Sowohl in Turin als auch in München schien man die Auslosung des Viertelfinales der Königsklasse wie einen Kompromiss zu begreifen:
Es hätte zwar besser kommen können, aber doch auch viel schlimmer.

Die Offiziellen beider Lager wurden so nicht müde zu betonen, dass es sich um ein „Duell auf Augenhöhe“ handele, das allseits mit Vorfreude erwartet wird. Und tatsächlich verspricht diese Begegnung die größte Spannung aller Viertelfinalspiele. Doch nicht nur das: Für die Anhänger des Europäischen Klubfußballs hätte in der schweizerischen Gemeinde Nyon wohl kein anderes Duell ausgelost werden können, das ein derart aufschlussreiches Kräftemessen zweier Spitzenvereine in ihrer jeweiligen Gegenwart verspricht, und das zudem ein Kräftemessen zweier Rekordmeister ihrer jeweiligen Heimat ist.

Juventus‘ Chronologie der Ereignisse

Als sich die Italienische Nationalmannschaft im Sommer 2006 zum Weltmeister kürte, war das auch ein symbolischer Sieg, ein Befreiungsschlag, ein Lebenszeichen für ihren heimischen Calcio. So hoch wie Fabio Cannavaro die Trophäe in den Nachthimmel von Berlin reckte, so tief steckte der italienische Fußball im Sumpf: Marode Stadien ohne Zuschauerandrang, Gewaltprobleme in den Kurven und zuvorderst der Manipulationsskandal zwangen die heimische Serie A in die Knie. Heute, sieben Jahre später, hat sich die Liga tapfer wieder auf die Beine gestellt. Doch der Verein, der damals am tiefsten gefallen war, ist auch der Verein, der seither am höchsten emporgestiegen ist: Juventus Turin.

Während andere Klubs wie AC Mailand, AC Florenz und Lazio Rom lediglich mit Punktabzügen bestraft wurden, traf es den Rekordmeister 2006 doppelt: Juventus wurde zum Zwangsabstieg in die Serie B verdonnert und sollte dort mit 30 Minuspunkten in die Saison starten. Zwar kämpfte der Verein bis zum Schluss darum, den bitteren Gang in die Serie B nicht antreten zu müssen, doch als sie final zivilrechtliche Schritte im Jenseits der UEFA-Kompetenzen anstrebten, schaltete sich Sepp Blatter ein. Das Staatsoberhaupt der Fußballwelt muss klare Worte gefunden haben, in etwa diese: »Zivilrecht gibt’s hier nicht. Wenn ihr das tut, knipse ich Euch und ganz Italien das Licht aus.«

Retrospektiv hat sich der Zwangsabstieg mit Blick auf die Gegenwart aber für Juventus sogar gelohnt. Das klingt paradox und es hätte tatsächlich auch mächtig schief laufen können, doch heute steht fest, dass es für die Turiner eine gute Möglichkeit war, verkrustete Strukturen aufzubrechen und mit Sinn und Verstand einen Neuanfang anzustreben. Einen Neuanfang, dessen Gelingen sich alleine durch die Erfolge der vergangenen beiden Spielzeiten definiert sieht, der amtierende Meister Juventus Turin ist auf dem besten Wege, seinen Titel in diesem Jahr zu verteidigen.

Interessant bei der Rückbetrachtung ist, dass Juventus Turin den Horror namens Zwangsabstieg gemeistert hat, aber die Sekundärstrafe dafür eine wesentliche Rolle spielte: Das Defizit von 30 Minuspunkten wurde in zwei Schritten auf zunächst 17 und schließlich auf 9 Strafpunkte herabgesetzt. Diese Tatsache mag über das Schicksal des Vereins entschieden haben, denn durch die verbesserte Ausgangslage für die Zweitligasaison ließen sich Leistungsträger wie Buffon, Camoranesi, Del Piero, Nedved und Trezeguet für einen Verbleib erwärmen. Zwar verließen namhafte Akteure wie Ibrahimovic und Viera den Verein, aber durch die Loyalität der genannten Spieler konnte Trainer Deschamps ein überragendes Team für den Wiederaufstieg formen. Mit den ursprünglich 30 Minuspunkten hätte Juventus aber zumindest 75 Punkte erspielen müssen, um überhaupt den Klassenerhalt zu gewährleisten von einem sofortigen Wiederaufstieg hätte folglich nicht die Rede sein können. Ob sich das Starensemble um Buffon und Trezeguet unter diesen Umständen auf mindestens zwei Spielzeiten in der Serie B eingelassen hätte, darf stark bezweifelt werden. 

