Ein feuerwerkähnliches Spektakel, verpufft

März 11, 2013

Wer die Gegenwart der TSG 1899 Hoffenheim nicht versteht und sie doch verstehen will, der muss in die Geschichte über ein Mädchen eintauchen. Dieses Mädchen, das nur einen großen Traum hatte, war unlängst durch das Fenster ihres mit Postern beklebten Zimmers getürmt, um heimlich ein Konzert von Justin Bieber zu besuchen. Sie hatte nichts dabei außer einem Schlafsack, einem selbstgemalten Plakat und ihrer Jugend. Ihre Bestimmung, oder es war nur der Zufall, wollte es so, dass sie urplötzlich ihren Angebeteten erspähte, als Bieber Stunden vor seinem Auftritt durch eine unscheinbare Öffnung der Konzerthalle schlüpfte, um ein wenig nach frischer Luft zu schnappen. Das Mädchen (ihr Name war Dietmar) begriff sofort, kreischte ohrenbetäubend, rannte, und – stand vor ihm. Von diesem Moment hatte sie nur geträumt. Aber sie hatte nur bis hierhin geträumt, also nicht weiter, und deshalb wusste sie nicht, was sie jetzt tun sollte. Ohnmacht.
Bieber lächelte fachmännisch, sagte »you are amazing«, drehte sich um und wurde sogleich vom Innenleben jener riesigen Konzerthalle geschluckt, wo die kleine Dietmar wenig später nur noch ein Mädchen unter vielen sein sollte.

Als sich die TSG Hoffenheim im Dezember 2008 zum sogenannten Herbstmeister kürte, war das Gekreische ohrenbetäubend, nicht nur im Kraichgau. Dem Aufsteiger gelang eine famose Hinserie, die Mannschaft war ein Hybrid aus Soldaten und Artisten. Auf den Flanken knallten die Angriffsläufe von Ba und Obasi laut wie Peitschenschläge, Carlos Eduardo rotierte sich wie ein Kreisel durch die Zentrale und ganz vorne stand Ibisevic: das Kanonenfeuer. Hoffenheim war ein feuerwerkähnliches Spektakel – und in der Epoche des Eventmarketings kam das sehr gut an. Kaum einer verschrie den Verein zu diesem Zeitpunkt noch als Retortenklub, weil von dieser Bundesliga-Party alle so begeistert waren. In Fußballdeutschland wichen Missgunst und Ethos der Schwärmerei, der Unterhaltungslust.

Häufig verkünden Vereine die Marschroute, von Spiel zu Spiel gucken zu wollen. Doch Hoffenheim guckte nach der Jahrtausendwende von Liga zu Liga, ein etwas anderer Zollstock also, denn die TSG hatte nach dem Millennium nur ein Ziel vor Augen: Das Oberhaus. Aber plötzlich waren sie dort und urplötzlich waren sie gar Tabellenführer, das war der Kamm einer jahrelangen Welle des Erfolgs, von der man sich hatte tragen lassen. Von diesem Moment hatte Dietmar Hopp nur geträumt. Aber er hatte nur bis hierhin geträumt, also nicht weiter, und deshalb wusste er nicht, was er jetzt tun sollte. Ohnmacht.
Der Spitzenrang lächelte fachmännisch, sagte »you are amazing«, drehte sich um und die TSG wurde sogleich vom Innenleben der Bundesligatabelle geschluckt, wo 1899 wenig später nur noch ein Verein unter vielen sein sollte.

Etikettenschwindel

Als Etikettenschwindler Dietmar Hopp den Vereinsnamen im Sommer 2007 um das raubkopierte Gründungsjahr 1899 ergänzte, tat er förmlich so, als hätte der Kraichgau über ein Jahrhundert vergebens auf das gewartet, was er nun zu Stande bringen wollte. Doch nachdem die vermeintliche Ziellinie Bundesliga überschritten gewesen war, wusste er keine Antwort mehr auf die Frage, wohin die weitere Reise gehen sollte. Denn geträumt hatte Hopp nur von der Bundesliga und nicht davon, was er dort tun wollte. Ziel erreicht, kein neues, kalte Füße. Herbstmeister Hopp stand vor Justin Bieber. Die kleine Dietmar wusste nicht, ob sie ihn umarmen, sich an ihn klammern sollte. Ohnmacht. 

Dass der Abschied von Aufstiegs-Alphatier Rangnick auf jenen Unklarheiten basierte, ist kein Geheimnis. Doch seitdem die Hoffenheimer Hauptplatine den Klub 2011 verließ, ist das totale Chaos ausgebrochen. Ein Hardwareproblem jagt das nächste. Zerwürfnisse. Ein Hin und Her. Ein stetiger Wechsel der Philosophie. Ein Desaster in der Außendarstellung. Keine Leitfigur, kein Paradigma, keine Autorität, kein Prozessor, kein Freibier. Weil die Bundesliga-Party vorüber ist, regieren in Fußballdeutschland wieder Missgunst und Ethos.

Demba Ba, Tim Wiese, Marvin Compper und Tom Starke erzählen repräsentative Geschichten aus dem Hoffenheim im Jenseits seiner Träume. Aber die Causa Babbel bietet die passendste Symbolik, denn die TSG vertraute Markus Babbel im Frühjahr 2012 eine Doppelfunktion an, – als Manager und Trainer in Personalunion. Doch selbst Felix Magath hatte seine einst preisgekrönte Karriere als Fußballlehrer mit dieser Hybris vermurkst, da war es keine große Überraschung, dass Babbel noch im Dezember desselben Jahres von seinen Aufgaben entbunden wurde, und bei Wikipedia seitdem als »heutiger Fußballtrainer, der momentan vereinslos ist« gelistet wird.

