrale rotierte – und der Himmel, er ist enträtselt wolkenlos. Wenn alles gut geht.

Beckmann liebt Streich

März 6, 2013

Es ist Samstag, 19 Uhr 30, Reinhold Beckmann steht in seinem Studio, die Kamera fokussiert ihn, das rote Lämpchen leuchtet auf, jetzt muss Beckmann sprechen. Beckmann sagt: »Ich liebe diesen Christian Streich, endlich mal ein anderer Typ.« — Das war es also für mich gewesen, zumindest für das übrige Wochenende. Mittlerweile habe ich mich wieder etwas erholt, aber traurig bin ich noch immer. Diesen Moment hatte ich zwar kommen sehen, Vorboten gab es schließlich zu genüge, aber am Samstag um 19 Uhr 30 war es dann urplötzlich so weit. Das Fass ist also übergelaufen, wahrscheinlich, weil Beckmann dieses Wort gebrauchte: Liebe.

Beckmann liebt also diesen Christian Streich. Er liebt ihn, weil er endlich mal ein anderer Typ ist. Aber Christian Streich kommt nicht vom Mars.
Also, was verbirgt sich dahinter?

Beckmann liebt diesen Christian Streich, weil er ihn nicht versteht, weil Streich ihm unlösbare Rätsel aufgibt. Das steht in seinem Gesicht geschrieben, während er von Liebe spricht. Reinhold Beckmann bringt Streich aber gar keine Anerkennung, geschweige denn Liebe entgegen. Denn Beckmann geht einen sehr niederträchtigen Umweg, dass Streich nämlich offensichtlich vom Mars stammt, folglich anders ist und er ihn deswegen liebt. Er liebt ihn, weil er anders ist, nicht weil er Christian Streich ist. Er liebt ihn, weil Streich nicht so wie Marco Kurz oder Bruno Labbadia ist, und nicht weil Streich er selbst ist.

Was verbirgt sich hinter dieser Lobhudelei, wie tief lässt das blicken? Es verbirgt sich ein Armutszeugnis hinter ihr, eine Bankrotterklärung für den Profifußball in seinem medialen Erscheinungsbild. Wenn Beckmann Streich nicht liebt, weil er Streich ist, sondern weil er anders ist, dann sagt das alles über die Pluralität von Persönlichkeiten aus, die offensichtlich bloß noch eine Singularität ist.
streichDenn was macht Christian Streich, warum steht er auf diesem Podest der Andersartigkeit?
Alleine die gebetsmühlenartige Wiederholung der Anekdote um den Fahrradfahrer Christian Streich offenbart das würdelose Ausmaß dessen, was im Profifußball noch als Normalität begriffen wird. Da wird man zum Marsmenschen, weil man mit dem Drahtesel unterwegs ist, für ein paar hundert Meter. Auch Olaf Thon findet das ganz ulkig und sympathisch, also auch sehr außergewöhnlich, wie er noch kürzlich beim Fußballstammtisch Doppelpass zu Protokoll gegeben hat.

Der verborgene Sieg für Streich ist, dass niemand, der ein Mikrofon in der Hand hält, weiß, wie er oder sie mit ihm umgehen soll; ihn aber dennoch alle lieben. Aber was ist das für eine Liebe? Ich würde nicht so geliebt werden wollen, dann lieber keine Liebe, würdest Du so geliebt werden wollen? — Beckmann aber findet keinen anderen Ausweg, als diesen Christian Streich zu lieben. Das verrät sehr viel über Beckmann. Mit seinem Fußballsachverstand (das beweist er seit Jahren in der Sportschau) und seinem Empathievermögen (das beweist er seit Jahren in seiner Talkshow) ist Beckmann sehr schnell am Ende. Aber das am Samstag, das war der Gipfel.

Bevor Beckmann sein Geständnis an das millionenstarke Fußballdeutschland entsandte, wurde eine Zusammenfassung des Auswärtsspiels in Nürnberg gezeigt. Dass der SC Freiburg wieder einmal über eine sattelfeste Defensive verfügte, interessiert keinen. Dass Christian Streich vor fünfzehn Monaten eine verunsicherte Mannschaft übernommen hatte, die seinerzeit am Abgrund stand, und er umgehend eine Einheit aus ihr schweißte, die seitdem lediglich 1,3 Gegentore pro Spiel hinnehmen musste, interessiert keinen.
Dass Christian Streich dafür eine grandiose Defensivkultur aus blutjungen Bundesligadebütanten wie Diagne, Ginter, Höhn, Sorg, Günter und Hedenstad formiert hat, interessiert keinen. Dass Streich mit seinen Spielern spricht, er genau weiß, wie schwer die vergangene Zeit für Santini gewesen ist, wie es sich für Hedenstad in Mainz angefühlt haben muss, welche Ehre es für Makiadi gewesen ist, für sein gebeuteltes Heimatland bei der Afrikameisterschaft aufzulaufen und wie sich Günter in einer 70-Stunden-Woche mit dem Spagat aus Training und Ausbildung für seinen Traum der Bundesliga aufgeopfert hat, interessiert keinen.

Eine fußballerische oder psychologische Analyse der grandiosen Arbeit des Christian Streich findet nicht statt. Es wäre ja auch unvorteilhaft, weil Beckmann dann nicht mehr in seinem Studio stehen könnte, um unbegründet zu sagen, dass er diesen Christian Streich liebt, weil er anders ist und Fahrrad fährt. Christian Streich verhält sich zum Fahrrad so, wie Sascha Mölders zum Nasenpflaster. Das sind die atemberaubenden Geschichten von verrückten Persönlichkeiten aus dem Jahre 2013. Es ist sehr traurig.