Repräsentierte Juventus also vor sieben Jahren den Abgrund des italienischen Fußballs, steht der Verein heute für das komplette Gegenteil, und lässt die gesamte Serie A Morgenluft wittern. Der Verein ist nicht nur sportlich wieder an der Spitze, sondern auch von der Infrastruktur. Die meisten Stadien der Liga sind immer noch in einem kläglichen Zustand, der Zuschauerzuspruch verbessert sich nur langsam. Insofern ist das wiedergenesene Juve ein Paradebeispiel für die gesamte Liga und ihre Ambitionen für die Zukunft.
Mit der Saison 2011/12 begann für Juve also ein Kapitel, das noch lange nicht zu Ende geschrieben ist: Im November 2011 wurde das Juventus Stadium eröffnet, für jeden Fußballfan ist diese Arena ein Schmuckkästchen, doch innerhalb der Serie A steht das neue Stadion, wie angedeutet, in einem gewaltigen Kontrast zu den meisten der nationalen Konkurrenz; das Juventus Stadium ist regelmäßig ausverkauft. Zur gleichen Zeit begann auch ein neues Kapitel auf dem Trainerstuhl: Antonio Conte, der knapp 300 Spiele als Aktiver für den Verein bestritt, wurde zum Heilsbringer für Juventus Turin.

Juventus‘ Gegenwart

Das aktuelle Team von Juve setzt sich in seiner Chronologie aus mehreren Ebenen zusammen, von denen zwei äußerst erwähnenswert sind. Zum einen befinden sich mit De Ceglie, Giovinco und Marchisio Spieler im Kader, die der eigenen Fußballschule entstammen. Ihnen kam der Zwangsabstieg gelegen, denn sie bildeten unter Trainer Deschamps mitsamt dem angesprochenen Starensemble eine heterogene Mannschaft, die in einem intakten Teamgeist zur Eintracht wurde. Zum anderen gesellten sich im Sommer 2011 neben Trainer Conte auch einige Neuankömmlinge zur Mannschaft, die fortan im neuen Stadion einen fantastischen Fußball spielt. Besonders hervorzuheben sind Lichtsteiner (kam von Lazio Rom), Vidal (Leverkusen), Pirlo (Milan) und Vucinic (Roma). Alle vier übertrafen die Erwartungen bei weitem.

Juventus‘ Taktik

Für die Zuschauer aus Fußballdeutschland ist die anstehende Begegnung vor allem in einer Hinsicht hochgradig interessant, denn Conte spielt seit geraumer Zeit mit einem System, das hierzulande kaum bekannt ist. In Deutschland (wie auch in England, Frankreich und Spanien) spielt quasi jedes Team mit der allseits bekannten Viererkette, die sich aus je zwei Innen- und zwei Außenverteidigern formiert. In der Serie A praktizieren aber immer mehr Teams eine Alternative, die sich im Wesentlichen aus einer Dreierkette und zwei Flügelverteidigern zusammensetzt.

Die Vorteile liegen auf der Hand, denn die Viererkette, die seit circa 15 Jahren europaweit der Standard ist, hält ein immenses Anforderungsprofil für die Außenverteidiger bereit: Positions- und Stellungsspiel, gute Flanken, Zweikampfstärke, Schnelligkeit und vieles mehr. Demgemäß ist es kein Wunder, dass es kaum Vereine in Europa gibt, die jene Positionen nicht als latente Problemzone kennen, denn das Angebot an fähigen Außenverteidigern ist gering, die Nachfrage aber riesig. Auch der FC Bayern hat erst unlängst mit dem Duo Lahm/Alaba eine sehr gute Lösung gefunden. Erinnerungen an frühere Kandidaten wie Oddo, Lell, Braafheid und Pranjic zeigen, wie schwer sich die Münchener mit der Suche nach einem tauglichen Pendant für den gesetzten Lahm jahrelang getan haben.

