Schweinsteigers Sein in Sequenzen

April 15, 2013

Erste Sequenz: Heute

Wenngleich Schalke aus politischen Gründen anderer Meinung ist, hat sein verlorener Sohn durchaus einen Sinn für Humor und Ästhetik, wie es Manuel Neuer noch kürzlich bewies: Denn am vorvergangenen Spieltag schenkte der Torhüter Herrn Schweinsteiger ein verschmitztes Lächeln, nachdem dieser in der 82. Minute eine brenzlige Situation vor dem eigenen Kasten auf dieselbe Art und Weise entschärfte, wie Schweinsteiger gegenüberliegend 30 Minuten zuvor den entscheidenden Treffer in der Frankfurter Arena erzielt – und somit auch den Gewinn der Meisterschaft besiegelt hatte: mit einem Hackentrick.

Ein Klick auf das Bild führt zur Quelle des Screenshots (SkySportHD-Kanal bei YouTube).

Die Zeiten der Bayern, in denen eine Achse begabter Einzelkünstler umringt von Kaderfüllsel durch die Bundesliga marschierte, sind vorüber:
Der sukzessive Gebrauch des Festgeldkontos repräsentiert die Einsicht im Münchener Management, dass mit Mogelpackungen und Kompromisslösungen wie Lell, 
Pranjić, Ottl, Rensing oder Braafheid künftig noch manch nationaler Titel zu gewinnen wäre, aber niemals internationales Glanz und Gloria.
Deshalb ist Heynckes heuer Herbergsvater eines Kaders von nie dagewesener Qualität, mit Guardiola wird über Jahre nur noch besser werden, was sich zur Stunde vor Superlativen kaum noch retten kann. Die Bayern sind so stark, dass selbst einem Franck Ribéry zwar höchstpersönliche Sprechchöre von den Tribünen zuteil werden, der Franzose aber dennoch Arbeitskraft einer flachen Hierarchie, Spieler einer Mannschaft, ein Rädchen im Getriebe ist.
Und obwohl der Medienzirkus für gewöhnlich nach Helden und Protagonisten schmachtet, gebühren gar laut Presse 
die meisten der bis dato 37 Saisonsiege dem bajuwarischen Arrangement, trotz all der instinktiven Einzelaktionen, Doppelpacks und Geniestreiche, also den Asphaltschichten der Erfolgsspur.
Doch die Berichte aus Frankfurt wussten ausnahmsweise einen der vielen Giganten hervorzuheben. Während die Schlagzeilen den Meistertitel des FCB verkündeten, zeigten die ringsum dekorierenden Bilder vorzugsweise ihn: Herrn Schweinsteiger.

Zweite Sequenz: Gestern

Genau wie die Aufnahmen von Schweinsteigers lässigem Jubelmarsch nach seinem Frankfurter Sahnestück die definitive Meisterschaft symbolisierte, versinnbildlichte Schweinsteiger knapp 11 Monate zuvor die größte Tragödie der Vereinsgeschichte, also eine noch tragischere Tragödie als jene von 1999, die 13 Jahre als nicht steigerungsfähig galt. Doch anders als in Barcelona war das Drehbuch für jenen frühsommerlichen Spätabend im Herzen des Maien 2012 im Voraus geschrieben worden, die dramaturgische Inszenierung war nicht bis ins Detail geplant, denn künstlerische Freiheiten sind ein hohes Gut. Der Schlussakt jedoch, er war geschrieben, der Wanderpokal dito graviert.
Weil nämlich das prollige Chelsea das feudale Barcelona aus dem Wettbewerb geantifußballt hatte und ohne ein gesperrtes Stammspieler-Quartett um Kapitän Terry zum Auswärtsspiel alias »Finale dahoam« nach München reiste, schien den Bayern Europas Krone bereits auf dem Silbertablett serviert.
Tatsächlich entwickelte sich ein Endspiel, das der FCB im Verlauf gar dreimal gewann, je vermeintlich: Zunächst nach dem 1:0 durch Müller, dann nach dem Elfmeterpfiff in der Verlängerung und final nach dem Patzer von Mata im Entscheidungsschießen. Dieses dreimal gewonnen geglaubte Spiel ging am Ende verloren. Chelsea schrieb eine Parodie auf das Drehbuch der Münchener, eine Parodie, die ungeachtet ihrer Irrationalitäten in die Faktensammlung der Fußballgeschichte eingegangen ist. Die Zukunft des FC Bayern kann noch so erfolgsverwöhnt sein. Uli Hoeneß wird diesen Moment als den schwärzesten seines sportlichen Lebens mit ins Grab nehmen, und Schweinsteiger wird in einem fort derjenige sein, der es am Ende vergeigte.
briefmarke

