Die Stadt der Lichter und Lenker

März 20, 2013

Diese verdammte Hammer Straße. Irgendwann bildet sich Milchsäure in den Kniegelenken. Der 27. Juli 1998 steigt einem zu Kopfe. Dieser Tag, an dem Jan Ullrich auf dem Weg nach Les Deux Alpes sein Trikot wegschmiss, und damit auch den Gesamtsieg. Dieser Tag, an dem Millionen Deutsche lernten, dass ein Hungerast nichts mit Waldsterben zu tun hat.
Noch immer wollten die Deutschen aus ihrer Geschichte lernen, vor allem in Münster, der Stadt der Lichter und Lenker. Deshalb hält das Fahrerfeld an, stärkt sich an einer Bude. Vielleicht eine Bratwurst, aber die meisten trinken Bier. Dann geht es weiter, es muss weitergehen, denn es gibt eine Karenzzeit: den Anpfiff. — Aber es ist noch immer diese verdammte Hammer Straße.

Wem das Bier am besten bekommen ist, der bekommt die zweite Luft und formiert sich an der Spitze zu einem Belgischen Kreisel. Es geht jetzt vorbei an Konditoreien, Kirchen, Kreissparkassen, Kneipen und Kinos, in denen man was mit Sex gucken kann. Zwischendurch kommt auch mal nix, aber dann ist da wieder urplötzlich eine Autobahnbrücke, wo man aufpassen muss, dass der Wind einen nicht vom Sattel peitscht. Ab hier wird es nur noch schlimmer: Der Horizont scheint bereits die Silhouette der Stadt Hamm anzudeuten, so weit kommt das wohl noch, aber es ist nur ein stillgelegtes Industriegelände.
Die flamme rouge naht jetzt immerhin, und mit ihr der finale Kilometer. Selbstredend ist die Ziellinie auf der Hammer Straße, dieser verdammten, ein Teufelswerk der Stadtplanung. Ob sie einst in ihre meilenweite Länge geteert wurde, bloß um den Fußball aus dem Herzen der Stadt zu verbannen?

Eines steht fest. Dort, wo in anderen Städten Prostituierte, Möbelhäuser, Schlachthöfe und Müllverbrennungsanlagen stehen, dort steht in Münster:
Das Preußenstadion.

In Münster ist vieles salonfähig, doch nicht der Lokalfußball. Wo der Fußball innerhalb der Stadtmauern nach Anerkennung dürsten will, dort muss er entweder erstklassig oder existenziell sein. Auf Gelsenkirchen trifft beides zu. Auf Münster nichts von beidem.
50 Zugminuten trennen diese beiden Städte, und doch trennen sie Welten, zumindest Fußballwelten. Das wird exemplarisch im Verlaufe eines Spieltags deutlich, wenn die königsblauen Leibchen in Gelsenkirchen vom Stadtgewand auch noch zum Abendkleid werden. Wer dann im versifften Trikot durch das Nachtleben torkelt und einen Türsteher um Einlass bittet, der bekommt mit etwas Glück auch noch »viel Spaß« gewünscht. Es gibt da eine Symbolik:
Denn, wer an der Arena AufSchalke ankommt, der vermutet sich vielleicht in einer Dornstrauchsavanne. Aus der Vogelperspektive wissen die Stadttauben jedoch, dass jenes Schalker zu Hause im vormals unbesiedelten Mittelpunkt von Gelsenkirchen gebettet liegt.