Chelsea

In dieser Formation spielte Juventus Turin beim FC Chelsea

In der Gruppenphase der diesjährigen Champions-League-Saison lief Juventus mit dem abgebildeten System an der Stamford Bridge auf. Mit Hinblick auf das bevorstehende Spiel gegen Bayern München folgt auf dieser Grundlage nun ein Einblick in die Funktionsweise des Systems und wie Trainer Conte es für das bevorstehende Spiel anpassen könnte. (Buffon#1 steht natürlich im Tor.)

I. Die Dreierkette (schwarz): #3 Chiellini, #19 Bonucci, #15 Barzagli

Diese Formation basiert also auf drei Innenverteidigern, die auf einer Höhe agieren. Im Gegensatz zur früheren Dreierkette, die bis Ende der 90er Jahre allerorten Standard war, agiert der zentrale Spieler nicht als Libero an der Seite von zwei Verteidigern, die wiederum als Manndecker fungieren.

Für Dienstag → Die Standardbesetzung der Dreierkette gilt für die Partie gegen München als gesichert. Für seltene Fälle hat Trainer Conte auch noch die Formation mit einer Viererkette in petto, greift aber nur in Notfällen auf diese zurück. Der überragende Chiellini musste zwar kürzlich eine kleinere Verletzung auskurieren, stand aber vergangenen Samstag im Derby d’Italia gegen Inter über 90 Minuten auf dem Platz und wird auch gegen München auflaufen können. Sein Ausfall wäre ein herber Verlust für Conte gewesen.
Bonucci wird sich in erster Linie um Mandzukic, die wahrscheinliche Sturmspitze der Bayern, kümmern, während Chiellini und Barzagli sich zu den Außenstürmern (Ribery und Müller/Robben) orientieren werden, wobei sie nennenswerte Unterstützung von den Flügelverteidigern erhalten werden.

II. Die Schaltzentrale (rot): #21 Pirlo

Pirlo, der im Sommer 2011 ablösefrei von Milan nach Turin wechselte, ist das Prunkstück dieses Systems, die Herz-Lungen-Maschine. Stand er bei Mailand noch auf dem Abstellgleis, ist er in seinem zweiten Frühling zum maßgeblichen Spielgestalter geworden, der es in dieser Funktion seinem Trainer erlaubte, dieses System so erfolgreich umzusetzen. Durch seine Erfahrung, seine Spielübersicht und -intelligenz, seine Passgenauigkeit, aber auch durch seine Defensivqualitäten ist er der essentiellen Faktor aller Überlegungen Contes.

Für Dienstag → Mit Pirlos Effektivität wird die gesamte Leistung des Teams stehen und fallen. Wahrscheinlich wird es häufig zu beobachten sein, dass Pirlo sich im Spielaufbau bis in die Dreierkette zurückfallen lässt, um über genügend Zeit und Raum zu verfügen, um das Spiel zu gestalten. Des Weiteren wird sich an seinem Verhalten ablesen lassen, wie gut die Taktik der Bayern funktioniert. Denn je ideenloser Pirlo in seiner Rolle agiert, desto besser kommen die Münchener ihren Aufgaben nach.

III. Die Flügelspieler (orangefarben): #22 Asamoah, #26 Lichtsteiner

Diese Position ist die strukturelle Crux des Spielsystems. Im Gegensatz zu den Außenverteidigern in der Viererkette genießen die Spieler auf den Flügeln mehr Freiheiten. Die defensive Dreierkette hält ihnen den Rücken frei, dadurch verringert sich auch das Anforderungsprofil. Je nach Spielsituation und je nach Gegner ist es den Flügelverteidigern erlaubt, sich auf einer unterschiedlichen Höhe zu positionieren. Nominell ergibt sich meist ein 3-5-2, aber sowohl bei einer defensiven Orientierung als auch der Ergebnissicherung ergibt sich eher ein 5-3-2 System.
Ferner können die Flügelspieler bei einer offensiven Ausrichtung auch derart stürmisch agieren, dass das System einem 3-3-4 gleicht.
Losgelöst von der höheren Wahrscheinlichkeit, geeignete Spieler für diese Position zu gewinnen, ist eben diese Variabilität die große Stärke des Systems mit Dreierkette und Flügelverteidigern.

