Zur Lage der Schalker Nation

Februar 10, 2013

Jens Keller befand sich bereits kurz vor seiner Embryonalphase, als Horst Heldt im Dezember 1969 in irgendeinem Kreißsaal von Königswinter das Licht der Welt erblickte. Dass die beiden also in etwa das gleiche Alter haben, ist bloß eine Randnotiz, aber der zeitliche Ausgangspunkt für ihre späteren Karrieren als Fußballer, die für Keller und Heldt jeweils von 1990 bis 2005 in der identischen Zeitspanne verlaufen sollten.

Mit den Gemeinsamkeiten nimmt es seinen Lauf: Heldt spielte überwiegend beim VfB Stuttgart, bei Eintracht Frankfurt, bei 1860 München und beim 1.FC Köln, 14 von 15 Jahren verbrachte er bei den genannten Vereinen.
Und Keller? Auch er spielte überwiegend beim VfB Stuttgart, bei Eintracht Frankfurt, bei 1860 München und beim 1.FC Köln, 12 seiner 15 Spielzeiten verweilte er in den genannten Städten.

Jetzt wird es allerdings ulkig: Der statistische Zufall, den man seit diesem Wochenende eher als metaphysische Fügung zu interpretieren geneigt ist, wollte es so, dass Keller und Heldt sich in diesen 15 Jahren allenfalls als Gegner auf dem Spielfeld gegenüberstanden, dasselbe Trikot trugen sie in der gesamten Zeit nicht an einem einzigen Spieltag.

Im Sommer 1995 verzeichneten beispielsweise die Münchener Löwen Jens Keller als Abgang, während sie Horst Heldt als Neuzugang begrüßten. Kurz nachdem Heldt die Frankfurter Eintracht 2001 verlassen hatte, wurde der Verein neuer Arbeitgeber von Keller. Mit der Jahrtausendwende war der 1.FC Köln zuvor der letzte Erstligist, der Jens Keller unter Vertrag genommen hatte; also eben jener Verein, bei dem Horst Heldt noch als Knirps seine ersten Fußballschuhe schnürte, während Heldt seine Karriere eben dort beendete, wo Jens Keller mit dem Kicken begonnen hatte: Beim VfB Stuttgart.

Obwohl sich ihre Werdegänge also aus denselben Puzzleteilen zusammensetzen, hätte die Chronologie ihrer Engagements folglich kaum asymmetrischer verlaufen können und der geneigte Schalker wird nach diesem Wochenende konstatieren, dass es dabei auch am besten hätte bleiben sollen.

Denn sowohl Heldt als auch Keller setzten ihren Lebenslauf im Fußballgeschäft fort, um zukünftig auch hinter den Kulissen jener Bühne erfolgreich zu sein, auf der sie sich zumindest solange als fähig erwiesen hatten, wie Stutzen und Schienbeinschoner zu ihrer Arbeitskleidung zählten.
Doch wie würde das bloß in moderner Business-Garderobe (Heldt), oder Lambswool Pullover mit V-Ausschnitt (Keller) aussehen?

Eines Tages sollten sich die Wege ihrer ähnlich motivierten Missionen also abermals kreuzen: Diesmal standen sie sich aber nicht als Kontrahenten gegenüber, sondern erstmals als Kollegen. Ausgerechnet auf Schalke, dieser bedeutungsschwangeren Mutter aller Pulverfässer.

Zu spekulieren, welche Dynamik sich zwischen Heldt und Keller entwickelte, nachdem sie urplötzlich denselben Arbeitgeber hatten und sie in gemeinsamen Plaudereien bestimmt auch darüber haben schmunzeln müssen, wie lange sie sich zuvor aus dem Weg gegangen waren, ist gegenstandslos und liefe sogar Gefahr, in esoterische Konzepte abzudriften. Und doch muss irgendwo in dieser schleierhaften Atmosphäre der Prolog für jene Story geschrieben worden sein, die sich aktuell der Bedrohung ausgesetzt sieht, nach einer bloß lachhaft kurzen Existenz schon bald ein geschlossenes Kapitel zu sein.
Nichts Neues im modernen Schalke, wo doch noch die meisten Geschichten beendet wurden, bevor ein Außenstehender überhaupt hatte erahnen können, was sie ihm eigentlich erzählen wollten.