Dritte Sequenz: Vorgestern

Schweini gibt es längst nicht mehr. Also Schweini, dieses einstige Postermotiv und Sommermärchen-Teenie-Idol eines neuen Fußballdeutschlands, das dem ribbeck’schen Schatten endgültig entfliehen und der internationalen Elite wieder zugehörig sein wollte. Dieses neue Fußballdeutschland, das überdies bestrebte, sich zu Hause bis in die generationen- und schichtübergreifende Massenkompatibilität zu inszenieren, ganz fashionable, um im Sommer 2006 also nach außen hin unweigerlich einen auf schön Wetter machen zu können:
»Die Welt, aller Geschichtsschreibung zum Trotze, zu Gast bei Freunden«.
Von dieser monumentalen Rolle, für die sich der damalige Flügelspieler nie beworben hatte, konnte Schweinsteiger sich emanzipieren, indem er weiter Fußball spielte, irgendwann und seither auch im Zentrum, sich aber, allen fußballerischen Nuancierungen übergeordnet, nicht beirren ließ – als Mensch.

Sebastian Deisler, der möglicherweise noch heute Stammspieler der Nationalmannschaft wäre, wenn wir ihn damals in Ruhe gelassen hätten, war diese Energieleistung seinerzeit nicht vergönnt. »Deislerin« hieß er intern, »Basti-Fantasti« extern. Um Sebastian Deisler sein zu dürfen, sah er sich 2007 nach einer jahrelangen Leidenszeit, in der er schon lange nicht mehr sein Potenzial hatte ausschöpfen können, dazu gezwungen, seine Karriere zu beenden, sich zurückzuziehen und Fußballdeutschland brachte sich damit selbst um den begabtesten Spielmacher seiner Moderne, entdeckte erst Jahre später in Mesut Özil einen ebenbürtigen. – Bei dieser Erwähnung geht es ausschließlich um die strukturellen Ähnlichkeiten der Karrieren von »Schweini & Basti-Fantasti«, aber mitnichten um einen Vergleich zweier Menschen. Das wäre an den Haaren herbeigezogen. Schon gar nicht im Sinne von Gewinner und Verlierer, robust und zart. Das wäre pietätlos. Diese Zeilen sind keine Halunken! Diese Zeilen aber, sie möchten an dieser Stelle erinnern:
Erinnern an Sebastian Deisler, 
und jene Bürde, die seit der Jahrtausendwende nicht wenige Spieler zu tragen haben, nämlich unsere Bedürfnisse befriedigen zu müssen, weil nicht bloß die 90 Minuten (das ist der Verrat am Fußball), sondern auch der Alltag jenseits der Spielflächen (das ist der Verrat am Menschen) ein ergötzendes Spektakel sein soll.
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Vierte Sequenz: Zeitlos