Für Dienstag → Selbstredend wird sich Juventus im Hinspiel, das sie folglich auswärts bestreiten, eher defensiv ausrichten. Deshalb wird die Formation häufig einem 5-3-2 System ähneln, gegen die bärenstarken Außenstürmer werden, wie oben angedeutet, Asamoah und Lichtsteiner den nominellen Verteidigern maßgebliche Unterstützung leisten müssen. Wenn Conte seine Mannschaft auch nominell stabiler ausrichten möchte, ist es eine Option, dass Asamoah für den defensiv stärkeren Peluso weichen muss.

IV. Das offensive Mittelfeld (blau): #8 Marchisio, #23 Vidal

Auch diese Positionen agieren flexibel. Im Spielaufbau oder bei einer defensiveren Ausrichtung spielen beide (oder zumindest Vidal) häufig auf einer Höhe mit Pirlo. Allem übergeordnet ist diese Position maßgebliches Bindeglied zwischen Defensive und Offensive. Hier zeigt sich also ein weiterer Unterschied zu den meisten Systemen mit Vierkette, denn entfaltet beispielsweise in einem 4-2-3-1 (wie der FC Bayern es spielt) der Offensivdrang zuvorderst über die Außen, so werden die Angriffe von Juventus Turin meist durch die Mitte vorgetragen.

Für Dienstag → Wenn Juventus in der Allianz Arena auch offensive Akzente setzen möchte, sind die Italiener auf eine gute Tagesform von Marchisio und Vidal angewiesen. Die Qualität der beiden steht außer Frage, Vidal ist Fußballdeutschland noch aus seiner Zeit in Leverkusen bestens bekannt, die Bayern standen vor wenigen Jahren kurz vor einer Verpflichtung des Chilenen. Marchisio spielt mittlerweile auch in der Squadra Azzurra eine tragende Rolle und wird, wie viele andere Akteure von Juve auch, die Zukunft der Nationalmannschaft prägen – vermutlich sogar sehr erfolgreich.

V. Der Sturm (weiß): #12 Giovinco, #9 Vucinic

Diese Position ist besonders hinsichtlich der generellen Kaderplanung interessant. Die meisten Europäischen Spitzenklubs setzen im Sturm eher auf die Qualität, was wiederum damit zusammenhängt, dass es in einem 4-2-3-1 System nur eine nominelle Spitze gibt. In dieser Hinsicht gönnen sich Vereine wie Bayern München (mit Mandzukic, Gomez und Pizarro) oder Real Madrid (mit Higuain, Benzema und Morata) den seltenen Luxus, auf mehrere Stürmer zurückgreifen zu können. Diese Stürmer ähneln sich jedoch sehr stark, was mit den charakteristischen Qualitäten einhergeht, über die ein geeigneter Spieler in diesem System verfügen muss. Aber nur die wenigsten Klubs können es sich buchstäblich leisten, auf gleich mehrere fähige Angreifer für diese Position zurückgreifen zu können. Viele Vereine verfügen also über eine Idealbesetzung (Lewandowski, Huntelaar, Kießling…), dessen etwaiger Ausfall nicht kompensiert werden kann.
Ein ganz anderes Bild gibt der Kader von Juventus Turin ab, denn schließlich spielen die Norditaliener mit zwei nominelle Spitzen. Am häufigsten spielen der Montenegriner Vucinic und Giovinco, sowohl Matri als auch Quagliarella sind den Erstgenannten in puncto Einsatzzeiten jedoch ebenbürtig (Daten siehe Grafik unten). Ferner ist ebenfalls Giaccherini eine Option. Trainer Conte bringt den flinken Angreifer häufig von der Bank, um frischen Wind für die Außenbahnen einzuwechseln. Bei dieser großen Auswahl an Stürmern ist es bezeichnend, dass sich klangvolle Namen wie Bendtner, Pepe, Iaquinta (suspendiert) und auch Anelka hinten anstellen müssen und kaum berücksichtigt werden.
Juventus‘ Sturmabteilung ist aber keineswegs Einheitsbrei. Deshalb hat Conte die Möglichkeit, je nach Gegner ein adäquates Sturmduo aufzubieten und gegebenenfalls im Laufe des Spiels zu korrigieren.
Für die Zukunft ist allerdings davon auszugehen, dass Turin sich von einigen Stürmern trennt und insgesamt eher auf (eine herausragende) Qualität setzt. Ein notwendiger Schritt, denn der Wechsel von Llorente (kommt im Sommer aus Bilbao) steht bereits fest.