Plötzlich ging alles ganz schnell: Heldt und Keller traten aus bedecktem – nicht heiterem – Himmel an die Öffentlichkeit und forcierten ihre Werbekampagne, um der aufmerksamen Fußballnation und der aufgewühlten Schalkenation sinngemäß zu versichern: Wir arbeiten jetzt gemeinsam, wir vertrauen uns und das ist momentan die beste Grundlage für ein erfolgreiches Schalke.

Ein erfolgreiches Schalke also, das (in welchen Hinsichten auch immer, die sind für Außenstehende ja nicht immer einfach nachzuvollziehen), irgendwie erfolgreicher sein sollte, als es der bis dato zweite Tabellenrang in der Bundesliga, der erste Platz in der Champions-League-Gruppe und das Fortbestehen im DFB-Pokal zu repräsentieren vermochten. 

Doch plötzlich sollte alles noch viel schneller gehen: Wenn der Mensch nämlich Prozesse einleitet oder beschleunigt, die sich seiner umfassenden Kontrolle entziehen und die sich überdies in einer für den Menschen widernatürlichen Geschwindigkeit verselbstständigen können, wird es gefährlich, für den Menschen. Das ist überall so, doch besonders im Zirkuszelt der Bundesliga.

Zu spüren bekommen das augenblicklich diejenigen, die sich noch kürzlich dank jener Vision in Sicherheit wähnten, dass sich mit einer jungfräulichen Vertrauensbasis das Kind namens Schalke schon schaukeln ließe. Möge sich die Gewalt der unkontrollierbaren Rasanz im Geschäft der Bundesliga, die bislang noch jedes Vertrauensverhältnis in die Knie gezwungen hat, in den folgenden Zeilen widerspiegeln:

Der Rauswurf von Stevens ist die eine Sache. Die Neubesetzung die andere.
In den vergangenen Wochen sind Heldt und Keller bislang jegliche Qualitätsnachweise schuldig geblieben, die den Aktionismus aus der Vorweihnachtszeit rechtfertigen könnten. Der Aktionismus wirkt jetzt bloß noch wie ein blinder. Kein Optimist hat aus gegenwärtiger Sicht noch sinnvolle Antworten auf die Frage parat, was die beiden zu dieser Kampagne bewog.

Die Schalker spielten in München grauenhaft, der Auftritt und die Körpersprache waren eindeutig. Seit Monaten gelingt es Schalke nicht, aus einem sehr guten Kader ideale Leistungen zu schöpfen. Keller hat daran nichts verbessern können, wahrscheinlich ist es noch schlimmer geworden:
Es ist keine Handschrift des Trainers erkennbar, geschweige denn ein Konzept oder Courage.

Ein erfolgreicher Wettstreit mit den Münchenern glich von vornherein einer Herkulesaufgabe. Das spricht aber in erster Linie für die Bayern und bloß untergeordnet gegen den FC Schalke. Jens Keller musste auf einige Spieler verzichten, unter ihnen waren viele aus dem Stammpersonal. Aber das Stammpersonal hatte sich diese Bezeichnung in den vorigen Spielen kaum mehr verdient, die vertrackte Lage hätte man unter diesen Umständen mit einer das-ist-uns-jetzt-scheißegal-Einstellung ins Gegenteil verkehren können, zumindest in den Köpfen. Die Bundesliga hat schon häufig Mannschaften bestaunen dürfen, die sich unter ähnlichen Bedingungen, also mit dem Rücken zur Wand, durch eine Trotzreaktion, durch einen Kraftakt, durch einen Leidenschaftsbeweis an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen haben.

Spielertypen wie Fabian Ernst oder Peer Kluge hätte Schalke gebrauchen können, es ist bezeichnend, dass die beiden keine Haare auf dem Kopf haben, aber sie sich trotzdem aus dem Sumpf gezogen hätten, und mit ihnen selbst auch die Kollegen, völlig ungeachtet des Resultats. Denn es ging bei dem Auswärtsspiel in München für Schalke nicht darum, Punkte zu holen. Es ging darum, eine Reaktion zu zeigen, das Gesicht zu wahren. Nach dem Abpfiff hätten die aus dem Hals herausgelaufenen Lungen von Ernst oder Kluge auf dem Rasen der Allianz Arena gelegen, Michel Bastos ist in 72 Minuten 7900 Meter gelaufen, Jermaine Jones hatte 36 Ballkontakte im gesamten Spiel, das sind anonyme Werte, wenn man sie im Verhältnis zu dem Herzblut sieht, mit dem die Schalker im Gästeblock und vor den Bildschirmen bei der Sachen waren. Dass sich aber ein Jones, im Gegensatz zu Bastos ein ortskundiger Vertrauter, mit seiner angedachten Rolle des Leitwolfs zwischen seinen Mitspielern als dermaßen isoliert zu empfinden scheint, dass er sich vor lauter Überforderung der Arbeitsverweigerung verdächtig macht, symbolisiert im Hier und Jetzt ein unbeseeltes Schalke.