Das Münsteraner Zentrum hat da ein anderes Flair. An der Lambertikirche baumeln drei Käfige, »da waren die Wiedertäufer drin«, weiß hier jeder Grundschüler. Benachbart liegt in einem Flügel des historischen Rathauses der Friedensaal, einst tatkräftiger Schauplatz der Bemühungen um das Ende des Dreißigjährigen Krieges. Wer 2013 über das Kopfsteinpflaster flaniert und die Luft atmet, könnte meinen, dass der Frieden hierselbst konserviert ist, seit Jahrhunderten. Unweit ist es gelungen, ein Einkaufszentrum ins Stadtbild zu integrieren und dessen altehrwürdige Fassade dennoch aufrechtzuerhalten. Auf dem Prinzipalmarkt trinkt man Wein, sobald der Tag sich seinem Abend öffnet, der Rest sind Lichter und Lenker.
Die Preußen braucht(e?) hier keiner. Obwohl der Traditionsklub zumindest ein verlässliches Tischgespräch gewesen ist, wenn nämlich Münsteraner Väter beim Frühstücken ihre Lokalzeitung aufschlugen. Früher oder später raunten sie dann kurzerhand »oohh!«, grunzten, seufzten, und, wenn das noch nicht genügte, verrückten sie auch noch ihre Müslischüssel geräuschvoll, um sich die Aufmerksamkeit ihrer Ehefrauen und Kinder schlussendlich zu sichern.
Denn sie möchten ihren Liebsten gerne etwas aus der Zeitung vorlesen:
zurechtgegurkt

Doch Münster ist dieser Sportart nicht per se abgeneigt. Wenn Schalke und Dortmund zu ihren Heimspielen laden, rollen unzählige Autos auf die A43 und A1 in Richtung Ruhrgebiet. Als die Nationalmannschaft ihr Sommermärchen erlebte und auch in Südafrika grandios aufspielte, waren die Münsteraner mächtig stolz darauf. Getanzt und geklatscht wurde auf dem Ludgerikreisel, am Hafen, in den Gärten und der Innenstadt. Allerorten wurde »Oh, wie ist das schön« gesungen. Vor allem die Münsteraner Frauen waren begeistert von diesem Lied, das war klar und deutlich zu hören. Städte, in deren Alltag der Fußball keine Rolle spielt, lassen sich dadurch identifizieren, dass weibliches Gekreische nicht von erprobten Bassstimmen geschluckt wird, wenn Thomas Müller gegen England trifft und sogleich beim Rudelgucken »Oh, wie ist das schön« gesungen wird. Die Preußen sind allerdings nicht so schön.
Die Spieler haben nicht einmal coole Frisuren und so gar keinen Star-Faktor…
…und dann auch noch dieses Gegurke.

Doch gegenwärtig scheint sich der Verein seines Naturgesetzes zu entledigen. Das Naturgesetz lautet Gegurke, denn das Gegurke im Preußenstadion war so sicher wie das Amen in der Lambertikirche. Der Aufstieg in die 3. Liga im Sommer 2011 war schon ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung.
Also der Aufstieg in jene eingleisige Liga, die vor fünf Jahren gegründet wurde, um den Wettbewerb durch eine höhere Leistungsdichte attraktiver zu gestalten und die Liga gleichbedeutend in der Sportschau zu vermarkten.
Das frühere System der Regionalliga-Staffeln Nord und Süd fiel dem zum Opfer. Für 20 Vereine ist das seither ein Segen, für unzählige andere ein Fluch. Wer nämlich im Jenseits dieser 3. Liga spielt, der spielt im fußballdeutschen Niemandsland, dessen Nadelöhr nach oben bloß winzig ist.
93 Vereine konkurrieren fortan in 5 Ligen um groteske 3 Aufstiegsplätze in die Bedeutsamkeit: Was für Millionen Zuschauer der Sportschau ab 18 Uhr ein nettes Aufwärmprogramm ist, war hinsichtlich dieser Kommerzialisierung der Sargnagel für zahlreiche Traditionsvereine. Preußen Münster hat den Absprung geschafft und lebt. Carl-Zeiss Jena, TuS Koblenz, Rot-Weiß Oberhausen, Eintracht Trier und Rot-Weiss Essen sind mausetot. Oder hört noch jemand ihre Stimmen, und wie sie singen, oh wie schön das alles ist?