Für Dienstag → Wie erwähnt rotiert Conte regelmäßig bei der Besetzung der beiden Positionen in der Spitze. Der Trainer kann dabei von der Pluralität an Stürmern profitieren, die ihm zur Verfügung steht. In erster Linie kommt dabei das oben genannte Quartett in Frage. Der Einsatz von Giovinco ist allerdings fraglich. Am Samstag musste er ein rüdes Faul von Cambiasso einstecken, den Bildern nach zu urteilen ist es ein Wunder, dass er überhaupt im Kader steht. Ob die Zeit bis Dienstag für ihn reicht, bleibt abzuwarten.
Wem Conte für das Spiel in München das Vertrauen ausspricht, lässt sich nur spekulieren. Wie es um die besonderen Fähigkeiten der Kandidaten steht, lässt sich dieser Grafik entnehmen:

qua

Variationsmöglichkeiten für das Hinspiel in München

Nun ist es allerdings nicht unwahrscheinlich, dass Antonio Conte für das Hinspiel in München eine Veränderung vornehmen wird. Es ist durchaus möglich, dass Turin lediglich mit einer nominellen Sturmspitze aufläuft und das Mittelfeld um einen weiteren Spieler ergänzt. Sollte Conte sich für diese Option entscheiden, ist davon auszugehen, dass der spielstarke Franzose Pogba (#6) in die Mannschaft rückt. Falls Conte also nur einen Stürmer ins Rennen schickt, sind Vucinic (#9) und vor allem Matri (#32) die aussichtsreichsten Kandidaten für diese Aufgabe. Der 20-jährige Pogba, der kürzlich für die Französische Nationalmannschaft debütierte, könnte entweder Pirlo in der Schaltzentrale unterstützen oder aber – was am wahrscheinlichsten ist – die Achse Vidal/Marchisio um eine weitere Position ergänzen.
Diese beiden Optionen lassen sich grafisch wie folgt darstellen:

pogba

Ausgewählte Aufgaben und Chancen des FC Bayern:

Das offensive Mittelfeld in Person von Toni Kroos wird auf Seiten der Münchener die wesentlichste Position im Mannschaftsgefüge sein. Womöglich steht Kroos gar das wichtigste Spiel seiner bisherige Karriere bevor, denn er wird nicht nur wie gewohnt die Münchener Geschicke im Offensivspiel leiten, sondern mehr denn je in der Defensive gefordert sein. Es obliegt zuvorderst Kroos, die Kreise von Pirlo einzuengen: Eine Herkulesaufgabe, die spielentscheidend sein kann: Denn sollte es Kroos gelingen, der Herz-Lungen-Maschine den Stecker zu ziehen, würde das Spiel der Turiner gewaltig ins Stocken geraten. Jogi Löw wird Toni Kroos sehr genau beobachten, eine Feuertaufe für den 23-jähigen, auch im Hinblick auf seine zukünftigen Chancen in der Nationalmannschaft.

Im defensiven Mittelfeld werden sich Schweinsteiger und (voraussichtlich) Luiz Gustavo um Marchisio und Vidal (plus eventuell Pogba) kümmern müssen, das werden allesamt nicht weniger interessante Duelle. Diese Logik gilt natürlich (wie auch für Kroos und Pirlo) auch im umgekehrten Sinne, sobald die Münchener am Ball sind und das Spiel nach vorne treiben.