Das Gros einer Mannschaft muss gleichwohl Schalke kennen und fühlen, um Schalke in Situationen wie dieser zu helfen. Wenn sich aber die Mannschaft samt Trainer unter widrigen Bedingungen auf die Rückrunde vorbereiten muss, weil Horst Heldt das Fällen einer wesentlichen Entscheidung bis zum Geht-nicht-mehr hinauszögert, also in einem zähen Verhandlungsmarathon mit Lyon und London seine Zerstreuung findet, während die zügige Klärung aller Transfergeschäfte für Jens Keller von immanenter Bedeutung gewesen wäre, um in seinem Aufgabenbereich über die Grundlage zu verfügen, aus eigener Feder eine effiziente wie durchdachte Strategie für den herbeieilenden Spielbetrieb zu entwickeln, ist das, was auf Schalke derzeit denkt und lenkt, ausschließlich mit Dilettantentum zu übersetzen.
Heldt entschied sich, Holtby, den Schalker, abzugeben. Heldt entschied sich, Bastos, den Fremden, zu holen. Weil er die Entscheidung bis in die letzten Stunden des Januars vertagte, war es logisch, dass diese so ausfallen würde.
Heldt hätte das wissen müssen, auch, wie wichtig frühere Klarheit gewesen wäre und ebenso der Verbleib von Lewis Holtby. Über einen ineffektiven Holtby gegen eine meisterhafte Bayern-Defensive hätte sich niemand beklagt. Ein beflissener, aber wesensfremder Bastos erweist sich als Bumerang, der aus München im hohen Bogen durch die geschlossenen Fenster in Heldts Büro fliegt. Bastos sollte die Mastercard für Schalke sein und Heldt wusste nicht, dass es Dinge gibt, die man nicht kaufen kann.

Falls Keller tatsächlich in den nächsten Wochen seinen Platz räumen müsste, hätte sich Horst Heldt disqualifiziert und zwar bis ans Ende seiner Tage.
Er hat sich nach der Entlassung von Stevens für Keller stark gemacht, ihn ins Amt befördert und ihm der versammelten Öffentlichkeit gegenüber das absolute Vertrauen ausgesprochen. Verbunden mit der definitiven Zusicherung, dass Keller mindestens bis zum Sommer Trainer auf Schalke bleibt. Wenn Heldt dieses Versprechen bricht, dann müsste er auch die Konsequenzen tragen. Als Manager wäre Horst Heldt dann komplett unglaubwürdig, würde wahrscheinlich nie wieder einen Posten anvertraut bekommen, vorausgesetzt das Geschäft hat ihm damals richtig zugehört.

Wenn das Schalker Schicksal nicht vorrangig wäre und das Beenden der Talfahrt nicht oberste Priorität genießen würde, könnte man tatsächlich Mitleid für Horst Heldt empfinden. Es ist eine Tragödie.

Aber es ist auch noch nicht gesagt, dass es so weitergehen muss:
Beim Auswärtsspiel in Mainz hätte das derzeitige Personal wohl die vorerst letzte Möglichkeit, sich tatsächlich noch an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.
Allerdings sprachen die Interviews nach dem Spiel in München buchstäblich eine eindeutige Sprache. Auch ein Autist wird in den Gesichtern der Spieler erkannt haben, dass die Schalker lebensmüde sind.
Ein erneutes Desaster in Mainz würde für Keller wahrscheinlich das Ende auf Schalke und für Heldt das Ende seiner Karriere bedeuten.
Für Schalke könnte das hingegen einen Schrecken mit Ende bedeuten, vorerst.

Denn wer würde vermuten, dass die Nachwelt lange frei von Schrecken bliebe, Schalke eine Geschichte zu schreiben begönne, von der ein Außenstehender also eines Tages erahnen könnte, was sie ihm eigentlich erzählen will?

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