Preußen Münster hat sich seinem Gegurke also zum spätesten aller Zeitpunkte entledigt und den Evolutionsprozess im Profifußball erfolgreich angenommen. Die Professionalisierung des Vereins hat lange auf sich warten lassen, denn auch an den Schreibtischen in der Geschäftsstelle wurde jahrzehntelang ordentlich herumgegurkt. Jetzt, wo die Professionalisierung einmal vollzogen ist, streckt der Preußenadler seine Flügel zu ungeahnten Höhenflügen aus. Denn heute, im März des Jahres 2013, hat der SCP schon wieder einen Aufstieg vor den Adleraugen: In die 2. Bundesliga. 

Lokalfußball wird in Münster niemals existenziell sein, auch von einer zukünftigen Erstklassigkeit kann nicht die Rede sein. Doch augenblicklich poliert der Verein sein Image in der Stadt gehörig auf. Die Preußen sind im Frühjahr 2013 immerhin en vogue. Sogar der amtierende Oberbürgermeister Markus Lewe radelte vor wenigen Wochen zur Hammer Straße, um das Spiel gegen den VfL Osnabrück zu sehen. Ein Sinneswandel der Prioritätensetzung, den es solcherart wohl nur bei Politikern zu bestaunen gibt. Schließlich legte Markus Lewe in den vorigen Jahren noch sein Hauptaugenmerk darauf, »schwarz-gelbe Glückwünsche« die A1 hinunter gen Dortmund zu senden, denn er freute sich damals »natürlich außerordentlich« über die Meistertitel der Borussia. Dem ortsansässigen Verein zeigte der Bürgermeister derweil die kalte Schulter. Doch der Erfolg der Preußen scheint seine Beratungsgremien nun auf den Plan gerufen zu haben, und so ließ sich Lewe vor dem Anpfiff jener Begegnung gegen Osnabrück bei einem Fototermin medienwirksam ablichten. Um seinen Hals trug er einen schwarz-weiß-grünen Schal, in seinem Gesicht trug er ein aufgesetztes Lächeln. Es ist eines dieser Bilder, das mehr zu sagen weiß als tausend Worte. 

Wenn mittlerweile sogar der Oberbürgermeister aus PR-Zwecken im Preußenstadion verkehrt, dann ist der Verein auf dem besten Wege zur Massentauglichkeit. An den Zuschauerzahlen lässt sich das ablesen, vorbei sind vorerst die Zeiten, in denen die hartgesottenen Anhänger ihr Dasein in einer Parallelwelt fristen müssen. Wobei es für die langjährigen Anhänger gegenwärtig weniger darauf ankommt, dass sie merklichen Zuwachs im Preußenstadion bekommen. Sondern vielmehr darum, dass ein Preußentrikot im Alltag und im Stadtbild zur Selbstverständlichkeit gehören darf. Denn, wer bislang im Stadtzentrum ein Trikot des SC Preußen spazieren trug, der hatte sich gefälligst zu schämen und zu rechtfertigen. In der Zeit des Gegurkes betrachteten die Münsteraner einen jeden Sympathisanten mit Argwohn, der seine Hinwendung zu dem Verein offen präsentierte. — Das bornierte Münster ist an Humorlosigkeit, zuweilen gar an Respektlosigkeit, kaum zu überbieten.