Der linke Flügel um Ribery und Alaba wird gegen Lichtsteiner und Barzagli agieren. Der Schweizer Nationalspieler ist einer der besten Flügelspieler weltweit, seine Defensivqualitäten ermöglichen ihm zudem, auch einem Ribery in Topform alles abzuverlangen. Über die linke Seite kann der FC Bayern zu guten Gelegenheiten kommen, sollten sie Lichtsteiner einmal ausgespielt haben. Wenn es dann schnell geht, bieten sich Ribery und Alaba gegen den zuweilen hüftsteifen Barzagli alle Möglichkeiten, um Torgefahr zu entwickeln.

Auf der rechten Seite ergibt sich ein ähnliches Bild. Hier wird allerdings Lahm mit dem offensivstarken Asamoah weitaus mehr zu tun bekommen, als Alaba mit dem eher zurückhaltenden Lichtsteiner. Lahm und Müller/Robben werden aber ihre Leistungsgrenze erreichen müssen, um am herausragenden Verteidiger Chiellini vorbeizukommen.

Die Außenverteidiger Lahm und Alaba werden verglichen mit ihrem Alltag in der Bundesliga weitaus weniger in der Defensive gefordert sein.
Spielt der FC Bayern beispielsweise gegen Borussia Dortmund, sind die Außenverteidiger fortdauernd gefordert, die Dortmunder Angriffsläufe über die Flanken (im 4-2-3-1 z.B. mit Kuba/Reus) zu verteidigen.
Weil das Offensivspiel der Italiener jedoch, wie beschrieben, vornehmlich über das Zentrum nach vorne getrieben wird, sollten sich Lahm und Alaba viele Gelegenheiten für Vorstöße ergeben. Vor allem der blutjunge Alaba könnte ein spielentscheidender Faktor sein, weil er seine Dynamik und seine Offensivqualitäten voll ausspielen kann.

Im Mittelfeld kommt es nicht zuletzt auf die Zweikampfstärke an, sollte Conte, wie in den taktischen Alternativen ausgeführt, diese Region um Pogba verstärken, werden die Zweikämpfe noch bedeutsamer, geht es schließlich um das Ringen um die Hoheit im Mittelfeld. Demgemäß wird es spannend, wer bei Ballbesitz durch Kurzpassspiel und Gedankenschnelligkeit die engen Räume am besten für sich nutzen kann. Diese Gedankenschnelligkeit wird insbesondere für die Bayern vor allem dann erforderlich sein, wenn sich nach Ballgewinn gegen die aufgerückten Flügelverteidiger Räume auf den Flanken ergeben.
Die Flügelstürmer der Münchener werden auf diese Gelegenheiten lauern, dann liegt es an den zentralen Mittelfeldspielern, sie mit präzisen Pässen in Szene zu setzen.

Allem übergeordnet schwebt für die Münchener aber eine Gefahr über ihrem eigenen Stadion. Bastian Schweinsteiger gab am Samstag gegenüber dem ZDF zu Protokoll, dass die Italiener bekannt »schlitzohrig« seien und sie gerade dann, wenn man meint, sie unter Kontrolle zu haben, »aus dem Nichts einen Treffer erzielen«. Da wären wir also bei einem Deutschen Trauma, das sich im Jenseits aller taktischen Überlegungen befindet: Der Italiener, der aus dem Nichts trifft. Insofern gibt es trotz der guten Vorzeichen für die Münchener, das anstehende Spiel erfolgreich absolvieren zu können, eine schlechte Nachricht: Welcher und wie viele Stürmer auch immer der Startelf stehen, welcher Stürmer auch immer eingewechselt wird: Vucinic, Quagliarella und Matri können vor allem eines: aus dem Nichts treffen.

[vielen Dank an bobo für das Füttern und die Unterstützung dieser Gedankengänge und das entsprechende Entfalten Deiner italienischen Aura.]