Und wer war eigentlich nochmal dieser Pezzaiuoli? Nach Rangnicks Abgang war jedenfalls alles Kraut und Rüben. Vor nicht allzu langer Zeit posaunte man im Kraichgau noch groß herum, dass die TSG in der Transferpolitik fortan auf Nachhaltigkeit setzen würde. Also auf junge Spieler, am besten aus der Region, die sich in aller Ruhe entwickeln dürften, – auf horrende Ablösesummen wollte 1899 hingegen verzichten, sparsam sein. Man nennt das Greenwashing.
Aber dieses theoretische Gefasel ist schon längst wieder einem globalisierten Import-Export gewichen, nach bester magath’scher Art. Dass dieser einst so durchdachte Verein, dass dieser einst so kalkulierte Betrieb mittlerweile in blinden Aktionismus verfallen ist, sagt alles, – oder nichts mehr:
Ein feuerwerkähnliches Spektakel, verpufft.

MPF

Die DFL hat zur Saison 2011/12 eine Regeländerung vorgenommen, die unfreiwillig als Diagnoseinstrument dient, um dienstunfähige Mannschaften zu erkennen. Seit jener Spielzeit ist es Vereinen untersagt, an ihre Spieler Rückennummern über 40 zu vergeben, aus welchen Gründen auch immer. Jedenfalls ist die Vergabe höherer Ziffern nur gestattet, wenn der Kader aus mehr als 40 Spielern besteht, gesetzt diesen Fall würden die Trikots fortlaufend nummeriert werden. Abgesehen von den Ausnahmen Tymoshchuk, Bargfrede und Kacar (FCB, SVW, HSV; alle #44), die ihre Rückennummer schon vor dieser Regeländerung besaßen und diese somit auch behalten dürfen, lässt sich festhalten, dass es ein äußerst schlechtes Zeichen ist, wenn ein Spieler in der Bundesliga auf dem Trikot eine Ziffer trägt, die größer als 40 ist. Denn dieses Symptom steht stellvertretend für eine katastrophale Kaderplanung und eine alberne Transferpolitik. Wessen Trikotnummer also jenseits der 40 liegt, der spielt in einer Mannschaft, die keine ist – und bei einem Verein, der nicht weiß, was er will.

Aber nach jahrelanger Identitätskrise sieht sich Hoffenheim gegenwärtig dazu gezwungen, sich zu spüren. Nach einem fortdauernden Vakuum der Planlosigkeit hat die TSG urplötzlich wieder ein Ziel, ob sie nun will oder nicht. Dieses Ziel ist der Klassenerhalt, das Hoffenheimer Heute lautet Abstiegskampf. Es hat sehr lange gedauert, aber nach all den Turbulenzen scheinen sich Spieler wie Verantwortliche endlich auf das Wesentliche zu konzentrieren, den nötigen Tunnelblick zu bekommen, ein Licht am Ende desselben zu sehen. Endlich. Denn was wurde bei 1899 nicht für ein Tohuwabohu veranstaltet? Stellvertreterkriege, Eitelkeiten, Scheingefechte: Die Paris Hilton der Liga. Augenblicklich scheinen sie es aber zu raffen. Denn, wenn der Dachstuhl lichterloh brennt, dann muss man mit vereinten Kräften hin – und löschen.

Hoffenheim spürt sich also wieder. Das fühlt sich nicht gut an. Aber es ist der richtige Weg für den Verein, weil es der einzige ist und er keinen eigenen gehen wollte. Der Tabellenkeller zwingt jetzt zur Selbstfindung, die TSG hat sich ihre Schocktherapie besorgt. In der Medizin gibt es eine Diagnose mit dem ICD-10 Code X80: »Vorsätzliche Selbstbeschädigung durch Sturz in die Tiefe«.

Aber Hoffenheim brauchte eine Krankheit, um wieder gesund zu werden:
Jetzt, nach dem couragierten Auftritt gegen München und dem effizienten Auftritt in Fürth, ist es wieder wahrscheinlich, dass die TSG, womöglich über die Relegation, im Oberhaus verbleibt. Also eben dort, wovon sie immer nur geträumt hatte. Doch selbst nach diesem glücklichen Ausgang wäre 1899 Hoffenheim in der Sommerpause nur noch eine Ruine. Aber die Ruine eines Vereins, der sich ab diesem Zeitpunkt endlich weiterträumen könnte.
 

Das kleine Mädchen Dietmar wäre indes zu einer Trümmerfrau geworden. Wenn alles gut geht, wischt sich Dietmar im Juni den Schweiß von der Stirn, atmet durch, träumt, denkt nach, ist voller Tatendrang. Dietmar lächelt sogleich und schiebt eine Schubkarre vor sich her. Wenn alles gut geht.

Im Kraichgau zirkulieren dann Baukräne durch die sommerliche Luft; so wie sich einst Carlos Eduardo in Form eines Kreisels durch die Zentrale rotierte – und der Himmel, er ist enträtselt wolkenlos. Wenn alles gut geht.

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3 Antworten to “Ein feuerwerkähnliches Spektakel, verpufft”

  1. Stitch Jones said

    Wollte nur mal loswerden, dass mir deine Texte ausgesprochen gut gefallen.

  2. […]  im lesenswerten Text Ein feuerwerksähnliches Spektakel, verpufft […]

  3. […] Mal an der Seitenlinie stehen. Gleichzeitig bietet sich der TSG 1899 zum letzten Mal die Chance, sich im Abstiegskampf aufzubäumen. Die Leistung der Hoffenheimer wird also über das Schicksal der Screenshots entscheiden – aber […]

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