Weil Schweinsteiger sich der auferzwungenen Let-Me-Entertain-You-Rolle also hat entledigen können, hinterlässt der fehlende Spitzname seither eine Lücke. Erwachsen ist der nimmermüde Eifer, diesen Schweini, der keiner mehr war, aufs Neue zu kategorisieren, das Schweini-Vakuum mit Etiketten zu füllen. Kein Spieler wird und wurde hierzulande jemals so kritisch betrachtet, so umfangreich analysiert und so häufig porträtiert wie Schweinsteiger:
Die Gazetten, die Fachmagazine, die Kolumnisten, die Fans sind verzweifelt auf der Suche nach einer Schublade für Schweinsteiger: Als Defensiv-Ass, Denker und Lenker, Taktgeber, Kreativspieler, Kampfschwein, Laufwunder, Anführer, Regisseur und noch mehr wurde Schweinsteiger in den vergangenen Jahren bezeichnet. Die Debatte, ob Schweinsteiger das Attribut »Weltklasse« zusteht, ist auch außerhalb von München zu einem philosophischen Disput, einem zähen Ringen um die Deutungshoheit über Schweinsteigers Leistungen und Charakter geworden. Und weil heutzutage die Positionsspielchen im Fußball wie Atomphysik betrachtet werden, wird es noch verworrener. Die Fachleute streiten sich ferner, ob Schweinsteiger nun ein 10er, 6er oder 8er ist, ob er im ZM, DM oder ZOM zu Hause ist. Da geht es um weit mehr, als bloß taktisches Interesse. Denn all jenen sachlichen Gedankengängen übergeordnet ist es eine weitere Etappe auf der zeitlosen Suche nach einer Gestalt für den verlorenen Sohn alias Schweini. Und bei der Reflexion der Dynamik dieses jahrein, jahraus verlaufenden Etikettierungsprozesses könnte man beinahe vermuten, dass Schweinsteiger an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet.
Oder aber, dass Schweinsteiger der Einzige ist, der einen klaren Kopf behält. 

Die zeitlose Suche nach einer Form setzt sich aus diversen Intervallen zusammen, die jeweils den thematischen Rahmen vorgeben, innerhalb dessen Schweinsteiger einen neuen Namen bekommen soll. Weil sich momentan sowohl der FC Bayern als auch die Nationalmannschaft in einer narzisstischen Verfolgungsjagd auf den FC Barcelona beziehungsweise La Furia Roja wähnen, ist das spanische Mittelfeld im gegenwärtigen Intervall der Resonanzkörper, in den aufmerksam gehorcht wird, um das passende Alter Ego für Schweinsteiger zu finden, – anstatt Schweinsteiger einfach mal Schweinsteiger sein zu lassen.
Xavi, Iniesta und Busquets sind das Mittelfeld-Grundgerüst dieser beiden Mannschaften. Ihre Aufgaben unterscheiden sich erheblich, aber jeder der Drei hat seine Funktion perfektioniert. In den vergangenen fünf Jahren wurde das Triumvirat zweimal Europa- sowie einmal Weltmeister, zweimal Pokalsieger sowie viermal Meister in Spanien, zweimal Sieger der Königsklasse und noch mehr so Klimbim. Doch glaubt man den hiesigen Autoritäten, gilt für Schweinsteiger offenbar, dass er dieses Triumvirat in Personalunion ist:obstkorb

Diese Zitate von Fachleuten können lediglich andeuten, wie exzessiv die Suche nach Metaphern und Spiegelbildern für Schweinsteiger unter Fußballfans und im Boulevard betrieben wird. Und zweifelsohne werden bei der gegenwärtig so angesagten Gegenüberstellung mit dem spanischen Ensemble einmal mehr nicht bloß Äpfel mit Birnen verglichen. Sondern vielmehr Schweinsteiger mit einem Obstkorb. Doch warum eigentlich? – Nun, weil Fußballdeutschland sagt, dass Schweinsteiger nicht Schweinsteiger sein darf.
Und diese Zitate sind nicht etwa der exemplarische Ausschnitt eines Systems. Wer sich nämlich auf die Suche nach ähnlichen Vergleichen begibt, der wird kaum einen finden. Niemand faselt herum, dass Özil sich nicht hinter Mata oder Cazorla verstecken braucht, Hummels in einer Liga mit Piqué und Vidić spielt, es zwischen Lahm und Jordi Alba keine großen Unterschiede gibt oder etwa, dass Gauck und die Queen die besten Staatsoberhäupter der Welt sind.
Aber zeitlos, weil existenziell ist sie, die rastlose Fahndung nach einer Gestalt für Fußballdeutschlands verlorenen Sohn alias Schweini.

(…) 

Die Sequenzen fünf »Morgen« und sechs »Übermorgen«
folgen ebenso im Verlaufe der Woche wie auch die Schlusssequenz »Schweinsteiger Sein. Wie man bleibt, was man war.«

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Eine Antwort to “Schweinsteigers Sein in Sequenzen”

  1. rodriguez said

    bin schon gespannt auf die fortsetzung! vor allem auf „übermorgen“ 🙂

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