Doch das ist noch nicht alles. Nach dem Auswärtssieg in Bremen durfte ich zum ersten Mal in meiner Karriere als Fußballfan einen Offiziellen beobachten, der eine Standardfrage (»Was fällt Ihnen zum Wort Europa ein?«) mit einer Standardfloskel (»Nichts«) beantwortete und dabei einen Gesichtsausdruck der bedingungslosen Glaubwürdigkeit in die Kamera versandte. Am Samstag war es wieder so weit. Christian Streich hat das jetzt zehntausendmal gesagt. Aber was gibt die Stimme des Kommentatoren im Abspann von sich, bevor das rote Lämpchen von Beckmanns Kamera aufleuchtet? Ein lächerliches Statement, das Streich die Glaubwürdigkeit absprechen will. Denn eines ist für die ARD offensichtlich klar: Der muss doch lügen, natürlich will der nach Europa, wollen Kurz und Labbadia doch auch. Er ist zwar anders, aber doch nicht soooo. Weil Streich die Wahrheit sagen will, wird gegenwärtig jedes Interview zum Stress für ihn. Das ist sehr traurig. Wenn der Medienzirkus Christian Streich kaputt bekommt, bin ich kein Fußballfan mehr.

Streich hat einmal in einem Interview gesagt, dass er es sehr bedauere, dass sein privates Umfeld, also seine Freunde und Bekannten, ihm nichts mehr von sich selbst erzählen würden, seitdem er Trainer eines Bundesligisten ist. Als er noch ein anonymes Rädchen beim SC Freiburg war, von dem die wenigsten eine Ahnung hatten, wie bedeutsam dieses Rädchen in der Fußballschule für den Verein gewesen war, durfte er sich zahlreicher, ausgeglichener Freundschaften erfreuen. Jetzt nicht mehr, und das ist genau die Definition der Seuche, die über die Medien so branchentypisch forciert wird. Sie ist so hochgradig ansteckend, dass selbst seine Freunde den festen Glauben übernommen haben, dass dieser Christian Streich wirklich anders sei und man ihn deswegen lieben müsste und nicht, weil er Christian Streich ist. Ihren privaten Blick auf Streich haben sich die meisten also laut dessen Aussage stehlen lassen, von diesen Banditen mit den Mikrofonen. Streich hat gesagt, dass ihm kaum noch einer seiner Vertrauten etwas von sich persönlich erzählen würde, es gibt jetzt nur noch ihn, den Marsmenschen. 

Der Medienzirkus ist immer dann für eine Person am destruktivsten, wenn sich die Berichterstattung im Hype befindet. Die Bestie versteckt sich dann, sie lauert. Denn jeder Hype ist zuvorderst durch seine eigene, entsprechende Fallhöhe definiert. Also lauert die Bestie auf den Moment, ab dem es nicht mehr läuft. Denn keine Bange: Überall wo es bergauf geht, geht es auch wieder bergab. Das ist die Überlebensversicherung für das Medienimperium. Wer mit der Bildzeitung aufsteigt, stürzt auch wieder mit ihr herab. Die Bildzeitung findet beides gut. Ob Beckmann im Positiven oder im Negativen berichtet, ist ihm egal. Hauptsache, er berichtet. Aber das hier ist jetzt seine Anklagebank, weil Beckmann am Samstag von Liebe sprach und sich damit die Finger an einer ihm fremden Sonne verbrannt hat.

In Phasen einer Idealisierung erschaffen die Medien also ein Spektrum von scheinbaren wie plakativen Charaktereigenschaften, die sich in Form einer Angriffsfläche ins Gegenteil verkehren, sobald es nicht mehr läuft. Wartet ab und lasst den Mölders mal seine nächsten 500 torlosen Minuten erleben, wir werden dann sehen, was von seinem getackerten Nasenbein samt Heftpflaster noch übrig geblieben ist. Sobald die Dinge nicht mehr laufen, wenn Christian Streich und der SC Freiburg also einmal ein Tal durchschreiten müssen, wie Streich es auch fortwährend im Sinne des Realismus ankündigt, wird alles, was ihn jetzt auszeichnet, gegen ihn verwendet werden. Er ist dann zu anders, zu komisch, fährt zu viel Fahrrad. Seht her, schreien sie dann: Klappt wohl doch nicht alles so, wie der Freak sich das gedacht hat.

Ich wünsche mir, dass gesetzt den Fall (wann und warum auch immer) jemand von der Leserschaft dieses Artikels Christian Streich begegnen sollte – womöglich sogar in einer ruhigen Minute –, er oder sie dem Trainer von sich selbst erzählt. Ich würde Christian Streich erzählen, dass ich gerne Käsebrötchen mit Käse esse, noch das Kuscheltier von meiner Geburt habe, mich am liebsten nach Florenz oder Palermo verpissen würde und ein paar richtig gute Witze kenne. Vielleicht hast Du ja auch Lust zu überlegen, was Du ihm von Dir persönlich erzählen würdest. In zehn Tagen wird Christian Streich dann wieder bei den Kollegen des ZDF im Aktuellen Sportstudio Platz nehmen, er wurde ganz herzlich eingeladen, und wird dort für eine Viertelstunde Marsmensch sein. Ich bin sehr traurig.