Aufgrund all dieser Marginalisierungen führten die Anhänger des Vereins ihr Eigenleben. Während man auf dem Prinzipalmarkt gesittet Wein trank, torkelten die Fans in ihren versifften Abendkleidern aus der Isolationshaft Hammer Straße in eine Kneipe namens »Berliner Bär« und ließen sich dort gehen. In dieser türsteherbefreiten Bahnhofsvorhölle fanden sie eine seltene Obhut, auf ihren Hin- und Rückwegen hatten sie dabei viel Spaß an der Freude. Als enthusiastisch und temperamentvoll könnte man ihr Wesen dabei beschreiben. Aber egal, was sie auch taten, es wurde von der bornierten Lokalpresse zwanghaft als »Ärger im Paradies« begriffen. Münster ist an Humorlosigkeit wahrhaftig kaum zu überbieten, das kann man gar nicht oft genug betonen. Und deshalb bekamen Münsteraner Väter am Frühstückstisch die humorlosen Berichte über die Exzesse der Preußenfans gleich nach dem Spielbericht serviert. Erst Gegurke. Dann Ruhestörungen. Preußenfans waren die Sorgenkinder der Stadt, wie ein mobiles Ghetto zogen sie durch die Straßen, wo sie hinkamen, dort brannten die Mülltonnen. Das ist aber doch eigentlich ziemlich witzig.

Dass sie nicht der Teufel ritt, während sie dem SCP über Jahre ihre Loyalität und Hingabe entgegenbrachten, dabei wohl auch mal über die Stränge schlugen, registrieren nun immer mehr Münsteraner. Es lohnt sich auch.
Dieser Verein hat viel zu geben, sogar selbst dann, wenn er bloß herumgurkt. Denn man braucht bloß das Wappen zu betrachten, um seine Anziehungskraft zu erkennen, das Stadion zu betreten, um seine Historie zu begreifen, ein Spiel zu sehen, um seine Autorität zu spüren.

Beim Aufstieg im Mai 2011 waren 18.500 Zuschauer im Preußenstadion, ausverkauft. An diesem Nachmittag sah man Freudentränen in der Stadt, wahrscheinlich zum ersten Mal seit dem Westfälischen Frieden. Nach den Heimsiegen in den prestigeträchtigen Duellen in der laufenden Spielzeit gegen Arminia Bielefeld und den VfL Osnabrück war die überschwängliche Freude in der gesamten Stadt spürbar. Es tat der Atmosphäre merklich wohl.
Das alles sind aktuelle Hinweise darauf, was dieser Stadt in ihrem Alltag fehlt, und was der Fußball dieser Stadt zukünftig also zu geben vermag, —
wenn der SCP auch die tatkräftige Unterstützung der Politik erhält, und von den Münsteranern mit Respekt behandelt wird.

zucken

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9 Antworten to “Die Stadt der Lichter und Lenker”

  1. Georg Krimphove said

    Einfach nur gut – danke

  2. Wurstwasser said

    Klasse – Augenpipi. Gruß aus dem mobilen Ghetto..

  3. Tägliche Westline-Recherche, über den Thread gewundert, angeklickt, die ersten zwei Sätze gelesen… und sofort diese Gewissheit, dass das nur aus deiner Feder stammen kann. 🙂

    Lange nicht gesehen, würde gerne mal wieder ’ne Lowine mit dir nehmen. Ob in Münster oder in der Einkaufsstadt – egal. Meld dich!

  4. derserverclown said

    Wollen wir hoffen, dass der positive Trend sich fortsetzt und Preußen den ersehnten Triumph (anders ’99 Giuseppe Guerini ohne Blessuren) genießen kann.
    Ansonsten empfehle ich mal wieder das grüne Trikot überzustreifen und im belgischen Kreisel gen Stadion zu peezen. Wir fahren ne Windkante und du kannst gerne mein Hinterrad lutschen um Körner zu sparen!!

  5. adlerpower said

    Reblogged this on adlerpower.de und kommentierte:
    Schöne Gedankengänge zum SC Preußen. Einfach mal lesen.

  6. lars_08 said

    Wow! Vielen Dank und dickes Kompliment!!!

  7. […]      im lesenswerten Text Die Stadt der Lichter und Lenker […]

  8. […] Feyerabend (Kabinentraktate) schreibt ganz wunderbar über den Fußball in Münster im Besonderen und über die […]

  9. uk said

    So habe ich mir den Stellenwert von Preußen Münster in Münster immer vorgestellt. Münster ist nicht Fußball, Münster ist alles andere…. Schöne Grüße aus Dortmund

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